06 November

KLASSIKER: Wer von Marx redet, darf von Engels nicht schweigen

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Zu Engels 200stem Geburtstag.

Bis heute steht er im Schatten seines Geis­teszwillings. Marx hätte ohne Engels den Weg zur Politischen Ökonomie nicht so schnell gefunden, die Zeit im Londoner Exil mit seiner Familie kaum durchgehalten, nur schwer den Kontakt zur ArbeiterInnenbewe­gung seiner Zeit gefunden, vermutlich das »Manifest der Kommunistischen Partei« nie geschrieben und den ersten Band des Kapi­tals nicht zeitgerecht fertiggestellt. Abgese­hen davon wären die zwei weiteren Bände des Kapital ohne Engels nicht erschienen.

Friedrich Engels wurde am 28. November 1820 in Barmen (seit 1930 Stadtteil des heuti­gen Wuppertal) in eine Fabrikantendynastie geboren. Schon 1747 gründete sein Urgroß­vater Johann Kaspar Engels eine Spitzenfa­brikation und eine Bleicherei. Er legte sich ein Familienwappen zu, das mit dem Famili­ennamen korrespondierte: Es zeigte einen »Engel mit silbernen Flügel und goldblon­dem Haar«. Unter Napoleon diente Fried­richs Großvater als Munizipalrat, dann als preußischer Stadtrat. Die Familie Engels kam aus rabbinischer Tradition. Friedrichs Vater ließ sich taufen und wurde Anwalt und Fabrikant. Er nahm an der Modernisierung des Rheinlands im Vormärz teil (Gründung von Industriebetrieben und Banken, Bau von Bahnstrecken). Eine Baumwollspinnerei in Engelskirchen wurde die Grundlage einer übernationalen Firma Ermen & Engels in Manchester, an der der Vater beteiligt war und wo Friedrich 1837 eine kaufmännische Lehre begann. Später wurde Friedrich in ein­schlägigen Unternehmen in Bremen (1838–41) und dann in Manchester (1842–44) ausgebildet. Friedrich war nicht sehr glück­lich mit dieser Karriere. Er war eher an Lite­ratur interessiert. Er schrieb Dramolette und Balladen.

Doch schon 1839 schlug er in der jungdeut­schen Zeitschrift »Telegraph für Deutsch­land« sozialkritische Töne an: »Es herrscht ein schreckliches Elend unter den niedern Klassen, besonders den Fabrikarbeitern im Wuppertal; syphilitische und Brustkrankhei­ten herrschen in einer Ausdehnung, die kaum zu glauben ist; in Elberfeld allein wer­den von 2.500 schulpflichtigen Kindern 1.200 dem Unterricht entzogen und wachsen in den Fabriken auf, bloß damit der Fabrikherr nicht einem Erwachsenen, dessen Stelle sie vertreten, das Doppelte des Lohnes zu geben nötig hat, das er einem Kinde gibt. Die rei­chen Fabrikanten aber haben ein weites Gewissen, und ein Kind mehr oder weniger verkommen zu lassen, bringt keine Pietis­tenseele in die Hölle, besonders wenn sie alle Sonntage zweimal in die Kirche geht.« (MEW 1 413ff).

1841–42 in Berlin kam er mit den Jung ­hegelianern in Kontakt, die sich noch gut an Dr. Karl Marx »ein schwarzer Kerl aus Trier – ein markhaft Ungetüm« (wie Engels unter Pseudonym dichtete) erinnerten, der kurz zuvor nach Köln gegangen war. Im November 1842 trafen sich die beiden Engels dort das erste Mal, wo Marx als Redakteur der neuen radikaldemokrati­schen »Rheinischen Zeitung« arbeitete, für die auch Engels bereits geschrieben hatte. Marx emigrierte 1843, nachdem die »Rhei­nische Zeitung« verboten worden war, nach Paris, wo er die »Deutsch-Französi­schen Jahrbücher« herausgab, von der nur eine einzige Nummer erschien, genau jene, in der Engels seine »Umrisse zu einer Kri­tik der Nationalökonomie« veröffentlichte. Die »Umrisse« waren der entscheidende Anstoß für Marx’ Lebenswerk »Das Kapi­tal« und für die intellektuelle und freund­schaftliche Partnerschaft mit Engels, die sich durch zahlreiche Besuche, gemein­same Arbeit und Reisen und intensiven Briefwechsel mit Marx auszeichnete. Obwohl Engels selbst ein Ausbund an Genauigkeit war, konnte er »dennoch manchmal über die Skrupulosität von Marx ungeduldig werden, der keinen Satz aufstellen wollte, den er nicht auf zehn verschiedene Arten beweisen konnte.« (zit. nach M. Krätke 2020 168). Engels bezog mit der Zeit die ganze Familie von Marx in seine Freundschaft ein. Die Töchter von Marx nannten Engels ihren zweiten Vater.

In Manchester lernte Friedrich 1843 Mary Burns, eine aus Irland stammende Textilarbeiterin, kennen, mit der er bis zu ihrem Tod 1863 zusammenlebte. Sie und ihre Schwester Lizzie waren in der Irischen Republikanischen Bewegung tätig und brachten Engels mit der irischen Arbeiter­bewegung zusammen. Mary lieferte für Engels Werk »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« wichtige Beiträge. Lizzie lebte nach Marys Tod weiterhin im gemeinsamen Haushalt.

Kapitalist und Kommunist

Engels bietet ein oft ignoriertes Beispiel für den relativ seltenen Fall, dass ein Kapitalist und Rentier gleichzeitig Kommunist ist. Ich erinnere mich gut an den sektiererischen Hass mancher K-Gruppen gegenüber Selbständigen, auch wenn sie den kapitalistischen Reichtum nur vom Hörensagen kannten und sich nur durch Selbstausbeutung über Wasser hielten. Da war mir das biblische Motto »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen« eine bessere Hilfe, ebenso wie die Haltung, die Marx selbst eingenommen hatte: »Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich machen für Ver­hältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.« (MEW 23 16)

Doppelleben

Engels zog 1850 nach Manchester, um die väterliche Fabrik zu verwalten. Lafargue erin­nert sich an einen Besuch bei Engels 1867: »Ich muss dich jetzt, wo du der Bräutigam meiner Tochter bist, Engels vorstellen«, hatte ihm Marx gesagt. Engels führte damals ein Doppel­leben. Sechs Tage die Woche war er von 10 bis 16 Uhr Kaufmann. In einer Wohnung mitten in der Stadt empfing er Geschäftsfreunde und erledigte die Korrespondenz in vielen Spra­chen, während er abends in seinem kleinen Vorstadthäuschen, wo er mit seiner Lebensge­fährtin wohnte, seine politischen und wissen­schaftlichen Freunde traf. Tagsüber nahm er als Industrieller an den Versammlungen, Ban­ketten und Sportveranstaltungen seiner Klasse teil. Er besaß ein eigenes Jagdpferd und ver­säumte es nie, »dabei zu sein, wenn Adel und Gentry der Umgebung nach altem feudalen Brauche alle Reiter in der Runde einluden, die Fuchshatz mitzumachen.« (Die Neue Zeit 2/1905 556). Engels liebte die Gesellschaft der Jugend und war immer ein großzügiger Wirt.

Investitionen – in den Sozialismus

Spätestens ab 1850 hat sich Engels um das finanzielle Überleben von Marx und dessen Familie im englischen Exil gekümmert. Das fiel ihm umso leichter, als er 1864 Teilhaber der Firma geworden war, und noch mehr, als er sich 1869 auszahlen ließ. Ab dann lebte er von seinem Vermögen. Aber es ging nicht nur um Geld. Er hat auch die Vaterschaft für Freddy, das uneheliche Kind der Haushälte­rin Helene Demuth und Marx, auf sich genommen – und dieses Geheimnis erst auf seinem Sterbebett enthüllt.

Intellektueller ohne akademischen Titel

Engels hatte keine universitäre Ausbildung. Vielleicht ist dies der Grund, warum er von vielen AkademikerInnen abwertend als Ver­einfacher und falscher Interpret von Marx angesehen wurde. Er hat das Gymnasium schon vor dem Abitur verlassen müssen, um nach dem Wunsch seines Vaters als dessen zukünftiger Partner und Nachfolger in der Textilindustrie sein Wissen zu vertiefen. Dennoch hat er auch alleine, ohne Marx, Bleibendes geschaffen.

Engels hat sich mit einer Position als Zweiter zufriedengegeben. Er sagte über sich: »Ich habe mein Leben lang das getan, wozu ich gemacht war, nämlich zweite Vio­line spielen, und glaube auch, meine Sache ganz passabel gemacht zu haben. Und ich war froh, so eine famose erste Violine zu haben wie Marx. Wenn ich nun aber plötz­lich in Sachen der Theorie Marx‘ Stelle ver­treten und erste Violine spielen soll, so kann das nicht ohne Böcke abgehn, und niemand spürt das mehr als ich. Und wenn erst die Zeiten etwas bewegter werden, dann wird uns erst recht fühlbar werden, was wir an Marx verloren haben. Den Überblick, mit dem er im gegebnen Moment, wo rasch gehandelt werden mußte, stets das Richtige traf, und sofort auf den entscheidenden Punkt losging, den hat keiner von uns. In ruhigen Zeiten kam es wohl vor, daß die Ereignisse mir, ihm gegenüber, dann und wann Recht gaben, aber in revolutionären Momenten war sein Urteil fast unfehlbar.« (MEW 36, 218/219) Die zweite Geige konnte aber kaum jemand anders so spielen wie es Engels tat. Max Adler dazu: »Hat Engels schon zweite Violine gespielt, so doch nur in einem Duett, in dem der zweiten Stimme gar schwierige, die Harmonie des Ganzen bedingende Solopartien zugewiesen waren« (zitiert aus »Die Natur ist die Probe auf die Dialektik« 2020 54)

Engels hat seine eigenen wissenschaftli­chen Pläne zurückgestellt, um dem Wunsch von Marx zu entsprechen, gegen den Philo­sophen Eugen Dühring ein polemisches Werk zu schreiben. Daraus ist das Werk »Herrn Eugen Dürings Umwälzung der Wissenschaft« (kurz Anti-Dühring genannt) entstanden. Nach dem Tod von Marx hat er zwei weitere Bände des Kapital herausgegeben – eine Hei­denarbeit, zu der er sich aber neben der Frau von Marx als einziger im Stande fühlte, da nur sie beide die Handschrift von Marx entziffern konnten, der aus Mangel an Papier sehr klein geschrieben obendrein die aussterbende Kur­rentschrift und nicht die lateinische Schreib­schrift verwendet hatte.

Nach dem Tod von Marx verfolgte er vor al­lem das Ziel, das gemeinsam geschaffene wis­senschaftliche und politische Werk zu verbrei­ten, zu verteidigen und fortzusetzen. Er wurde zu einem wichtigen Berater der deutschen So­zialdemokratie und nahm Einfluss auf das Er­furter Programm (1891). Nicht zu Unrecht trug er den Spitznamen »Der General«. Er be­schäftigte sich intensiv mit der Kriegswissen­schaft. Schon 1893 sah er die Gefahr eines Weltkriegs heraufziehen. Engels starb am 5. August 1895 in London im Alter von 74 Jahren an Kehlkopfkrebs. Seine Urne wurde im See­bad Eastbourne ins Meer versenkt.

Einige Lesetipps1

»Die Lage der arbeitenden Klasse in Eng­land« (1845 MEW 2) gilt auch heute noch als Pionierwerk der empirischen Sozialforschung und als Anklage der sozialen Verhältnisse in England. »Die Dialektik der Natur« (ab 1873 verfasst, erst 1925 in der Sowjetunion veröf­fentlicht MEW 20) zeigt dialektische Struktu­ren in vielen Wissenschaftszweigen, in Mathe­matik, Physik, Chemie, Astronomie und in der Gesellschaft. Neben dem »Anti-Dühring« (1877 MEW 20) erfuhr die Kurzfassung »Die Entwick­lung des Sozialismus von der Utopie zur Wis­senschaft« (1880 MEW 19) starke Resonanz. »Der Ursprung der Familie, des Privateigent­hums und des Staats« (1884 MEW 21) zeigt die Abhängigkeit der privaten Beziehungen zwi­schen Mann und Frau von ökonomischen Bedingungen. In »Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philoso­phie« (1888 MEW 21) wird die Bedeutung von Hegel und Feuerbach für die materialistische Geschichtsauffassung herausgearbeitet.

1 gratis aus dem Internet https://marx-wirklich-studieren.net/marx-engels-werke-als-pdf-zum-download/

 

Neuerscheinungen

»Die Natur ist die Probe auf die Dialektik« Friedrich Engels ken­nenlernen, mit Elmar Altvater, Joachim Bischoff, Michael Brie u. a. Hamburg 2020, VSA.

Michael Krätke (Hrsg.): Friedrich Engels oder: Wie ein »Cotton-Lord« den Marxismus erfand. Berlin 2020, Dietz.

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