Wie Karl Marx zum Kommunismus kam Volksstimme Redaktion Orig. Foto: thierry ehrmann CC BY 2.0 / Flickr
06 Juni

Wie Karl Marx zum Kommunismus kam

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Karl Marx begann seine politische und publizistische Laufbahn als Liberaler. In Paris fand er über das Proletariat zum Kommunismus. Hier begannen auch seine kritischen Studien der bürgerlichen Ökonomie. Ein Projekt, welches er von da an sein ganzes Leben verfolgen sollte.
Von Michael Fischer, zitiert aus der Volksstimme No. 5 Mai 2017

Auch wenn das Gesetz der Knappheit in Anbetracht der zyklisch wiederkehrenden Überproduktionskrisen im Kapitalismus als absurd zu bezeichnen ist, trifft es in einem Falle ausnahmsweise zu: Dann nämlich, wenn es um die Seltenheit ernstzunehmender Kritik an Karl Marx geht. Maßloser Überfluss herrscht dagegen an überaus dummer Kritik an ihm. So kursiert im Internet ein Meme, welches das Konterfei von Marx zeigt und darunter folgende Vorwürfe gegen ihn auflistet: Er habe nie eine Firma geleitet, nie einen Job behalten, nie ein politisches Amt bekleidet und sei sein ganzes Leben vom Geld des Unternehmersohns Friedrich Engels abhängig gewesen. Trotzdem hielten ihn viele für den besten sozialen, politischen und ökonomischen Philosophen aller Zeiten. Die Botschaft des antikommunistischen Memes ist klar: Was will so ein Taugenichts von Wirtschaft und Politik verstehen. Der soll doch erst mal arbeiten gehen. Welche Vorwürfe gegen ihn treffen überhaupt zu?

Meme und Realität

Marx war in vielen politischen Organisationen aktiv, ob nun im Bund der Kommunisten, der Demokratischen Gesellschaft in Brüssel, deren Vize-Präsident er war, oder in der Ersten Internationale. In ein politisches Amt wurde er nie gewählt, doch dies hatte gute Gründe. Bereits vor 1848 legte Marx die preußische Staatsbürgerschaft nieder. Er erhoffte sich davon, in Zukunft nicht mehr von der der preußischen Regierung und deren Spitzeln ins Visier genommen zu werden. Im englischen Exil blieb er bis zu seinem Lebensende staatenlos. Dies sind nicht die besten Voraussetzungen, sich in ein Amt wählen zu lassen, zumal in Deutschland erst nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution 1849 das Dreiklassenwahlrecht eingeführt wurde.

Aber wie sieht es nun mit den »Jobs« aus, die Marx anscheinend nie behalten konnte. Marx studierte auf Drängen seines Vaters Heinrich Rechtswissenschaft. Der vom Judentum zum Protestantismus konvertierte Heinrich Marx war selbst juristisch als braver Beamter tätig. Privat und nach mehreren Bieren soll er jedoch seine Sympathien für die Republik und seine Abneigung gegen Preußen öfter offen gezeigt haben. Den Sohn zog es bald zur Philosophie hin und wie viele andere war er begeistert von Hegel. Schon früh in seinen Zwanzigern schloss er sein Doktorstudium ab und konnte sich gute Chancen auf eine Universitätskarriere ausrechnen. Sein Förderer hieß damals Bruno Bauer. Nur wenige Jahre später sollte er mit ihm in der Frage um die Emanzipation der Juden aneinander krachen. Nach 1848 entwickelte sich Bauer zu einem der führenden Vertreter des Antisemitismus in Deutschland. Doch zurück zu Marx und seinen Universitätsambitionen. Mit einer Professorenlaufbahn wäre es wahrscheinlich auch etwas geworden, hätte Preußen Anfang der 1840er-Jahre nicht alle Lehrenden kaltgestellt, deren Ideen auch nur irgendwie an Hegel erinnerten. Damit war dieser Karriereweg für Marx verbaut. Wie viele andere junge Hegelianer betätigte er sich nun journalistisch. Dabei war er überaus talentiert und ihm fiel durch sein Schreiben die Sympathie und Bewunderung der Kölner Bourgeoise zu. Diese behielten ihn noch Jahre in guter Erinnerung und schickten ihm selbst dann noch Geld, als er sich bereits zum Kommunisten gewandelt hatte. Das Geld nahm er dann jedoch nicht mehr an.

Marx wurde mit Mitte zwanzig der Chefredakteur der liberalen Rheinischen Zeitung. Doch schon wieder zerstörte Preußen seine Karriereplanung, denn die Zeitung wurde verboten. Ähnliches widerfuhr Marx 1849 mit seiner Neuen Rheinischen Zeitung, auch sie durfte nicht mehr erscheinen und er musste Deutschland für immer verlassen. Wie unschwer zu erkennen ist, erweisen sich die Vorwürfe gegen Marx als unfair und haltlos. Marx scheiterte an den Verhältnissen, die er nicht beeinflussen konnte. Früh in seinem Leben musste er mehrmals die schmerzhafte Erfahrung machen, dass der/die Einzelne eben nicht der Schmied des eigenen Glückes ist. Im Gegenteil, das Glück war unter diesen Verhältnissen nicht zu verwirklichen. Denn entweder passte man sich den Verhältnissen an und bezahlte das gesellschaftliche Fortkommen mit der eigenen Verdummung und Verrohung oder man stritt für das Glück und wurde als Strafe dafür von der Gesellschaft ins Abseits gestellt. Marx scheiterte als Liberaler, der die bürgerlichen Glücksversprechen verwirklichen wollte, dies war es wohl auch, was ihn so offen für das notwendig revolutionäre Begehren des Proletariats in der Mitte des 19. Jahrhunderts machte. Denn diese Menschen gehörten schon durch ihre Klassenzugehörigkeit notwendig zu den Verlierern der Gesellschaft und mussten die bestehenden Verhältnisse revolutionär aufheben, um die Welt für sich zu gewinnen. Diese Auflehnung des Proletariats gegen die bürgerliche Gesellschaft ließ Marx zum Kommunisten werden, der Herrschaft und Ausbeutung abschaffen wollte. Erst als revolutionärer Kommunist konnte Marx den Widerspruch zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften als entscheidendes Charakteristikum des Kapitalverhältnisses erkennen und kritisieren. Dies sollte für sein Hauptwerk Das Kapital sehr wichtig werden.

Paris und der Kommunist Marx

Im Oktober 1843 erreichte der noch junge Marx Paris, die Hautstadt des revolutionären und radikalen Europas. Die französischen – als auch die ins Exil vertriebenen – Linken aus aller Herren Länder lebten und agitierten im Herzen Frankreichs. Als Links galten damals DemokratenInnen, RepublikanerInnen, AtheistInnen und nur am Rande SozialistInnen und KommunistInnen. Als Marx Paris betrat war er ein Linker, als er die Stadt wieder verließ, war er Kommunist. Dazwischen lagen 16 Monate. In Paris schloss er eine lebenslange Freundschaft mit Friedrich Engels, studierte die Vertreter der politischen Ökonomie und traf mit sozialistischen und kommunistischen ArbeiternInnen zusammen.

Sein Kommunismus war nur durch einen revolutionären Bruch mit der bürgerlichen Gesellschaft realisierbar, zudem war dieser frei von religiösen Begründungen. Damit grenzte sich Marx von allen anderen sozialistischen und kommunistischen Vorstellungen seiner Zeit ab. Auch als Kommunist verfocht Marx hegelsche Ideen und befürwortet weiterhin den Freihandel, dessen Durchsetzung er als Voraussetzung für den Kommunismus betrachtete. Bereits im Frühjahr 1845 fasste er den Plan, eine Kritik der politischen Ökonomie in Form einer Broschüre zu publizieren. Dafür hatte er mit dem linken Darmstädter Karl Julius Leske bereits einen Verleger gefunden. Doch wieder einmal durchkreuzte das reaktionäre Preußen seine Pläne. Marx und andere Revolutionäre sollten aus Frankreich ausgewiesen werden. Unvorsichtigerweise meldete er sich freiwillig bei der französischen Polizei. Für ihn schien es unvorstellbar, dass sich das liberale Frankreich den Wünschen des konservativen Preußen beugte. Dies war ein folgenschwerer Irrtum. Marx musste Frankreich innerhalb einer Woche verlassen und fand sich vor der Revolution von 1848 in Brüssel wieder. Nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution ging Marx ins englische Exil. Dort arbeitet er in der Bibliothek des Britischen Museums an seinem Kapital. Der Erste Band erschien erst 1867, mehr als zwanzig Jahre nach der Zeit in Paris. Die Reaktionen auf sein Werk enttäuschten den Autor der Kritik der politischen Ökonomie. In den bürgerlichen Wirtschaftswissenschaften wurde sein Werk kaum diskutiert. Die Arbeitswertlehre der politischen Ökonomie wurde dort schon längst nicht mehr vertreten. Die subjektivistische Grenznutzentheorie galt nun als wissenschaftlicher Standard. Mit der Kritik der politischen Ökonomie konnten diese Leute nichts mehr anfangen. Einzig in der immer größer werdenden ArbeiterInnenbewegung in Deutschland wurden die Schriften von Marx rezipiert. Um einiges größere Verbreitung fanden Ende des 19. Jahrhunderts aber die Schriften von Engels, wie der Anti-Dühring oder Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft.

Ganz verzichtete man in der sozialdemokratischen Propaganda natürlich nicht auf die Schriften von Marx, oder besser was man dafür hielt. Mit der Mehrwerttheorie konnte man den BürgerInnen vorhalten, die Quelle des Reichtums sei die Arbeit. Doch die ArbeiterInnen hätten gar nichts von diesem Reichtum, weil sie durch die KapitalistInnen im Produktionsprozess ausgebeutet würden. Folgerichtig entstand die Forderung nach gerechtem Lohn und der Mitbestimmung in der Gesellschaft. Alles verkam zu einer Frage nach der Verteilung des Reichtums und den Machtverhältnissen in der Gesellschaft. Der Haken an der Sache: Dass Arbeit die Quelle des Reichtums ist, konnte schon bei bürgerlichen Ökonomen wie Adam Smith oder David Ricardo nachgelesen werden, dafür hätte man seine Nase nicht in die Schriften von Marx stecken müssen. Die Kritik, die Marx in seinem Kapital entwickelte ging dann auch in eine ganz andere Richtung.

Das Kapital. Kritik der Arbeit und Kritik der Produktionsverhältnisse

Natürlich war auch für Marx die Arbeit die Quelle des Reichtums, aber eben nur im Kapitalismus und genau hier setzt seine Kritik an. Arbeit im Kapitalismus analysiert Marx als ein historisch spezifisches Phänomen. Ohne Frage, Arbeit als Stoffwechselprozess zwischen Mensch und Natur ist überhistorisch. Natur wird der Mensch immer bearbeiten müssen, um etwas zu produzieren. Arbeit jedoch, die Wert schafft und alleinige Quelle des Reichtums ist, ist eine historisch spezifische Erscheinung, die nicht mit der obigen allgemeinen Bestimmung der Arbeit zusammenfällt. Diese Funktion kommt ihr aufgrund der spezifischen gesellschaftlichen Verhältnisse zu. Wer dies verkennt, naturalisiert den Produktionsprozess zum schlichten Arbeitsprozess, losgelöst von jeder historischen Veränderbarkeit.

Aus dieser spezifischen Form der Arbeit als alleinige Quelle des Reichtums ergibt sich auch der verrückte Widerspruch des Kapitalismus. Aufgrund der fortwährenden Verbesserung der Produktivkräfte, die durch die kapitalistische Konkurrenz erzwungen wird, ist immer weniger Arbeitszeit notwendig, um potentiellen Reichtum in sachlicher Form zu produzieren. Gleichzeitig bleibt die Arbeitszeit die alleinige Quelle von Reichtum und engt ihn damit auf eine kapitalistische Form ein. Deshalb auch die Überproduktionskrisen und der Umstand, dass kapitalistischer Reichtum das Elend der ArbeiterInnen und Massenarbeitslosigkeit zur Voraussetzung hat. In einer kommunistischen Gesellschaft wäre dagegen nicht mehr die Arbeit, sondern die Wissenschaft und die Produktivkräfte Quelle des nun sachlichen Reichtums. Die Arbeitszeit könnte auf ein vernünftiges Minimum reduziert werden und trotzdem wäre die Gesellschaft im Ganzen reicher. Es muss also unterschieden werden zwischen Reichtum in kapitalistischen Gesellschaften, der als ungeheure Warenansammlung erscheint und deren Quelle die wertschaffende abstrakte Arbeit ist und dem sachlichen Reichtum, der in Form von Gebrauchswerten existiert und erst im Kommunismus realisiert werden könnte.

In den marxistischen Diskussionen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde dieser Punkt meist übersehen. Für die meisten MarxistInnen war der Produktionsprozess einfach Arbeitsprozess und die Ungerechtigkeit der Gesellschaft durch Umverteilung des Reichtums aus der Welt zu schaffen. Dafür musste man sich nur selbst statt den KapitalistInnen an die Spitze setzen. Kapitalismus wurde alleine als Klassenherrschaft der Kapitalisten definiert und nicht als Herrschaft des Kapitals, welche bis in die Produktion wirkt und dem es reichlich egal ist, ob über dem Parlament eine rote oder rot-weiß-rote Fahne weht. Eine solche unvollständige Kritik am Kapitalismus kommentierte Marx im 3. Band des Kapitals folgendermaßen: »Die Ansicht, die nur die Verteilungsverhältnisse als historisch betrachtet, aber nicht die Produktionsverhältnisse, ist einerseits nur die Ansicht der beginnenden, aber noch befangenen Kritik der bürgerlichen Ökonomie. Andererseits aber beruht sie auf einer Verwechslung und Identifizierung des gesellschaftlichen Produktionsprozess mit dem einfachen Arbeitsprozess wie ihn auch ein abnorm isolierter Mensch ohne alle gesellschaftliche Beihilfe verrichten müßte. Soweit der Arbeitsprozess nur ein bloßer Prozess zwischen Mensch und Natur ist, bleiben seine einfachen Elemente allen gesellschaftlichen Entwicklungsformen desselben gemein. Aber jede bestimmte historische Form dieses Prozesses entwickelt weiter die materiellen Grundlagen und gesellschaftlichen Formen desselben.«

Was tun?

Das Werk von Marx ist dagegen eine Kritik dieser kapitalistischen Form der Arbeit, die überwunden werden muss und keine Kritik der Gesellschaft vom Standpunkt der Arbeit aus. Es geht nicht darum, den am Wert gemessenen Reichtum gerecht zu verteilen und sich selbst statt der Bourgeoisie an die Spitze der Klassengesellschaft zu stellen. Kommunistische Kritik müsste den ArbeiterInnen heute in ihrem Kampf für ein erträglicheres Leben zur Seite stehen, sie in den vereinzelt auftretenden Klassenkämpfen um höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten unterstützen und dem in der linken Mittelschicht weit verbreiteten Hass auf die Unterschicht harsch entgegentreten. Gleichzeitig müsste eine radikale Kritik an der kapitalistischen Arbeit geübt werden. Diese Kritik steht heute jedoch vor einem großen Problem: Ein revolutionäres Subjekt, wie es das Proletariat des 19. Jahrhunderts war, ist momentan nicht in Sicht und die kommunistischen KritikerInnen sind aktuell auf sich allein gestellt. Wir leben in konterrevolutionären Zeiten. So muss es jedoch nicht bleiben.

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