Endlich wird die Arbeit knapp Volksstimme Redaktion Orig. Foto: Ensemble »150 years after«
28 November

Endlich wird die Arbeit knapp

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Ein Aufruf zur Neubelebung der Politrevue der 20er- und 30er-Jahre: »Endlich wird die Arbeit knapp – Volksbildungs-Revuetheater: 150 Jahre Das Kapital«. Bericht und Interview mit den InitiatorInnen von Eva Brenner, zitiert aus der Volksstimme No. 11 November 2017


Endlich wird die Arbeit knapp


Am 22. September fand in Wien eine außergewöhnliche Theaterpremiere statt: 150 years after, ein 16-köpfiges Ensemble von Nicht-Theater-InsiderInnen, führte ihre im Kollektiv kreierte politische Theaterrevue über »Das Kapital« auf. Das Monumentalwerk von Karl Marx, eine umfassende Kritik am Kapitalismus, an Arbeits- und Lohnverhältnissen, erschien vor 150 Jahren. Darin finden sich Sätze wie: »Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.« Doch merken wir heute – im Zeitalter avancierter Technologie – nicht viel davon. Statt also dem alten sozialistischen Credo, »Die Arbeit hoch!«, huldigt die Produktion dem Slogan: »Nieder mit der Lohnarbeit!«. Eine erstaunliche Anzahl von knapp 200 jungen ZuschauerInnen, die unüberhörbares Interesse an den vorgebrachten Themen offenbarte, zollte der für Wiener Verhältnisse radikal politischen Veranstaltung frenetischen Beifall.

Es kracht ...

Inhaltlicher Ausgangspunkt der Veranstaltung: Es kracht im Gebälk der Lohnarbeitsgesellschaft – und oft auch im einzelnen Menschen selbst. Immer mehr Menschen wollen aus ihren Arbeitsverhältnissen aussteigen, gleichzeitig herrscht um die wenigen spannenden Jobs ein unwürdiges Gerangel. Wir arbeiten nicht weniger, parallel dazu steigen Arbeitslosigkeit und Prekarität. Zwischen forcierter Konkurrenz und dem Glücksversprechen von Selbstverwirklichung, das nur wenigen erreichbar scheint, klafft eine wachsende Lücke – und sie befördert den politischen Rechtsruck.

Als Opening der WIENWOCHE setzte das Kollektivprojekt damit im Wahljahr 2017 ein starkes Zeichen ...

150 years after, eine hochgradig arbeitsteilige Gruppe von KünstlerInnen und AktivistInnen, wagte sich also an die Kardinalfrage nach positiven Alternativen heran, die viele künsterlisch-sozialkritische Machwerke der Gegenwart aussparen. Die Performance nennt sich »Politrevue«, trägt den ironisch-provokativen Titel »Endlich wird die Arbeit knapp« und nimmt bewusst Anleihen an die guten alten Traditionen des politisch-aktivistischen Theaters. Sie aktualisiert diese mit poppingen neuen Texten und Songs und nimmt mit ihrer Kritik an der traditionellen Lohnarbeit Bezug zu dem ebenso flotten Festivalmotto der WIENWOCHE, »dolce far niente« (»süß, nichts zu tun«). Als Opening der WIENWOCHE setzte das Kollektivprojekt damit im Wahljahr 2017 ein starkes Zeichen und rückte das junge Festival – zumindest an diesem ersten Abend – entschieden weg von jeglicher Wohlfühlästhetik, die verführerisch wie hartnäckig über ähnlichen Festivalkonzepten lauert.

Kollektive Vorarbeit

Die Ziele waren hoch gesteckt, versuchte das Ensemble aus AktivistInnen, TheoretikerInnen, PädagogInnen und KulturarbeiterInnen aller Geschlechter, Altersgruppen und Kulturen doch nichts weniger, als marxistisches Gedankengut mit dem Format einer unterhaltsamen Musiktheaterrevue unter das Volk zu bringen und damit ganz nebenbei das Polittheater der revolutionären Weimarer Republik ein Stück weit neu zu beleben. So wurden in monatelanger Vorarbeit, in Recherche-Zirkeln, Lesekreisen, Diskussionen und kollektiven Schreibprozessen zentrale Stellen aus dem Monumentalwerk von Karl Marx für das Theater aufbereitet und aktualisiert – ein Unterfangen, das besonders angesichts der lächerlich geringen Mitteln als gelungen bezeichnet werden muss.

Zu diesem Zweck hatte man als Raum einen angesagten Hotspot der Jugendkultur gewählt: das hippe Praterstern-Lokal Fluc_Wanne, eine Performance-Lounge mit Club-Atmosphäre in der ehemaligen Fußgängerunterführung Praterstern, die sich an ein junges, Musik-affines Publikum wendet und bisweilen auch Theaterprojekte veranstaltet. Die Worte eines Karl Marx waren in diesen Hallen wohl ein Novum; umso mehr überraschte der ungeteilt enthusiastische Zuspruch. Das ist ungewöhnlich für eine schrumpfende und mit wenig Innovation gesegnete Alternativszene.

Ziel erreicht

Die szenische Montage übertraf auch die Erwartungen der Theather-ExpertInnen, die sich unter das junge Premierenvolk gewagt hatten. Die in deutscher und englischer Sprache performte Revue fegte über kurzweilige 90 Minuten hindurch wie ein Wirbelwind über unsre Köpfe hinweg, verteilte sich im ganzen Raum und querte alle Genres. Das von ihrer selbstbestimmten Arbeit sichtlich dynamisierte Ensemble präsentierte den szenischen Reigen aus spritzigen Monologen, rasanten Duos und fetzigen Punk-Songs erstaunlich souverän. Songs, Live-Videos sowie längere Marx-Zitate aus dem »Kapital« – sogenannte »Marxomaten« – strukturierten den Abend.

Damit gelang ein besonderer Coup, ragte die Produktion doch deutlich heraus aus der ortsüblichen Handelsware schier unüberschaubar gewordener theatraler Produkte. Jeder noch so bescheidenen Programmidee wird fesch das Etikett »Festival« umgehängt, um schrumpfende Förderungen zu lukrieren. Diesem Trend widersprach bereits die Eröffnungsrede der Intendantinnen Nataša Mackuljak und Ivana Marjanović, zwei aus Ex-Jugoslawien stammenden Kulturmanagerinnen, die sich offen antikapitalistisch und feministisch positionierten und den Abend mit viel revolutionärem Enthusiasmus einleiteten.

Drei Qualitäten verhalfen zum Erfolg der Performance: der kollektive Arbeitsprozess, der schnell offenbar wurde, dann die Tatsache, dass hier durchwegs engagierte Laien unter der kundigen Regie der Regisseurin Sheri Avraham am Werk waren, was für den erfrischend hohen Grad an Authentizität sorgte (hier sprachen Menschen, die das, was sie da auf der Bühne sagen, verstehen und auch meinen); und nicht zuletzt die bunte, temporeiche Abfolge unkonventioneller Soundtracks und Songs, die dem Anspruch gerecht wurden, das klassische Arbeiterlied neu zu interpretieren und neue zeitgenössische Arbeiterlieder zu schaffen – und damit das Projekt wohltuend von ubiquitärer Historisierung und Mythologisierung, wenn es um Marx, Marxismus oder die Thematisierung von »Revolution« geht, abhob. Die knalligen Lieder bewegten sich gekonnt und poetisch entlang der Marx‘schen Kritik, um sich Schritt für Schritt dem »guten Leben« anzunähern und zum fröhlichen Protest gegen Hamsterrad, Prekarität und neuer Armut aufzurufen.



Interview


Die beiden InitiatorInnen des Projekts, der Aktivist und Autor Kurto Wendt und die Philosophin Heide Hammer, standen der Volksstimme Rede und Antwort über Genese und Arbeitsablauf ihres programmatisch und künstlerisch anspruchsvollen Projekts, das derzeit einer Wiederaufführung und mehrerer Gastspiele harrt.

Volksstimme: Was war die Grundidee? Wie habt ihr euch dem Projekt angenähert? War es schwer das sperrige Thema »Das Kapital« so prominent im Festival zu platzieren?

Kurto Wendt: Nein, wir kannten das Festival und auch die KuratorInnen. Wir haben ja bereits drei Projekte im Rahmen der WIENWOCHE absolviert – jeweils zur Bettel-Thematik, wobei wir den Umgang damit in der Öffentlichkeit ironisch auf die Schaufel nahmen. Die Idee war, »Das Kapital« aus marxistischer Perspektive unter die Leute zu bringen. Unser Konzept passte zum Festivalmotto und hinterfragt kritisch den Begriff der Lohnarbeit. Wir wollten von der ausgelaugten Hängematten-Thematik abgrenzen, z. B. den missverständlichen Begriff der »Selbstausbeutung« explizieren.

Heide Hammer: Es ging darum, marxistische Basisarbeit zu machen, es ging um Begriffe wie Klasse und eine fundamentale Auseinandersetzung mit der Krise. Das Thema Arbeit ist ja für alle ein Problem, das war unser Anknüpfungspunkt.

Volksstimme: Ihr seid ja alle keine TheatermacherInnen. Wie seid ihr auf das Format der Musiktheaterrevue gekommen? Wie war der Arbeitsprozess?

Kurto Wendt: Wir wollten nicht ein bloß akademisches Publikum ansprechen, sondern aufklärerisch wirken. Dazu ist eine politische Musikrevue besser geeignet als ein Seminar.

Heide Hammer: Unsere Arbeit war sehr kollektivistisch, wir suchten uns FreundInnen und KollegInnen aus der linken Szene, aus der Refugee-Bewegung und diversen NGOS, die wir aus der gemeinsamen Arbeit kannten. Die meisten von uns sind nicht in einer, sondern in vielen Szenen! Ohne enge Beziehungen wäre das Projekt nicht möglich gewesen. Und wir suchten gezielt nach Menschen, die beispielsweise Ton fahren oder Filmens können. Dann haben wir losgelegt. Es ging nicht ums Geld, denn das war extrem knapp, sondern wir näherten uns in einem langsamen Prozess dem Endprodukt an; es war ein echtes Work-in-Progress!

Wir werden weiterhin groß ansetzen und frech sein! Da wir als Nicht-Theater-Insider keine Lobby haben, geht das nicht anders. -- Heide Hammer

Volksstimme: Nach welchen Kriterien entstanden die Texte? Es ist euch ja gelungen, zentrale Punkte aus dem Marx‘schen Werk über die Rampe zu bringen.

Kurto Wendt: Wir sind keine Künstler und wir sind nicht eitel. Uns geht nicht ums Ego. Unser Vorteil ist: Wir kennen alle Beteiligten aus der Szene, mit vielen sind wir seit Jahren gut befreundet, treffen uns regelmäßig, gehen auf Demos und planen Aktionen. Dazu kamen Fixstarter aus der Szene, z. B. die türkischstämmige Hip-Hop-Künstlerin Esra, die zu den heimischen Stars zählt.

Volksstimme: Wie habt ihr die komplexe Abfolge zusammen gestellt – ihr habt ja quasi ein Stück geschrieben? Dazu gehört viel Fingerspitzengefühl.

Kurto Wendt: Dramaturgisch bewegten wir uns entlang von Marx-Stichworten mit Szenenwechsel von ca. 3- bis 9-minütigen Text-Passagen und Musik. Alle Texte mit Ausnahme von einem werden auf der Bühne von jenen gesprochen, die sie auch verfasst haben. Nur ein Ko-Autor, der den Anfangstext über Fordismus und Neoliberalismus beisteuerte, hat uns eine Schauspielerin und seinen Sohn – einen Zirkusartisten – als Darsteller empfohlen; er selbst ist per Video dabei. Jede/r hat hier ein intimes Verhältnis zu Text und Thema und präsentiert eine ganz eigene Sicht auf ausgewählte Themen des »Kapitals«. Die Marx-Zitate werden eingesprochen in den »Marxomaten«.

Heide Hammer: Eine geniale Idee der Regisseurin, die unser Konzept entscheidend erweitert hat, war es, das Personal im Club Fluc_Wanne zu integrieren – d.h., sie aktiv einzubeziehen und ihre Arbeit vor Ort zu beleuchten. So entstanden die Szenen mit dem Garderobier, der Security-Frau, die von einer Kellnerin dargestellt wird, oder dem Filmemacher, der hinter seiner Kamera hervortritt und auf die Bühne geht.

Volksstimme: Wie ist die vielgestaltige und sehr mitreißende Musik zustande gekommen?

Kurto Wendt: Wir wollten nicht die allseits bekannten Lieder der Arbeitswelt replizieren, die einen veralteten Arbeitsbegriff transportieren, sondern neue Arbeiterlieder mit zeitaktuellem Bezug schaffen. Die Songs waren entweder Auftragswerke oder von uns selbst im Kollektiv komponiert, wobei hier Laien und Profis fröhlich zusammen wirkten.

Volksstimme: Wie geht es nun weiter? Was habt ihr vor mit der Produktion?

Kurto Wendt: Wir sehen das Projekt als Experiment, das nach einer Fortsetzung schreit. Wir wollen eine Österreich-Tournee in machen und uns demnächst auch in Trier und Recklinghausen bewerben – 2018 ist ja der 200. Geburtstag von Marx; da wird viel stattfinden.

Heide Hammer: Wir werden weiterhin groß ansetzen und frech sein! Da wir als Nicht-Theater-Insider keine Lobby haben, geht das nicht anders.

Kurto Wendt: Ja, als Newcomer hast du es nicht leicht. Wir wussten sofort, ein Quäntchen Frechheit wird nötig sein – und trotzdem sollten wir bei der Premiere für die WIENWOCHE von Beginn 150-200 ZuschauerInnen in der Bude haben ...

Volksstimme: Vielen Dank für das Gespräch!

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