FILMSTILL »THE FESER« © POOLDOKS Max Schlesinger FILMSTILL »THE FESER« © POOLDOKS
23 September

FILMREZENSION UND –INTERVIEW: Keine Stimme aus dem Off

von

MAX SCHLESINGER über »The Fever«, den Dokumen­tarfilm vom Katharina Weingartner und ein Interview mit der Filmemacherin.

»The Fever« ist ein Dokumentarfilm über eine Krankheit, über deren Ursprung, Symptomatik und Verbreitung gesichertes Wissen existiert. Von den jährlich 200 Millio­nen Erkrankungen traten etwa 2017 rund 92 Prozent in Afrika auf.

Plasmodien sind der Protagonist in Katha­rina Weingartners neuem Film »The Fever«. Auch wenn man sie im Film nicht sieht, ver­binden sie alle auftretenden Personen. Plas­modien sind einzellige Parasiten, die die roten Blutkörperchen ihrer Wirte befallen. Das Krankheitsbild heißt Malaria. Malaria über­trägt sich durch Mücken von Mensch zu Mensch. Ihr Stich überträgt die Plasmodien. Malaria ist die tödlichste Infektionskrankheit, mit der sich die Menschheit auseinandersetzt: 1.500 Tote pro Tag weltweit, hauptsächlich im Globalen Süden. Am stärksten betroffen ist Afrika südlich der Sahara. Wir stellen uns vor, es gäbe eine Möglichkeit, das Problem mit Malaria nachhaltig zu lösen. Das wäre schön. Katharina Weingartner komponiert die Men­schen und ihr Wissen in ihrem Film klug und scheint damit einem Lösungsansatz nahe zu kommen.

Wir begleiten Rehema, eine ugandische Kräuterheilerin mit akademischer Bildung, beim Weitergeben und Anwenden von Wissen rund um Heilkräuter. Wir treffen Richard, einen Biologieprofessor aus Nairobi, der sich den Mücken verschrieben hat. Er versucht, Malaria zu bekämpfen, indem er Mücken bekämpft. Wir lernen Paul kennen, einen Lehrer aus Kenya, dessen Mutter die meisten ihrer Kinder durch Malaria verlor. Er lässt seine Schüler_innen darüber sprechen, wie ­Malaria in jeder Familie eine Lücke hinterlässt.

All diese Dinge erzählen uns die Men­schen selbst. Es bedarf keiner Stimme aus dem Off. Unter dem Film liegt keine unheil­verkündende Musik. Es gibt überhaupt keine Musik im Film, aber eine beeindru­ckende Akustik. Das macht ihn hörenswert. An manchen Stellen werden zusätzliche Informationen ins Bild geschrieben – nicht nur Orte, sondern auch kurze Sätze mit zusätzlichen Informationen. Das macht ihn sehenswert. Im Film sprechen nur die auf­tretenden Personen. Sie alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie bekämpfen Malaria. Jede_r tut das auf ihre_seine Weise und erzählt uns davon. Jede_r Mensch und ihr_sein Wissen helfen, Malaria zu heilen und weitere Infektionen zu verhindern. Das macht ihn wundervoll.

Mich beschlich beim Schauen das Gefühl, Malaria könnte irgendwann Geschichte sein. Wenn wir das in den Menschen ange­sammelte Wissen vielen zugänglich machen. Anfangen können wir damit, Katharina Weingartners neuen Film zu schauen.

Ab 25. September im Stadtkino.

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INTERVIEW MIT KATHARINA WEINGARTNER: »Wir haben das abgelehnt.«

 

Kann das die Festivals ersetzen?

KATHARINA WEINGARTNER: Nein, es ist ein ausgesprochener Kinofilm, der von Bil­dern und einem aufwendigen Sounddesign lebt, das nur im Kino richtig zur Geltung kommt. Mir wurde gesagt, dass man merkt, dass ich vom Radio komme. Mit Computer­boxen hört man das leider nicht so gut. Und die hochpolitischen Diskussionen nach den Vorführungen könnten wirklich etwas bewegen gegen Malaria – das war zumindest bisher mein Endruck.

Wie lange habt ihr an dem Film gear­beitet?

KATHARINA WEINGARTNER: Ich habe mir eine Weile eingeredet, es seien fünf Jahre. Aber wenn ich genau nachrechne, dann sind es sieben.

Wie habt ihr die Arbeit finanziert?

KATHARINA WEINGARTNER: Das öster­reichische Filminstitut hat unseren Film gut gefördert. Und ich bin zu einem deut­schen Produzenten gegangen, der eine Schweizer Firma ins Boot geholt hat. Die Finanzierung war dann recht komplex: Öffentlich-rechtliches Fernsehen plus schweizer, deutscher und österrei­chischer Filmförderung plus kleinere GeldgeberInnen wie Zürich oder das Ber­lin-Brandenburger Medienboard. So kam eine richtig gute Förderung zustande.

Das Ergebnis ist auch ein richtig guter Film. Hat dich diese Zusammenarbeit vor große Herausforderungen gestellt?

KATHARINA WEINGARTNER: Das Pro­blem war nicht, dass wir viele unter­schiedliche Interessen unter einen Hut bringen mussten, sondern, dass der deut­sche Produzent und die ARD, wie sich nach einiger Zeit herausstellte, keinen Film aus afrikanischer Perspektive woll­ten. Darin waren sie sich einig.

Wie hat sich das geäußert?

KATHARINA WEINGARTNER: Wir woll­ten nicht, dass der Film weiße ExpertIn­nen neben schwarze Leidende stellt und die Weißen erklären, was die Menschen vor Ort gerade durchmachen, was wir ja bei europäischen FilmemacherInnen, die weiße Abenteuerfilme drehen, häufig erleben. Diese neokoloniale Haltung hängt mir so zum Hals raus. Ich fahre als privilegierte Weiße mit meinem mutigen Team ins »Herz der Finsternis« und wir überleben! So eine Narration wollten die von mir – das, was sie ständig produzie­ren, ohne jede Reflexion.

Du hattest einen anderen Zugang.

KATHARINA WEINGARTNER: Ja! Wir Menschen aus dem globalen Norden müs­sen aufhören, dem globalen Süden irgend­etwas zu diktieren. Das ist uns in der Kon­sequenz aber auch erst im Rahmen der Recherche klar geworden ist: Dass wir kei­nen solchen »Abenteuerfilm« drehen und keine solchen Bilder produzieren dürfen. Dass wir aufhören müssen, den Menschen dort zu erzählen, wie Malaria funktioniert. Wir, die mit dem Corona-Virus schon heil­los überfordert sind.

Es kommt deshalb auch nur ein Weißer gegen Ende vor. Der deutsche Produzent fand das problematisch. Er meinte wörtlich, wenn bis Minute 33 noch kein Weißer auf­getaucht sei, würden wir das deutsche Publikum verlieren. Er bestand auf deut­schen TouristInnen, die in einer deutschen Krankenstation gegen Malaria behandelt werden.

Wie konntet ihr die verschiedenen Zugänge unter einen Hut bringen?

KATHARINA WEINGARTNER: Gar nicht. Das Ganze eskalierte, als der deutsche Pro­duzent wollte, dass ich für unsere Haupt­protagonistin Rehema einen inneren Mono­log schreibe, in dem die komplexeren Infor­mationen vorkommen sollten. Und das sollte dann eine deutsche Schauspielerin lesen. Unsere Script Beraterin Noviolet Bulawayo aus Simbabwe meinte zu diesem Vorschlag: »Nobody would ever do that to a white protagonist.« So etwas kann nur aus Rassismus heraus entstehen.

Im Film gibt es diesen Monolog nicht.

KATHARINA WEINGARTNER: Wir haben das abgelehnt. Daraufhin hat sich der Ko-Produzent verabschiedet. Und ein Teil der deutschen Förderung ist mit ihm abgewan­dert. Wir mussten uns verschulden, um den Film irgendwie fertig zu bekommen.

Und die Schweizer?

KATHARINA WEINGARTNER: Der Schweizer TV-Redakteur sagte, sie könnten den Film nicht ausstrahlen, weil Novartis klagen würde, obwohl wir überhaupt nichts Klagwürdiges sagen, sondern nur, was in der Malaria-Forschung ohnehin belegt ist. Das haben uns mehrere RechtsanwältInnen schriftlich bestätigt.

Du hast auch in deinen vorangegange­nen Arbeiten schon mit sehr unter­schiedlichen Perspektiven gearbeitet.

KATHARINA WEINGARTNER: Ich glaube inzwischen, dass sich der Ko-Produzent meine vorherigen Filme nicht angeschaut hat, sonst wäre das wohl nicht passiert. Aber ich wollte für das Thema unbedingt andere Verwertungsmöglichkeiten. Wäre er hinter uns gestanden, hätten wir auf breitere Vertriebswege zurückgreifen kön­nen. Das war wohl auch von mir falsch gedacht. Du kannst nicht mit progressiven Ideen – wobei ich das gar nicht so radikal finde: wer sich mit Postkolonialismus beschäftigt, für den ist das sonnenklar – auf eine breite Vermarktung hoffen. Es gibt in dieser subventionierten europäi­schen Dokumentarfilmwelt nur wenige Menschen, die über Post- oder Dekolonia­lismus nachdenken und es werden immer noch viel zu viele exotisierende Abenteu­erfilme finanziert. Ich hoffe sehr auf die Frauenquote, damit hier endlich ein Auf­bruch stattfinden wird.

Wie habt ihr die Produktion durchhal­ten können, wenn euch nach und nach das Geld abgesprungen ist?

KATHARINA WEINGARTNER: Der öster­reichische Produzent, Markus Wailand, ist ein sehr politischer Mensch, er hat immer zu uns gehalten. Und wir haben uns ver­schuldet, denn wir dachten bis zuletzt nicht, dass die deutsche und die schweizer staatliche Filmförderung dabei zusehen werden, dass die uns zustehenden Produk­tionskosten nicht bezahlt werden. Schließ­lich sind es Steuergelder, die hier verpuf­fen, wenn ein Film auf diese Weise boykot­tiert wird. Aber wir hatten die ganze Zeit hindurch ein sehr kluges, feministisches Team. Und die Unterstützung vom österrei­chischen Filminstitut, dessen Leiter uns immer bestärkt hat, dass wir diesen Per­spektivenwechsel vornehmen müssen.

Der wird im Film sehr deutlich.

KATHARINA WEINGARTNER: Es war die wichtigste Entscheidung für den Film. Es könnte auch ein Film sein über Kinderer­ziehung oder die kaputte Textilwirtschaft: Wir hören und spüren, was die Menschen erleben und was sie zu sagen haben. Nicht, was über sie gesagt wird. Oder wie es Simon Inou aus Kamerun, der uns jahrelang bera­tend zur Seite gestanden ist, nach dem ers­ten Screening in unserem Schneideraum so schön formuliert hat: »Finally we can speak for ourselves!«

Katharina Weingartner produziert als Filme- und Radiomacherin, Autorin, sowie als Kura­torin Projekte zu Pop- und Gegenkulturen, Politik, Konsum und Musik, mit Schwer­punkt afro-amerikani­scher Kultur und Poli­tik.

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