Georg Wilhelm Friedrich Hegel Linda Lilith Obermayr Georg Wilhelm Friedrich Hegel Ausschnitt einer Lithografie von Ludwig Sebbers
03 November

ZWEIHUNDERTFÜNFZIG: Denken als Geschichte

von

Nachträglich zu G. W. F. Hegels Geburtstag

VON LINDA LILITH OBERMAYR

»Denn die Sache ist nicht in ihrem Zwecke erschöpft, sondern in ihrer Ausführung, noch ist das Resultat das wirklich Ganze, sondern es zusammen mit seinem Werden.« (Hegel, PdG)

Das Problem einer Würdigung anläss­lich des 250. Geburtstags Hegels ist die Position, in die sich die/der Würdigende dabei unweigerlich begibt. Es ist die Posi­tion der Überlegenheit, von der herab die/der Würdigende »souverän dem Toten seine Stelle zuweis[t]« im Hinblick auf des­sen Bedeutung, das heißt dessen Funktion für die Gegenwart. So würde die Gegen­wart als Maß der Hegelschen Philosophie genommen werden, statt das Verhältnis umzukehren und zu fragen, »was die Gegenwart vor Hegel bedeutet«.

So möchte ich im vorliegenden Artikel auch nicht davon schreiben, was wir – als die fragwürdige Gemeinschaft von Zeitge­nossInnen – von Hegel lernen oder gar welchen Aspekten des Hegelschen Den­kens wir Aktualität abgewinnen können. Statt mich auf diese Weise über die Sache zu stellen, möchte ich mich in die Sache selbst begeben.

»Das Wahre ist das Ganze«

Es ist jedoch alles andere als einfach, einen Aspekt des Hegelschen Denkens, etwa einen einzelnen Gedanken darzustellen. Das liegt nicht an der Sprache der Hegel­schen Philosophie. Die Schwierigkeit liegt in der Sache selbst und zwar in dem Sinne, dass einzelne Gedanken dem Hegelschen Denken insgesamt zuwiderlaufen. Denn der Versuch, einen solchen einzelnen Gedanken zu referieren, hält den Gedan­ken einerseits als abgeschlossen, starr, unbewegt fest und andererseits fasst er den Gedanken ohne Bezug zu seiner Ent­wicklung. Denken ist für Hegel aber immer nur als Prozess, einzelne Gedanken sind Momente der Denkbewegung als Ganze oder als Geschichte.

Das Jetzt der Sinnlichen Gewissheit

Ich möchte also versuchen, einen solchen einzelnen Gedanken in seiner Bewegung vorzustellen, der zugleich für das Hegel­sche Denken insgesamt charakteristisch ist. Dieser Gedanke bringt Jetzt auf den Begriff. Jetzt beansprucht unmittelbare Wahrheit, denn Jetzt ist eben jetzt, weil jetzt Jetzt ist. Sehen wir uns Jetzt näher an, so entschwindet es im selben Augenblick. Immer dann, wenn wir Jetzt begrifflich fas­sen wollen, ist es nicht mehr, da jetzt nicht mehr Jetzt ist.

Bestimmen wir etwa nachts, dass Jetzt Nacht ist, so verkehrt es mit den ersten Sonnstrahlen seine Wahrheit: Jetzt ist Tag. Jetzt kann also nicht jetzt sein. Aber auch die Bestimmung, dass Jetzt nicht jetzt, son­dern gewesen ist, ist falsch: denn das Gewe­sene ist ja nicht. Jetzt ist folglich nicht jetzt, aber auch nicht nicht jetzt. Formallogisch stehen wir an diesem Punkt vor einem Widerspruch: Wie soll etwas sein und gleichzeitig nicht sein oder anders gefragt, wie sind diese beiden Widersprüche zusammenzudenken? Das Problem stellt sich nur dann, wenn die beiden sich wider­sprechenden Gedanken als solche festge­halten, wenn sie also nicht in der Bewegung gefasst werden.

Der Springpunkt liegt aber genau in die­ser Erfahrung der Widersprüchlichkeit bzw. der Negativität. Die Einsicht, dass Jetzt nicht jetzt ist, sondern gewesen ist, ist die Aufhebung/Negation der ersten Wahr­heit, von der wir ausgegangen sind: die Unmittelbarkeit dessen, dass Jetzt jetzt ist. Die Einsicht, dass Jetzt aber auch nicht gewesen ist, da Gewesenes nicht ist, ist die Aufhebung/Negation genau dieser zweiten Wahrheit: dass Jetzt gewesen ist. Diese dop­pelte Negation – die Negation der ersten Negation – führt uns zurück zum Anfangs­punkt: Wenn Jetzt nicht gewesen ist, dann ist es jetzt. Aber dieses letzte Jetzt ist nicht einfach die tautologische Wiederholung des anfänglichen Jetzt, sondern trägt seine Geschichte in sich. Hegel schreibt: »Es [das letzte Jetzt] ist eben ein in sich Reflektiertes oder Einfaches, welches im Anderssein bleibt, was es ist: Ein Jetzt, welches absolut viele Jetzt ist«.

Wir machen also die Erfahrung, dass Jetzt nicht positiv durch irgendeine Zuschrei­bung bestimmbar ist – Jetzt ist Tag oder Nacht –, sondern sich negativ bestimmt bzw. negativ vermittelt ist. Jetzt ist genau dadurch bestimmt, dass es weder Tag noch Nacht, oder allgemeiner formuliert, dass es Ande­res nicht ist.

Das Hegelsche Denken als implizite Ideologiekritik

Hegel denkt die Unmittelbarkeit in ihrer Vermittlung und die Identität in ihrer Widersprüchlichkeit. Das ist nicht einfach ein theoretisches Unterfangen, sondern ist mit einem spezifisch praktischen Weltbe­zug verbunden. Denn die unmittelbare Wirklichkeit wird nicht einfach als geschichtliche – also in ihrer Vermittlung – entlarvt, so als wäre sie ein bloßer Schein. Die unmittelbare Wirklichkeit ist nicht nur eine scheinbare Unmittelbarkeit, sondern wird als diese scheinbare Unmittelbarkeit in ihrer wirklichen Vermittlung begriffen. Das impliziert einen ideologiekritischen Gestus gegenüber der Welt, der die Unmit­telbarkeit als wahr und falsch zugleich fasst und den (gesellschaftlichen) Wider­sprüchen der Welt nicht versöhnend begegnet. Denn die Erkenntnis über einen Gegenstand entspringt, wie wir bei Jetzt gesehen haben, der Radikalisierung, nicht aber der Aufhebung seiner Widersprüch­lichkeit.

LITERATUR:

G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes. Frank­furt am Main: Suhrkamp 1989.

Theodor W. Adorno, Drei Studien zu Hegel. Frank­furt am Main: Suhrkamp 1974.

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