Alices Radio: Mittelwellen vom Bisamberg bis nach Beograd Image by Bertsz from Pixabay
11 Februar

Alices Radio: Mittelwellen vom Bisamberg bis nach Beograd

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EINE REPORTAGE VON BARBARA EDER

Am Tag der Sprengung sei er nicht vor Ort gewesen, er war einfach nicht da. Bei der Zerstörung der beiden Sendemasten auf Anhöhe des Wiener Bisambergs wollte Bernd Ruthner nicht dabei sein. Am Fuße des Senders aufgewachsen, irritiert der Blick in die blanke Ebene. Bis zum 24. Februar 2010, 15 Uhr Mitteleuropäischer Zeit, stand dort das höchste Bauwerk Österreichs, mit seinen 265 Metern ragte der nördliche Sendemast der ORF-Mittelwellenanlage aus der Skyline sichtlich hervor. Um 12 Uhr 42 war sein kleineres Pendant rückhaltlos in sich zusammengeknickt, den höheren der beiden Masten zerlegten vier im Abstand von 90 Metern platzierte Sprengstoffladungen in drei Teile. Der Fall des 80 Tonnen schweren Kolosses sollte das Ende einer Ära einleiten. Teddy Podgorski, der das Ereignis für den Fernsehsender TW1 kommentierte, kam mit seinem Abgesang auf das Mittelwellenradio jedoch zu früh: Seine Armbanduhr war der Studiozeit um eine Minute voraus gewesen. Entlang der Floridsdorfer Senderstraße sind heute nur noch selten Signale zu vernehmen, über den Dächern des denkmalgeschützten ORF-Gebäudes tauschen WLAN-Router drahtlos Informationen aus. Einige davon sind Teil von »FunkFeuer«, einer nicht-kommerziellen Initiative zum Aufbau autonomer digitaler Netzwerke, allein in Wien und Umgebung betreut der Verein mehr als 220 Knoten. Viele davon ermöglichen den Eintritt ins Word Wide Web, im Frequenzbereich des 2,4-Gigahertz- Bandes kann mit begrenzter Reichweite aber auch gefunkt werden. Bernd Ruthner begrüßt derartige Entwicklungen, auch analoge Funker: innen haben den letzten Dauermieter am Sender-Terrain bereits besucht. Eine kleinere Gruppe im Umfeld des österreichischen Amateurfunkverbands hätte Teile der Anlage sogar kaufen wollen, um sie vor der Sprengung zu bewahren; am Ende fehlte aber auch ihnen das nötige Geld.

Vom Anfang und Ende der Mittelwelle

Längst sind die Hochzeiten der Mittelwelle vorüber, nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Sendetechnik für die Übertragung von Lang- , Kurz- und Ultrakurzwelle optimiert. In den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts war der Frequenzbereich ab 530 Kilohertz indes ein willkommenes Experimentierfeld. Mit einem 100-Watt-Sender funkte der Wiener Radiopionier Oskar Czeija im April 1923 erstmals über Mittelwelle aus der Wiener Brigittenau, rund zwei Monate später mit einem für drahtlose Telegraphie konzessionierten Apparat vom Technologischen Gewerbemuseum Wien aus. Ab 1. Juli 1923 sendete »Radio Hekaphon« regelmäßig aus der Währinger Straße 59, es war der erste Hörfunksender Österreichs. Darauf aufbauend gründete Czeija im Jahr 1924 die RAVAG – die österreichische Radioverkehrs-Aktiengesellschaft – und ließ in ihrem Auftrag erste Mittelwellensender in Belgrad, Zagreb, Athen und Sofia errichten. Noch vor dem »Anschluss« bewarb er sich als NSDAP-Mitglied, im selben Jahr wurde die RAVAG gleichgeschaltet: Ab März 1938 gehörte der Bisamberg-Sender zum »Großdeutschen Rundfunk«, er strahlte nunmehr nationalsozialistische Propaganda in Richtung »Ostmark « aus. Die Zufahrtsstraße zum ehemaligen »Reichssender« ist bis heute nach Oskar Czeija benannt, im Hinweisschild bleiben seine politischen Ambitionen unkommentiert: Czeija war wider Willen kein Mitglied geworden, aufgrund seiner Ständestaat-Sympathien entließen die Nationalsozialisten den ehemaligen RAVAG-Generaldirektor; trotz der ihm früh entgegengebrachten Widerstände bewarb er sich 1940 erneut bei der NSDAP. Die Schnüre, die am 13. April 1945 gezündet wurden, haben Spuren auf den Bodenfliesen der Halle hinterlassen, die Arbeiter:innen vor Ort konnten sie gerade noch kappen. Kurz vor Kriegsende wollten SS-Truppen den Sender am Wiener Bisamberg in die Luft jagen, am Belag sind Rillen geblieben, die aussehen wie Silhouetten von mageren Schlangen. Die mehrzylindrigen Dieselmotoren im Maschinenraum sorgten einst für autarke Stromversorgung, Maschinist: innen und ihre Helfer:innen hielten die öligen Schwungscheiben einst in Schuss. Am 28. Mai 1933 war vor Ort der erste 100 Kilowatt- Sender in Betrieb gegangen, der Öffentlichkeit präsentiert als »Volksapparat für Fernempfang «; der dazugehörige Sendemast war 130 Meter hoch, sternförmig angeordnete Radialdrähte hielten die rhomboide Konstruktion fest im Boden. Nach Kriegsende war von alledem nur mehr die Dieselhalle übrig, der »Wiederaufbau« begann. 1949 verordneten die Alliierten Sofortmaßnahmen zur Verbesserung aller Empfangsverhältnisse, das Programm der Sendergruppe »Rot-Weiß-Rot« sollte österreichweit zu hören sein – mit edukativer Intention und der Aussicht auf Stärkung der Demokratiefähigkeit eines NSTätervolkes. Dafür steuerten amerikanische Truppen zwei Sendemasten aus einer aufgelassenen Anlage im oberösterreichischen Kronstorf bei, das technische Equipment aus der »Sowjet- Zone« stand nun im Dienst proamerikanischen Sendungsbewusstseins.

 

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