Die Linke, die Ökologie und das Wachstum Volksstimme Redaktion Orig. Foto: Jan CC BY-SA 2.0 / Flickr
12 Juli

Die Linke, die Ökologie und das Wachstum

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Der Kapitalismus und das Ökosystem stoßen zunehmend an ihre Grenzen. Doch was tun? Weiter wie bisher, Green New Deal oder grüner Care-Kommunismus?
Von Martin Birkner, zitiert aus der Volksstimme No. 6 Juni 2017

Es ist ein Dilemma. Der Großteil der Menschen ist auf einen Lohnarbeitsplatz angewiesen, um den eigenen Lebensunterhalt sichern zu können, gleichzeitig untergräbt der Kapitalismus das Vorhandensein von Arbeitsplätzen. Marxistisch sprechen wir vom Widerspruch von Produktionsverhältnissen und Produktivkräften. Durch die wissenschaftliche und technische Entwicklung erfuhr die menschliche Arbeit in den letzten Jahrzehnten enorme Produktivitätssteigerungen, und durch die allseitige Verflechtung des ökonomischen Geschehens auch einen immer höheren Grad an Vergesellschaftung. Es werden immer weniger ArbeiterInnen notwendig, um dieselbe Anzahl an Waren herzustellen. Die Kardinalantwort des Kapitalismus darauf war und ist Wachstum: immer mehr Waren, immer mehr Geld, immer mehr Akkumulation – und das immer schneller. So kann, zumindest eine Zeit lang, der mit den oben beschriebenen Produktivitätssteigerungen einhergehenden krisenhaften Tendenz begegnet werden. Unangenehmer Nebeneffekt des Wachstumsgebots ist allerdings die Untergrabung der menschlichen Reproduktionsbedingungen durch immer weitere Ausdehnung des Verwertungsparadigmas auf alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens, und vor allem auch auf unsere natürlichen Lebensgrundlagen: Klimawandel, Erosion der Böden und Vergiftung der Weltmeere sind die Folge.

Kein oder gar negatives Wirtschaftswachstum ist unter kapitalistischen Vorzeichen ein Synonym für »Krise«.

Vor diesem Hintergrund ist es angemessen, der ökologischen Frage eine zentrale Rolle zuzumessen. Dies bedeutet auch, die Wachstumsvorstellungen der historischen Linken einer Kritik zu unterziehen. »Einholen und überholen« galt in den staatskapitalistischen Planwirtschaften als zentrales Paradigma: Wachstum also war gut, nur der Weg dahin umstritten. In Gesellschaften des Mangels mag dies eine berechtigte Ansicht sein, in solchen des Überflusses gilt es, sich ein für alle Mal davon zu verabschieden. Dies bringt uns realpolitisch jedoch sofort in eine prekäre Situation: Abschied vom Wachstum ist nämlich im Kapitalismus nicht zu haben, beruht dieser doch konstitutiv auf der Dynamik des »immer mehr«. Kein oder gar negatives Wirtschaftswachstum ist unter kapitalistischen Vorzeichen ein Synonym für »Krise«. Allerdings ist sogar dem fortgeschrittenen Teil der kapitalistischen Eliten mittlerweile aufgefallen, dass es so nicht weitergehen kann: Die Suche nach alternativen Parametern zur Messung der Wirtschaftsleistung (jenseits rein monetärer Bezüge) und nach Möglichkeiten eines ökologisch möglichst neutralen »Green New Deal« legen davon Zeugnis ab. Doch diese Versuche sind zum Scheitern verurteilt, solange nicht mit den zentralen Institutionen des Kapitalismus, dem Privateigentum an Produktionsmitteln sowie der kapitalistischen Herrschaft über die lebendige Arbeit gebrochen wird.

»Grüner« Kapitalismus oder wirkliche Alternativen

Wie der absehbaren ökologischen Katastrophe im Rahmen kapitalistischer Logik begegnet wird, können wir gegenwärtig beobachten: mittels »Finanzialisierung der Natur«. Bislang kostenlos verfügbare natürliche Ressourcen bzw. das Recht auf deren Zerstörung werden mit Preisen versehen und dem »freien Markt« überantwortet. Von handelbaren CO2-Zertifikaten bis hin zur Beruhigung des KonsumentInnengewissens (von »klimaneutraler« Warenzustellung bis zu »Klimatickets« als modernem Ablasshandel bei Flugreisen) sehen wir uns täglich mit den Auswirkungen kapitalistischen »Umweltschutzes« konfrontiert. Dies ist nicht nur deshalb heuchlerisch, weil die angestrebten Klimaziele bei weitem nicht erreicht werden. Oft führt die Einführung der Marktlogik im ökologischen Bereich zum Gegenteil des Beabsichtigten. Wenn zum Beispiel über den oben bereits erwähnten Öko-Ablass Monokulturen im Globalen Süden errichtet werden (Ölpalmen, Soja, etc.), die sowohl zur Reduktion der Biodiversität als auch mithin zu Landgrabbing und der Vertreibung ganzer Bevölkerungen aus den betroffenen Gebieten führt. Überhaupt findet sich kaum ein Beispiel marktförmiger Umweltpolitik im großen Rahmen, das nicht zulasten des Globalen Südens geht. »Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört« ist nicht zufällig ein wichtiger Slogan der Refugee-Bewegung, zeigt er doch den Zusammenhang zwischen der imperialen Politik des Kapitals und den zeitgenössischen Flüchtlingsbewegungen auf.

Wie aber kann eine linke Antwort in Richtung einer solidarischen Postwachstumsgesellschaft aussehen? Zum einen gilt es, sich von der Fetischisierung der Lohnarbeit zu lösen. Im postfordistischen Kapitalismus wird Dienstleistungs- sowie Care-Arbeit immer wichtiger. In diesen Bereichen sind – im Gegensatz zur materiellen Produktion – radikale Produktivitätsfortschritte nicht möglich. Dies gilt umso mehr, wenn es sich um Care-Arbeit handelt. In dieser Tendenz liegt eine potenziell über den Kapitalismus hinausweisende Perspektive begründet: Warum wenden wir nicht mehr Zeit für die Befriedigung zwischenmenschlicher Bedürfnisse auf, wenn unsere materiellen Bedürfnisse durch die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit ohnehin mit immer weniger Arbeit(szeit) auskommt? Darüber hinaus täte die Linke aber auch gut daran, sich verstärkt um alternativökonomische Projekte zu kümmern. In Tauschkreisen, Commonsexperimenten, Co-Housing-Initiativen und nichtkapitalistischen landwirtschaftlichen Projekten wird permanent unverzichtbares Wissen für eine Ökonomie jenseits von Profit und Umweltzerstörung geschaffen.

»Andere Bedürfnisprioritäten«

»[E]ine Umweltpolitik kann nicht nur und nicht hauptsächlich erst am Ende des Produktionsprozesses eingreifen, um die von diesem hervorgebrachten Ressourcen zu verteilen [...]. Solche Wiedergutmachungs- und Eindämmungsmaßnahmen wären wirkungslos und enorm kostspielig. Die Zukunft der Umwelt hängt von langfristigen Entscheidungen ab. Diese führen erst nach längerer Zeit zu Ergebnissen, die nur global zu bewerten sind. Es bedarf einer Macht, die in der Lage ist, präventiv zu handeln, die Forschung zu planen, strategische Entscheidungen für Investitionen und Ansiedlungen zu treffen und die internationale Arbeitsteilung danach auszurichten. Dazu ist es notwendig, ein öffentliches Bewusstsein zu entwickeln, sodass die Menschen in der Lage sind, im Rahmen einer globalen, langfristigen Perspektive andere Bedürfnisprioritäten anzunehmen.«1 Dieser Satz des italienischen Kommunisten Lucio Magri, aufgeschrieben vor 30 Jahren, beschreibt sehr gut, worauf es auch heute noch ankommt: Die Etablierung einer wirklich ökologisch nachhaltigen Ordnung muss sowohl das Umverteilungsparadigma der reformistischen Linken überschreiten als auch ein »öffentliches Bewusstsein« darüber entwickeln, dass und wie die herrschenden »Bedürfnisprioriäten« durch ökologisch und sozial verträgliche ersetzt werden können.

Ulrich Brand und Markus Wissen nennen die aktuell vorherrschende Bedürfnispriorität der globalen Mittelklasse »Imperiale Lebensweise«2. In ihrem aktuellen Buch zeigen sie auf, dass ein »Green New Deal«, also eine mit etwas mehr Staatseingriffen umgestaltete, stärker auf erneuerbare Energie und die Produktion umweltverträglicher Produkte orientierte kapitalistische Ökonomie unweigerlich am Akkumulationsimperativ jedes Kapitalismus seine Grenzen findet. Diesen zu überwinden ist nicht nur wünschenswert im Sinne globaler sozialer Gerechtigkeit, sondern vielmehr notwendig für das Überleben der Menschheit.

Unterwegs zum grünen Care-Kommunismus

Die schönsten und wichtigsten Aspekte eines guten Lebens können weder für Geld gekauft noch akkumuliert werden: Liebe, Zuneigung, Freundschaft, Muße, Kreativität. Damit soll freilich nicht gesagt werden, dass dies jenseits einer gesicherten materiellen Basis möglich ist. Gesundheitsversorgung, Bildung, gutes Wohnen und materielle Sicherheit sind vielmehr konstitutiv dafür. Nicht zufällig sind die oben genannten auch jene Bereiche, in denen kapitalistische Mechanismen nicht so recht greifen. Zwar ist die Kapitalisierung des Sozialsystems heutzutage gängige Praxis, die für den kapitalistischen Wachstumsimperativ notwendige Steigerungslogik (»immer mehr« und »immer schneller«) ist jedoch nur sehr beschränkt umsetzbar. Genau hier hakt die Perspektive der »Care-Revolution« ein. Die in diesem Bereich geleistete Care-Arbeit bietet einen unverzichtbaren Ansatz postkapitalistischer Vergesellschaftung: Sie widersetzt sich, wie gesagt, der zerstörerischen Steigerungslogik und sie stellt die Sorge um unsere Mitmenschen und damit die Frage des »guten Lebens« ins Zentrum ihrer Perspektive. Ermöglicht wird diese Perspektive durch den Stand der Vergesellschaftung der Arbeit und der fortgeschrittenen Entwicklung ihrer Produktivkraft. Wir (im globalen Norden) können, ja wir müssen uns leisten, weniger zu produzieren – und genau deswegen besser und solidarischer zu leben. Das damit verbundene, demokratisch zu organisierende Minus-Wachstum eröffnet gleichzeitig in ärmeren Weltgegenden die Chance auf ein quantitatives und qualitatives Wachstum, das ökologisch nachhaltig und demokratisch ausgestaltet eine Angleichung der Lebensmöglichkeiten auf globaler Ebene möglich macht.

Es geht um nichts weniger als um die Abkehr von der Forderung nach »Vollbeschäftigung« bzw. mehr Arbeitsplätzen.

Was bedeutet das für die politische Orientierung der Linken hier? Es geht um nichts weniger als um die Abkehr von der Forderung nach »Vollbeschäftigung« bzw. mehr Arbeitsplätzen. Stattdessen brauchen wir einen Blick auf Arbeitsverhältnisse, der weit über die Institution der Lohnarbeit hinausgeht. In einer Gesellschaft die – mittlerweile – »zu reich« für den Kapitalismus ist, gilt es, die ökologische unmittelbar mit der sozialen Frage zusammen zu artikulieren: »Gutes Leben für alle statt Wachstum und Arbeitsplätze um jeden Preis«. Die politischen Eckpunkte wären:

  • Trennung von Arbeit und Einkommen. In einer extrem reichen Gesellschaft wie der unseren darf niemand zurückgelassen werden. Jeder Mensch hat das Recht auf gesellschaftliche Teilhabe, sowohl an den sozialen Dienstleistungen wie auch an ausreichend Geld für ein menschenwürdiges Leben.
  • Radikale Verkürzung der Tages-, Monats- und Lebensarbeitszeit.
  • Aufwertung gesellschaftlich notwendiger Nicht-Lohnarbeit.
  • Eine breite gesellschaftliche Diskussion nach einem sinnvollen Verhältnis von Lohnarbeit, nicht entlohnter Arbeit und Nicht-Arbeit.
  • Entwicklung neuer Parameter zur Messung und Steuerung der Produktion jenseits des monetären Paradigmas. Die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse – nicht die Generierung von Wachstum und Profit – müssen dabei im Zentrum stehen.
  • Die Frage nach der Steuerung der gesellschaftlichen Produktion und Distribution stellen: Was kann dem Markt überlassen werden, was anderen demokratischen Steuerungsinstitutionen, was braucht gar nicht gesteuert zu werden?

Schritte in diese Richtung lassen sich jedoch nicht auf politische Forderungen reduzieren. Sie erfordern eine breite gesellschaftliche Debatte, aber auch Praxen und Experimente eines »guten Lebens« im Hier und Jetzt. Hier setzt auch die Debatte um »Care-Revolution« ein, die der gesellschaftlichen Ausgestaltung der Sorgearbeit eine zentrale Rolle im Kampf um eine nachhaltige postkapitalistische Gesellschaft zuweist. Nicht zuletzt bedeutet das auch, die Frage der politischen Organisierung nicht von jener des kommunistischen Befreiungszieles zu trennen, oder, wie es Marx in seinen berühmten Feuerbachthesen schön dialektisch formuliert hat: »Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. […] Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.«3

1. Lucio Magri: Der Schneider von Ulm. Eine mögliche Geschichte der KPI, Argument Verlag, Hamburg 2015, S. 416.
2. Ulrich, Brand und Markus Wissen: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus, oekom Verlag, München 2017.
3. Karl Marx: Thesen über Feuerbach, in: Marx-Engels Werke, Band 3, Dietz Verlag Berlin (Ost) 1969, S. 5.


Martin Birkner ist linker Theoretiker und Publizist sowie als Unabhängiger aktiv bei Wien Anders. Er leitet die Edition kritik & utopie im Wiener mandelbaum verlag und ist Redakteur des mosaik-blog.at. 2014 erschien sein Buch »Lob des Kommunismus 2.0«.

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