BOSNIEN-HERZEGOWINA: An der herzlosen Grenze Europas Michaela Gindl FOTO © KID PEX
11 Dezember

BOSNIEN-HERZEGOWINA: An der herzlosen Grenze Europas

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Man sieht die Videos, man liest die Berichte, man traut seinen Augen nicht. Anfang Oktober erklärt der Bihaćer Bürgermeister, er werde die Wasser- und Lebensmittel­lieferungen nach Vučjak einstellen, er will »die Lage eskalieren« lassen. Ein Bericht über das Flüchtlings­elend von Vučjak.

Von MICHAELA GINDL

Knapp 300 Kilometer liegen zwischen der österreichischen Staatsgrenze und Vučjak, einem kleinen Dörfchen in Nord­bosnien. Die nächste größere Stadt ist Bihać, der Verwaltungssitz des Kantons Una-Sana, nur wenige Kilometer entfernt. Vučjak hat nicht viel zu bieten: eine Straße, ein paar Häuser, einen Anbieter von Ferienappartments – wohl wegen der unmittelbaren Nähe zur kroatischen Grenze. Und eine aufgelassene Mülldepo­nie. Diese sei der geeignete Ort, beschließt im Juni 2019 der Bürgermeister von Bihać, um unwillkommene Gäste unterzubringen.

Die Vorgeschichte: Nach der medienwirk­samen »Schließung« der Balkanroute wird Bosnien-Herzegowina zu einem beliebten Transitland für geflüchtete Menschen, die in Griechenland gestrandet sind und die Untätigkeit der EU nicht weiter aussitzen wollen. So verlassen sie diese wieder und versuchen über die Staaten des Westbal­kans ins Herz Europas zu gelangen – doch das ist gut geschützt. Mehrere 10.000 Men­schen haben in den letzten achtzehn Monaten versucht, über Bosnien-Herzego­wina weiter nach Kroatien und somit zurück in die EU zu reisen, doch die Zahl derer, die im bosnisch-kroatischen Grenz­gebiet gestrandet sind, steigt. Mehrere Flüchtlingslager wurden eingerichtet, vier davon im Kanton Una-Sana für ca. 4.500 Personen.

Leben auf dem Müll

Als der Platz nicht mehr ausreicht, quartie­ren sich die geflüchteten Menschen in ver­lassenen Häusern, an Busbahnhöfen und vor den überfüllten Lagern ein, sie bewegen sich durch die Straßen Bihaćs, werden unübersehbar – und somit vielen ein Dorn im Auge. Deshalb errichtet der Bürgermeis­ter der Stadt Bihać eigenmächtig ein neues Lager – auf der ehemaligen Mülldeponie in Vučjak. Im Juni 2019 werden die ersten Menschen dorthin deportiert, und müssen dort schlafen, essen, existieren – nur eine Schicht Schotter trennt sie von den Abfäl­len. Die Situation ist im Juni schon kata­strophal: Umgeben von einem Minenfeld aus dem Jugoslawienkrieg und dichtem Wald, ein Tummelplatz für allerlei Getier. Was den Geflüchteten zur Verfügung steht, ist lächerlich. Mehrere Zelte, in denen die Menschen meist auf dem bloßen Boden schlafen, kein fließendes Wasser (zweimal täglich kommen Tankwagen mit Trinkwas­ser), kein Strom, vier Toiletten, acht Duschen, keine medizinische Versorgung. Das Rote Kreuz bringt zwei Mahlzeiten am Tag, doch es ist zu wenig, viele bleiben hungrig. Die Notdurft wird rund um das Lager verrichtet, der gelagerte Müll quillt unter der dünnen Erdschicht hervor.

Ein internationaler Aufschrei bleibt aus, das Lager füllt sich, jeden Tag bringt die Polizei busseweise neue Menschen. Manch­mal müssen sie auch zu Fuß die acht Kilo­meter aus der Stadt zur Mülldeponie gehen, Videos von langen Menschenschlangen, die die Straße entlanglaufen, eskortiert von Polizisten, machen in den sozialen Medien die Runde, die Bilder prägen sich ein, ein ungutes Gefühl macht sich breit. Die Men­schen, die hierhin gebracht werden, sind teilweise am Ende ihrer Kräfte, viele haben Wunden, sind krank. Ihre Kleidung ist schmutzig, kaputt, viele sind in Bade­schlapfen oder Sandalen unterwegs. Bilder des Elends – doch sie gehen nicht um die Welt, es bleibt still in den Medien.

Humanitäre Katastrophe

Der deutsche Journalist Dirk Planert sieht das Leid der Menschen und merkt, dass für sie keine Hilfe kommt, deshalb entscheidet er sich zu bleiben. Mit der Unterstützung weiterer Ehrenamtlicher und mit Spenden errichtet er ein kleines Feldlazarett, in dem manchmal sogar Operationen durchgeführt werden – müssen, um Menschenleben zu retten. Die Menschen trotzen den Widrig­keiten, die Geflüchteten kaufen sich einen Generator, kochen in einer improvisierten Küche, das Leben geht irgendwie weiter. Jeden Tag kommen neue Menschen, neue Verwundete. Viele versuchen, über die grüne Grenze nach Kroatien zu gehen, spie­len »the game«, wie sie es nennen, viele kommen wieder zurück – teilweise schwer verwundet, gefoltert, ohne Kleidung, ohne Schuhe, ohne Handy. Über die Grenze zurückgeprügelt von der kroatischen Grenzpolizei. Manche kommen nicht wie­der; haben sie es in die EU geschafft? Sicher nicht alle.

Die Tage vergehen, aus Wochen werden Monate. Was als kurzfristige Unterbrin­gung verkauft wurde, wird zur Dauerein­richtung. Am 27. September der nächste große Rückschlag: Die ausländischen Hel­fer*innen werden aus Vučjak abgeholt, ihnen werden die Papiere abgenommen, sie werden verhört, bekommen Strafen aufge­brummt, müssen das Land verlassen. Das Feldlazarett, in dem oft 200 Menschen pro Tag behandelt wurden, steht leer. Das Camp wird bewacht, Zivilpersonen haben keinen Zutritt mehr.

Gleichzeitig passieren in Bosnien-Herze­gowina Dinge, von denen man glaubte, sie wären aus Europa verbannt: Im Zug gibt es eigene Waggons für Geflüchtete, im Bus müssen sie ganz hinten sitzen. Sie werden schikaniert, trotz Fahrkarte werden sie aus den öffentlichen Verkehrsmitteln gewor­fen. Geflüchtete, die aus dem Süden, z. B. aus Sarajevo, Richtung Bihać fahren, wer­den von der Polizei an der Grenze zum Kanton Una-Sana aus dem Bus oder aus dem Zug geholt, in Polizeifahrzeuge ver­frachtet, in unbewohntes Gebiet gefahren, ausgesetzt. Man sieht die Videos, man liest die Berichte, man traut seinen Augen nicht. Anfang Oktober erklärt der Bihaćer Bürgermeister, er werde die Wasser- und Lebensmittellieferungen nach Vučjak ein­stellen, er will »die Lage eskalieren« lassen, um Unterstützung aus Sarajevo zu erzwin­gen. Die Nächte werden kälter, tagelang regnet es, viele haben keine passende Klei­dung, keine Decken, in die Zelte dringt Wasser ein. Zu manchen Zeiten halten sich 2.500 Menschen auf der Mülldeponie auf. Die Medien? Vereinzelt, fast verschämt, findet sich ein kurzer Artikel da, zwei Minuten Sendezeit dort.

Zivilgesellschaftliche Hilfe

Doch die Zivilbevölkerung erfährt von den Ungerechtigkeiten, es formieren sich Grup­pen in sozialen Medien, Widerstand regt sich. So etwa beim Wiener Journalisten und Rapper Petar Rosandić (aka Kid Pex), er ruft zu Spenden auf, rüttelt die Medien wach, gibt Interviews, vernetzt sich mit anderen Helferinnen und Helfern. Sie sammeln Hilfsgüter, setzen sich ins Auto und fahren nach Vučjak, treffen Ehrenamtliche vor Ort, machen sich ein Bild der Lage, sind fas­sungslos. Und beschließen, nicht aufzuge­ben, weiterzumachen, zu helfen, wo es geht.

Es wird weitergesammelt, die Öffentlich­keit informiert, mit mehr Elan, mit mehr helfenden Händen, mit breiterem Rückhalt. Und auch die internationalen Medien beginnen zu berichten. Doch die humani­täre Katastrophe ist noch nicht abgewen­det, noch hungern und frieren die Men­schen in Vučjak, keine 300 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt.

Michaela Gindl arbeitet für das Österreichische Sprachdiplom Deutsch. Sie hat Slawistik an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt/Celovec stu­diert, weshalb sie einen engen Bezug zu den Ländern des ehemali­gen Jugoslawien hat.

Möglichkeiten zu spen­den auf Facebook:

www.facebook.com/ SOSBalkanroute/

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