13 April

Klassenbewusstsein oder ArbeiterInnenbewusstsein? Oder: Welche Gestalt hat das Proletariat heute?

von

Theoretische Seiten von KARL REITTER

Eine paradoxe Situation

Dass wir im Kapitalismus leben, ist weit über die Linke hinaus Konsens. Wie selbst­verständlich wird das Kapital als politischer Akteur erkannt. Attac etwa zeigt unermüd­lich das Bestreben der Konzerne auf, politi­sche und rechtliche Verhältnisse zu ihren Gunsten zu verändern und zu manipulie­ren. Und dass es die Profitinteressen der KapitaleignerInnen sind, die zu rücksichts­loser Naturzerstörung führen, ist in kriti­schen Kreisen Gemeinplatz. Aber wie steht es um den anderen Pol des Kapitalverhält­nisses, der ArbeiterInnenklasse? Diese scheint, wenn schon nicht verschwunden, doch weitgehend inaktiv zu sein. Während der eine Pol des Klassenverhältnisses, das Kapital, als mächtig und politisch präsent erkannt wird, erscheint der andere Pol, das Proletariat, als blasses Abziehbild früherer Zeiten. Als zentrales politisches Subjekt des um eine nachkapitalistische Gesellschaft scheint es verschwunden. Niemand kommt auf die Idee, die Donnerstagsdemos als Aufmärsche der österreichischen ArbeiterInnenklasse zu bezeichnen. An die Stelle des Proletariats tritt offensichtlich eine Vielzahl unterschiedlicher AkteurInnen; Frauen, MigrantInnen, Studierende, Scheinselbständige, Erwerbsarbeitslose und – eben auch – Beschäftigte. Aber vom Kapital zu reden und von der ArbeiterInnenklasse zu schweigen, das wäre so, als ob wir über Berge sprechen ohne die Täler zu erwähnen. Wenn wir das Kapital begreifen wollen, müssen wir an seinem Gegensatz, dem Proletariat, festhalten. Aber wie das scheinbare Rätsel des geschwundenen Proletariats lösen? Widerstandes und Garant für den Kampf ­­­­

Verschiedenste politische Reaktionen

Die Linke reagiert auf diese paradoxe Situation unterschiedlich. Manche igno­rieren diese Frage, andere sprechen von neuen Subjekten wie der Multitude, dem Multiversum der WeltarbeiterInnenklasse oder erklären umstandslos: »Wir sind die 99%«. Weitere bevorzugen Theorien der Politik, in denen der Bezug zu ökonomi­schen Verhältnissen gekappt ist. Zu erwähnen ist auch die Gruppe jener, die nach wie vor eine Art Zwiebeltheorie sozialer Verhältnisse bevorzugen, in deren Mitte sich sogenannte Kernschich­ten der ArbeiterInnenklasse befinden sol­len, ummantelt von anderen politischen AkteurInnen. Ich weiß nicht wie es euch, liebe LeserInnen, geht, aber mich über­zeugt keines dieser Angebote. Ich möchte euch alternativ meine Sichtweise vorstel­len.

Wie war es denn früher?

Historisch entstand das Proletariat als scharf abgegrenzte soziale Schicht. Obwohl es niemals homogen und einheit­lich war, war doch der Unterschied zu anderen sozialen Gruppen wie den Bauern und Bäuerinnen, den HonoratiorInnen und den BeamtInnen allen bewusst. Dass es eine ArbeiterInnenschaft gab, war eine unbestreitbare soziale Gewissheit. Jeder wusste, wo die ArbeiterInnen wohnen, wo sie verkehren, wo sie ihre Freizeit ver­bringen usw. Die Abgrenzung zu anderen Schichten war scharf und klar. Die Arbeite­rInnenschaft bildete ein eigenes soziales Universum, mit ArbeiterInnensiedlungen, einer ArbeiterInnenkultur, ArbeiterInnen-Sportvereinen, ArbeiterInnenliedern und ArbeiterInnenparteien. Diese Ausdrucks­formen wurden von der Linken bewusst gefördert und organisiert. Die soziale Tat­sache der ArbeiterInnenschaft wurde auch von der politischen Mitte und auch der Rechten nicht in Frage gestellt. So sollte die ArbeiterInnenschaft im österreichischen Austrofaschismus durchaus einen ange­stammten Platz im Ständestaat bekommen. Der Faschismus hofierte die ArbeiterInnen­schaft als notwendigen Teil des arischen Staats- und Volkskörpers. Nach 1945 wurde der Tatsache, dass es eben auch eine Arbei­terInnenschaft gibt, mit der Sozialpartner­schaft Rechnung getragen. Nicht dass es eine ArbeiterInnenschaft gab, war umstrit­ten. Der Konflikt drehe sich um ihre gesell­schaftliche Rolle. Wollte sie die Rechte als untergeordneter Teil einer als harmonisch phantasierten Ordnung eingliedern, so beharrte die Sozialdemokratie auf gegen­sätzlichen Interessen, die doch letztlich über Kompromisse und Sozialpolitik zum Ausgleich gebracht werden sollten. Allein der kommunistische Flügel erkannte die Unversöhnbarkeit der sozialen Widersprü­che und erblickte in der ArbeiterInnen­schaft das revolutionäre Proletariat. So unterschiedlich die jeweilige Haltung zur ArbeiterInnenschaft auch war, als soziale Tatsache wurde sie bis in die 50er-Jahre hinein von niemandem in Frage gestellt. Erst nach und nach wurde die soziale Exis­tenz einer einheitlichen ArbeiterInnen­klasse selbst in Frage gestellt.

Vom ArbeiterInnenbewusstsein zum Klassenbewusstsein?

Solange die ArbeiterInnenschaft als klar abgegrenzte soziale Gruppe, noch dazu mit eigener Kultur, eigenen Organisationen und Vereinen existierte, solange war das ArbeiterInnenbewusstsein eine notwendige und logische Folge. Das Bewusstsein, eben Arbeiterin oder Arbeiter zu sein und des­wegen auch das Recht auf Anerkennung und ein würdiges Dasein zu haben, ist nicht unbedingt revolutionär. Dies war für Marx ebenso selbstverständlich wie für Engels und Lenin. Kurzum, wohl alle DenkerInnen und AktivistInnen der kommunistischen Bewegung konstatierten: ArbeiterInnenbe­wusstsein ist keineswegs gleichbedeutend mit Klassenbewusstsein, schon gar nicht mit revolutionärem. Aber, und das war sozusagen in Stein gemeißelt: Klassenbe­wusstsein könne nur aus dem ArbeiterIn­nenbewusstsein erwachsen. Das ArbeiterIn­nenbewusstsein wurde als die Basis, als Aus­gangspunkt für die Entwicklung eines revolutio­nären Klassenbewusstseins erachtet. Deswegen war (und ist) auch die Formel von der Ent­wicklung der »Klasse an sich« zur »Klasse für sich« so populär. Die Klasse an sich, das sei eben die gegebene ArbeiterInnenschaft, die wohl um ihren sozialen Status weiß – »Wir sind ArbeiterInnen« –, aber nur vage und verschwommene Vorstellungen über ihre emanzipatorischen Möglichkeiten hätte. Wie diese Weiterführung möglich sei, darüber gab und gibt es durchaus Kontro­versen. Aber dass am ArbeiterInnenbe­wusstsein anzuknüpfen sei, das schien unmittelbar evident. Es mag mache überra­schen, aber das Schema der »Klasse an sich« zur »Klasse für sich« existiert bei Marx nicht. Es gibt keine einzige Passage im Marxschen Werk, in dem er ein derarti­ges Schema entwickelt.1 Es ist tatsächlich ein genuin Leninistisches Konzept, wobei Lenin der Avantgardepartei die Rolle zuschreibt, diese Transformation zu bewir­ken. Solange aber eine klar erkennbare kul­turell und sozial bestimmte ArbeiterInnen­schaft existierte, solange war die Leninsche Formel vom gegebenen »trade-unisti­schen« Bewusstsein als Ausgangspunkt für tatsächliches Klassenbewusstsein so über­zeugend.

Klassentheorie in der Krise: Die schwindende ArbeiterInnenschaft

Nun ist die ArbeiterInnenschaft nicht völlig verschwunden. Aber als spezifische kultu­relle und soziale Schicht erscheint sie als ein Milieu unter vielen anderen. Die über­wiegende Mehrheit der Lohnabhängigen versteht sich kaum als der ArbeiterInnen­schaft zugehörig. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass das Proletariat ver­schwunden ist, im Gegenteil. Im Schwinden begriffen ist bloß eine spezifische kultu­relle und lebensweltliche Ausprägung des Proletariats. Soziale Identitäten sind stets im Alltagsbewusstsein verankert. Sie sind unmittelbar sinnlich gewiss, wenn ich das etwas philosophisch formulieren darf. Die alte ArbeiterInnenschaft mit ihrer Kultur, ihren Organisationen und Vereinen ist ver­sunken und wird auch nicht wieder entste­hen. Um den Begriff des Proletariats ange­messen zu verstehen, gilt es ein weit ver­breitetes Missverständnis zu überwinden. Marx hat das Proletariat niemals mit einer ganz bestimmten kulturellen und sozialen Gestalt identifiziert, sondern als hoch abs­trakten Pol des Klassenverhältnisses bestimmt. »Träger der Arbeit als solcher, d. h. der Arbeit als Gebrauchswert für das Kapital zu sein, macht daher seinen ökono­mischen Charakter aus; er ist Arbeiter im Gegensatz zum Kapitalisten. Dies ist nicht der Charakter der Handwerker, Zunftge­nossen etc., deren ökonomischer Charakter grade in der Bestimmtheit ihrer Arbeit und dem Verhältnis zu einem bestimmten Meister liegt etc.« (MEW 42: 218f.) Mein Argument lautet also: Die klassische ArbeiterInnen­schaft hatte noch immer bestimmte kultu­relle und soziale Züge, ähnlich wie es die HandwerkerInnen oder ZunftgenossInnen hatten. Eine eindeutige Identifikation des Proletariats mit einer bestimmten sozialen Ausprägung funktionierte schon zu Mar­xens Zeiten kaum. Engels zeichnet in seiner Studie »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« zwei weitgehend unterschiedli­che soziokulturelle Ausprägungen des Pro­letariats: die englische und die migranti­sche irische ArbeiterInnenklasse unter­schieden sich hinschlich Lebensweise, Ideo­logie und sozialer Position teilweise beträchtlich. Das alles gilt heute noch viel mehr. Identifizieren wir das Proletariat nicht mit bestimmten, deskriptiv zu erfas­senden ArbeiterInnenmilieus, so zeigt es sich, dass das Proletariat sich erst gegen­wärtig in jener Form verwirklicht, die Marx vor Augen hatte. ProletarierIn zu sein bedeutet, dem Kapital als abstraktes Arbeitsvermögen, das tendenziell zu jeder bestimmten Arbeit eingesetzt werden kann, gegenüberzustehen. Und so ist es auch für die überwiegende Mehrheit: das eigene Arbeitsvermögen muss unabdingbar am Arbeitsmarkt verkauft werden, in welcher Form dies auch immer geschehen mag. Kulturelle Gemeinsamkeiten gibt es zwi­schen den VerkäuferInnen der Arbeits­kraft inzwischen allerdings oft nur wenige. Zeichnet sich die vor- und früh­kapitalistische Arbeitskraft durch eine besondere Bestimmtheit aus (ich bin SchlosserIn, ich bin BuchdruckerIn usw.), eine Bestimmtheit, die notwendig ein ebenso bestimmtes Standes- und Schicht­bewusstsein ergibt (»wir BuchdruckerIn­nen«), tendieren kapitalistische Verhält­nisse dazu, die Arbeitskraft von allen bestimmten und identitätsprägenden Merkmalen abzulösen. Die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise schafft ein Proletariat, das in zahlreiche Milieus und Szenen aufgesplittert ist. Diese Tendenzen widerlegen nicht, son­dern bestätigen umgekehrt den Marxschen Begriff des Proletariats: es ist ein hoch abstrakter analytischer, kein soziologisch deskriptiver Begriff. Es ist ein Pol des Klassenverhältnisses, das im Grunde immer schon unterschiedlichste Formen und Ausprägungen angenommen hat.

Hemmnis oder Vorteil?

Diese Überlegungen führen uns zu ent­scheidenden Fragen: Ist es ein Problem, dass das Proletariat kein einheitliches, kulturelles und soziales Gesicht mehr hat? Ist das Schwinden des ArbeiterInnenbe­wusstseins für die Herausbildung eines Klassenbewusstseins ein Hemmnis oder gar ein Vorteil? Ich tendiere zu Letzte­rem. Zwischen Klassenbewusstsein und ArbeiterInnenbewusstsein gab es nicht nur kontinuierliche Übergänge, sondern auch klare Gegensätze. ArbeiterInnenbe­wusstsein ohne Klassenbewusstsein trägt die Bejahung der Verhältnisse in sich. Wir sind ArbeiterInnen, wir sind stolz darauf, wir fordern, gerade weil wir fleißig und ehrlich arbeiten, auch unseren Platz in der Gesellschaft – so wie sie ist! Diese kon­servative Tendenz zeigt sich auch im Wahlverhalten traditioneller ArbeiterIn­nenschichten, die offenbar eine fatale Neigung haben, auch rechte und rechts­populistische Parteien zu wählen. Das Klas­senbewusstsein ist hingegen verneinend. Es besteht im Kern im Streben nach der Selbstaufhebung des Proletariats als Prole­tariat. Soziale Verhältnisse, in denen Men­schen gezwungen werden, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, soll es nicht mehr geben. Klassenbewusstsein beinhaltet auch die von Marx immer wieder geforderte Kritik der herrschenden Formen der gesellschaftli­chen Arbeit. Das bedeutet: Arbeit darf nicht mehr Lohnarbeit sein, die Produktionsmit­tel nicht mehr Kapital und die Oberfläche der Erde nicht mehr Privatbesitz. Es ist evi­dent, dass das ArbeiterInnenbewusstsein, insbesondere in seiner konservativen Aus­prägung, meilenweit von solchen Haltun­gen entfernt war und ist.

Konsequenzen

Wenn die hier vertretene Auffassung akzeptiert und ernst genommen wird, so hat dies einige Konsequenzen. Eine strikt soziologische Orientierung auf die Arbeiter Innenschaft, eine Rhetorik, die stets das Wort Arbeiter und Arbeiterin in den Mund nimmt, ist obsolet. Wollten wir nur jene Menschen ansprechen, die sich subjektiv als ArbeiterInnen fühlen, würden wir eine hoffnungslose Orientierung auf eine Minderheit propagieren. Sogenannte orthodoxe Kreise werden jetzt wohl ver­blüfft sein, aber es ist so: Wir würden die überwiegende Mehrheit des gegenwärtigen Proletariats mit einer ArbeiterInnen-Rheto­rik nicht mehr ansprechen. Die Marxsche Aussage »Sowenig man das, was ein Indivi­duum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt« (MEW 13: 9) gilt selbstredend auch für das Proletariat. Die Orientierung auf das Proletariat darf nicht mit der Aus­richtung auf eine schwindende, sich subjek­tiv als ArbeiterInnenschaft verstehende Gruppe verwechselt werden. Klassenpolitik bedeutet gegenwärtig die Tatsache einer kulturell, sozial und lebensweltlich höchst unterschiedlichen ArbeiterInnenkasse zu Kenntnis zu nehmen. Einer ArbeiterInnen­klasse, die trotz aller sozialer Verschieden­heiten letztlich gemeinsam dem Kapital als Arbeitsvermögen »gleichgültig gegen ihre besondre Bestimmtheit, aber jeder Bestimmtheit fähig« (MEW 42; 218) gegen­übersteht.

1 Tatsächlich gibt es nur einen einzigen Satz, in dem Marx die Formel »Klasse für sich selbst« verwendet. (MEW 4; 181)

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