10 Dezember

SOZIALISTISCHE DIGITALZUKUNFT – EIN DENKMODELL: Fluide Selbstverwaltung

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Warum sollte abseits des Plattform-Kapitalis­mus nicht auch etwas Plattform-Sozialismus möglich sein? Digitale Plattformen des 21. Jahrhunderts könnten dazu dienen, eine Selbstverwaltung auf der Höhe der Zeit umzu­setzen. Große Körperschaften wie Kranken­kassen, ORF oder Unis ließen sich durch alle Teilhabenden autonom selbst regieren.

Von HANS CHRISTIAN VOIGT

Unsere Zeit kennt den Begriff des Plattform-Kapitalismus. Seit Jahren existieren Begriff und Konzept eines Plattform-Kooperatismus. Da wäre es naheliegend, dass ein Begriff des Platt­form-Sozialismus Ausgangspunkt von Debatten wäre. Es gibt ihn nicht. Kein Ansatz, keine Debatte, nicht einmal Neu­gier. Wieso? Hier geht es um die Skizze, was wir unter Plattform-Sozialismus dis­kutieren könnten.

AirBnB, Alibaba, Amazon … bis Zalando: Die ungeheure Organisationsleistung gro­ßer Unternehmen steht heute außer Zweifel. Das gilt auch für eine prekäre Ausnahme im Venture-kapitalisierten Plattform-Kapitalismus wie Wikipedia. All den Plattform-Unternehmen ist das Inter­net die Plattform, auf der ihre disruptiven Geschäftsmodelle aufbauen. Die Realität der herrschenden Plattformen enthält freilich eine Anklage: Wieso so turbokapi­talistisch?

An das Unbehagen sollte die Aufforde­rung geknüpft werden, das Produktions- und Distributionsmittel Plattform anders zu denken als in der herrschenden, zu Gig-Economy und Monopolisierung füh­renden Logik. Wieso nicht etwas mehr als nur alternativen Kooperatismus in der Nische denken. Wieso nicht plattform-sozialistische Organisation von Arbeit, von Produktion, von Dienstleistung durch alle Teilhabenden wagen?

Selbstverwaltung und Resilienz

Vor über hundert Jahren schienen Räte­systeme denkbarer als heute. Selbstver­waltung von Krankenkassen war unmit­telbar vorstellbar, ohne Umweg über Repräsentation via Kammern und Gewerkschaft. Selbstverwaltung ist für die Sozialversicherung immerhin in der österreichischen Bundesverfassung gesetzlich verankert.

Die Umsetzung seit ›45 blieb freilich vom Bild tatsächlicher Mitsprache und Mitbestimmung dermaßen entfernt, dass ein Bewusstsein der Selbstverwaltung für die Masse der Versicherten gar nicht exis­tiert. Eingriffe schwarzblauer Regierun­gen in die Selbstverwaltung werden nicht als die Enteignung wahrgenommen, die sie sind. Wie viel resilienter wäre da eine plattform-sozialistisch selbstverwaltete Sozialversicherung, die Versicherte und für das Unternehmen Arbeitende vereint.

Alle Teilhabenden auf einer Plattform? Was würde die Selbstverwaltungsplattform etwa einer Sozialversicherung zu einer sol­chen konstituieren? Welche Funktionen sollte sie haben? Und nicht nur die der Sozialversicherung, sondern auch jede der öffentlich-rechtlichen Rundfunkorganisa­tion, der Unis, des sozialisierten Teleko­manbieters, Wasser- oder Stromversorgers, der Wohnbaugenossenschaft oder Gemein­debauten, der ÖBB oder der Wiener Linien.

Vier Säulen fluider Selbstverwaltung

Eine Organisation wie die Uni Wien stellt für alle Teilhabenden bereits seit langem Accounts zur Verfügung. Am E-Mail-Korb hängen weitere Funktionen. Die digitale Infrastruktur wird von der Uni selbst gestellt. Die Geschichte des Internets in Österreich hat hier ihren Ausgang genom­men. Über die Jahre und Jahrzehnte kom­men Funktionen hinzu, die am eigenen Benutzer_innenkonto hängen. Spielen wir das weiter und nehmen zusätzlich an, dass alle Teilhabenden das unabdingbare Recht auf einen Account und gleichberechtigten Zugang zu allen zentralen Funktionen der Selbstverwaltung haben.

Als Teilhabende seien definiert, alle Arbeitenden, ob in Produktion oder Ver­waltung, ob unbefristet angestellt oder temporär als atypisch Beschäftigte, alle Nutzer_innen, Beitragszahlende oder ihren Beitrag via Arbeit für die Organisation Leis­tende. Vier Säulen seien als zentrale Funk­tionen der plattformunterstützen Selbst­verwaltungen definiert:

Erstens die Säule der Deliberation: Die Möglichkeit, mit anderen Beziehungen zwi­schen Benutzer_innen-Konten einzugehen, Nachrichten auszutauschen, in Diskussions­foren zusammenzukommen, Arbeitsgrup­pen zu bilden, Dialog zu führen.

Zweitens die der Kontrolle: Das Berichts­wesen wäre entlang der Zeitleiste fluid und nicht auf finanzielle Angelegenheiten beschränkt. Was und in welcher Form, im Sinne von Checks and Balances, zwischen Organisationsteilen und den Teilhabenden an Feedbackschleifen eingerichtet ist, wäre aus der Verfassung abgeleitet, die sich die Organisation selber gibt.

Drittens die Säule, in der strategische Entscheide fallen: ähnlich wie Genossen­schaften, Vereine oder AGs von Zeit zu Zeit Grundlegendes in ihren Generalver­sammlungen zur Abstimmung bringen. Nur dass im Plattform-Sozialismus die Vollversammlung aller Teilhabenden zu jeder Zeit via Plattform über Szenarien abstimmen kann, die zuvor durch die Säu­len eins und zwei gegangen sind.

Viertens die Säule personeller Beset­zungen: In einzelnen anstehenden Fällen ist dazu nicht die Vollversammlung zu bemühen. Ein jeweils per Zufall über die Plattform bestimmtes Wahlpersonen-Komitee von tausend Personen sollte aus den Kandidat_innen auswählen. Die Zufallsauswahl wird durch Quoten struk­turiert, die je nach statutarischer Verfas­sung der Organisation Geschlecht, Ein­kommen, Bildungsabschlüsse, Alter, Region, Funktionen in der Organisation usw. betreffen.

Andere digitale Architekturen sind möglich

Eine digitale Plattform dieser Funktionali­tät mit mehreren Hunderttausend oder Millionen Benutzer_innen-Profilen, wenn wir an die Selbstverwaltung eines ORF oder der Sozialversicherung denken, wäre gleichermaßen revolutionär wie pragma­tisch naheliegend. Sie ist nichts eigentlich Besonderes, gemessen an der Realität bestehender Social-Media-Plattformen. Außergewöhnlich wäre der Zweck: Einmal nicht Disruption bestehender Geschäfts­modelle zur Senkung der Produktionskos­ten und zur Schaffung neuer Monopole, sondern die sozialistische Selbstorganisa­tion von Daseinsvorsorge in vielen großen autonomen Körperschaften und damit mehr Autonomie von Staat und Kapital.

Die digitale Plattform ist die geringere Herausforderung. Die Revolution würde sich in den Beziehungen zwischen Men­schen und Menschengruppen, der Kultur von Organisationen, in den Herrschafts­verhältnissen abspielen. Die Plattform ist schließlich nur Produktionsmittel. Orga­nisationen würden sich dagegen von Grund auf ändern und auf allen Ebenen. Das erklärt sich freilich im Begriff bereits von selbst. Sozialistische Selbstverwaltung ist für sich genommen revolutionär, ob mit digitaler Plattform oder à la neunzehntes Jahrhundert.

Im Plattform-Sozialismus wäre der Demos, der die Herrschaft über die Organi­sation von etwas ausübt, über stetige digi­tale Teilhabe konstituiert, nicht über reprä­sentative Wahlen alle paar Jahre. Das bedeutet ebenso Hürden wie auch mehr Inklusion. Den digital gap wird es nie nicht geben. Bildung wird immer relevant blei­ben. Abgebaut würden dafür andere Aus­schlüsse. Wenn alle Sozialversicherung Zahlenden automatisch und gleichberech­tigt dem relevanten Demos zugehörten, der über die Selbstverwaltung bestimmt, haben automatisch die staatsbürgerlichen Privile­gien, Migrationshintergrund, Vermögen und Einkommen deutliche weniger Ein­fluss.

Im Binnengefüge der plattform-sozialis­tisch regierten Körperschaft verschieben sich Prioritäten: Eingeführt, ausgeweitet und aufgewertet werden muss die Modera­tion der Vielstimmigkeit. Information muss kuratiert, übersetzt und in aufbereiteten Formen dargestellt werden. Die Form der Kommunikation, das Gespräch, muss sich von exkludierend auf inklusiv verändern. Das Arbeitsfeld der Moderation rückt quan­titativ und qualitativ ins Zentrum der Kör­perschaften. Der Zweck der Selbstverwal­tung strukturiert die Kommunikation. Obwohl auch sozialistische Plattformen soziale Netzwerk-Funktionen wie Twitter oder Facebook haben, geht es auf ihnen nicht um nichts oder alles, sondern um eine greifbare gemeinsame Sache.

Nach außen bekommt diese gemeinsame Sache das Gewicht, das eine Organisation ausspielen kann, die nicht auf Lobbyismus, Klientelverbindungen und Werbung setzen muss, sondern mehrere hunderttausend Nutzer_innen auf einer autonomen Platt­form versammelt. Soll die aktive Teilhabe auf einer Plattform ruhig bei nur drei Pro­zent liegen. Das wären immer noch sehr viele Aktive. Und es würden schnell mehr, sobald es um die allen eigenen Interessen geht.

Autonome und offene digitale Architektur

Selbst wenn die eigentliche Hürde die menschliche Organisation ist, auch die digi­tale Architektur wird nicht über Nacht pro­grammiert werden können. Irgendwo muss ein Anfang gemacht werden. Irgendwann sollte Plattform-Sozialismus bedeuten, dass die Grundarchitekturen unserer Plattfor­men public code sind und dass die Digital­wirtschaft ein völlig neues, bedeutendes Betätigungsfeld gewinnt, in dem es um freie Software vom Server bis zur App, um liquid-feedback-Systeme, um inklusive Architekturen und sorgsamen, sparsamen Einsatz personenbezogener Daten geht.

Sozialistische Selbstverwaltung auf der Höhe des 21. Jahrhunderts kann nur hei­ßen, dass die Teilhabenden die Kontrolle über Daten und Code haben. Die Arbeit von Informatiker_innen und Systemadministra­tor_innen ist hier so zentral wie die Arbeit der Moderation. Es braucht eine eigene Spezialisierung, eigene Server, eigenen Code. Dafür gibt es Vorläufer. Liquid feed­back Software nach dem Konzept von liquid democracy. Dezentrale Social-Media-Archi­tekturen in freier Software. Eine lebendige Tradition der Netzkultur, die gegen Über­wachung und Kommodifizierung kämpft.

Die politische Forderung dazu lautet, dass wir die Körperschaften unserer Daseinsvor­sorge selber verwalten wollen. Das Recht dazu haben wir.

Hans Christian Voigt ist ein Soziologe aus Wien mit besonderem Inte­resse an den Bedingun­gen der Möglichkeit für Dissidenz in sozialen Systemen (und erhöh­ter Aufmerksamkeit dafür, welche gesell­schaftlichen Verschie­bungen die digitale Revolution für Lohnab­hängige, Arbeitneh­mer_inneninteressen und die Organisierung der Arbeiterklasse bedeutet).

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Gelesen 434 mal Letzte Änderung am Dienstag, 10 Dezember 2019 12:17
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