19 November

Anand vs. Ivanchuk (1994)

von

Du darfst nie aufgeben. Also, beim Schachspiel. Beim Schachspiel darf man eine scheinbar verlorene Partie nie aufgeben. Egal wie schlecht die Position steht, egal wie aussichts- und planlos die eigenen Figuren verstreut herumstehen, egal wie wenige von ihnen noch übrig sind, egal wie knapp die verbliebene Zeit ist: Du darfst nie aufgeben.

Wieso? Aus zwei Gründen. Erstens: Es besteht immer die Möglichkeit, dass der Gegner noch einen Fehler macht. Auch in der letzten Sekunde. Besonders in der letzten Sekunde! Man muss dem Gegner immer noch die Chance geben, einen Fehler zu machen. Und nicht alle Gegner und Gegnerinnen wissen, dich matt zu setzen. Viele sind souverän im Druckmachen. Aber nicht alle können das bis zum Ende durchziehen. Der zweite Grund, warum man niemals eine noch so verloren geglaubte Partie aufgeben darf: Im schlimmsten Fall kann man von der Niederlage, und auch von den letzten Schritten die zur endgültigen Niederlage führen, noch etwas lernen. Für die nächste Partie, für den nächsten Kampf. Für die nächste schwierige Position, Situation.
Diese Regel aus dem Schachspiel übernahm ich unhinterfragt für andere Teile meines Lebens, für den Alltag. Es schien angemessen – immerhin war das Leben für mich immer so wie am Schachbrett: Ich gegen den Rest der Welt. Die anderen Techniken, die ich aus dem Schachspiel kannte, erwiesen sich im Alltag schließlich auch als nützlich: Nachdenken, bevor man einen Zug macht. Alle Optionen prüfen. So viele Schritte im Voraus denken, planen, wie die Kapazitäten und die Zeit es zulassen. Alle Möglichkeiten sorgfältig durchrechnen, bevor man eine Entscheidung trifft. Nicht zu vergessen auch das Prinzip Gegenangriff statt Verteidigung. Offensive als Defensive. Immer gut, wenn man unter Druck steht: Zurückdrücken, statt dem Druck nachzugeben. Sich nicht auf den Angriff, auf das Spiel, den Plan des Gegners einlassen, sondern auf den Seitenlinien die eigene Strategie weiterverfolgen und gegebenenfalls aus dem Hinterhalt zuschlagen.

Doch als ich älter wurde, merkte ich, dass dieses »Du darfst nie aufgeben« mehr so eine Richtlinie war als eine eiserne Regel.

Doch als ich älter wurde, merkte ich, dass dieses »Du darfst nie aufgeben« mehr so eine Richtlinie war als eine eiserne Regel. Dass erfahrene Schachspieler und Schachspielerinnen diese Regel regelmäßig brachen. Aus Frust und Ärger, aus Enttäuschung. Aber auch aus strategischen Überlegungen: Um Kräfte zu schonen. Wenn ich heute aufgebe und raste, dann kann ich morgen ausgeruht in die nächste Schlacht ziehen.

Als ich also sah, dass das gar nicht stimmt, dass es gar nicht verboten ist, aufzugeben, wurde ich neugierig. Ich probierte es aus. Ich begann zu sagen: Nein, das ist meine Zeit nicht wert. Meine Energie nicht wert. Schon nach kurzer Zeit konnte ich nicht mehr aufhören. Aufhören, aufzugeben. Ich war auf den Geschmack gekommen. Ich wurde süchtig nach Aufgeben. Ich ging. Ich verließ Menschen und Situationen. Ich sagte: »Ich kann nicht mehr.« Ich wollte nicht mehr können, können müssen. Einfach nachgeben, einfach aufgeben – es war eine Offenbarung. Einfach sagen: Nein, ich will nicht mehr. Ich knallte Türen hinter mir zu. Ich warf frustriert Spielbretter und Tische in die Luft, sodass alle Steine durch den Raum segelten – im übertragenen Sinne natürlich. So ein Verhalten gehört sich im Schachspiel selbst nicht. Da streckst du, wenn du aufgeben willst, einfach wortlos deine Hand über das Brett aus. Zu demütigend wäre es in diesem Moment, denn Mund aufzumachen und die Worte sagen: Ich gebe auf. Das Gegenüber schüttelt wissend – und erleichtert – die Hand und nickt zufrieden. Die Kapitulation ist im Schach ein beidseitiges Verständnis. Die intellektuelle Niederlage braucht keiner weiteren Worte.

Das Aufgeben hat mich nicht weit gebracht. Obwohl wütend eine Tür zuzuwerfen eines der besten Gefühle überhaupt ist, das muss man schon sagen – es ist ein kurzes High. Zwei oder drei Mal im Leben stand ich vor der ultimativen Kapitulation. Ich verstehe, warum sie romantisiert wird. Dem Druck zu weichen, nachzugeben – es ist eine Erleichterung. Dem Druck frei Hand zu geben – es fühlt sich in dem Moment an wie die heiligste Form der Selbstbestimmung.

Meine Aufgabe-Sucht war narzisstisch. Ich hasste es, Dinge zu tun, die ich nicht perfekt oder zumindest außerordentlich gut konnte. Deshalb hörte ich ja auch mit dem Schachspielen auf. Ich war ein vielversprechendes Talent. Aber ich hielt es nicht aus, zu verlieren – zu groß die persönliche Kränkung, zu schwer die Schande. Weil ich die einzelnen Partien nicht aufgeben durfte, wollte und konnte, musste ich das ganze Spiel aufgeben.

Während andere um mich herum erst langsam lernten, mit Dingen, die ihnen schwer fielen oder schadeten, aufzuhören, musste ich wieder lernen, Dinge nicht sofort wegzuwerfen, nur weil sie leichten oder mäßigen Widerstand leisteten. Während andere Menschen lernen mussten, ihre Grenzen zu verteidigen, musste ich lernen, meine Grenzen zu öffnen. Mich nicht in lauter Neins zu verbarrikadieren. Wer die Schachfiguren, die Spielsteine nicht nach vorne schiebt, hat später keinen Platz zum Manövrieren. Erst sehr langsam und spät lernte ich, dass es einen Wert, einen ganz besonderen Wert hat, Dinge zu tun, die ich nicht gut kann. Zu üben. Zu trainieren. Durchzuhalten.

Während andere Menschen lernen mussten, ihre Grenzen zu verteidigen, musste ich lernen, meine Grenzen zu öffnen.

Ich gehe jetzt wieder vorwärts, einen Schritt nach dem anderen, wie der Bauer im Schachspiel. Einen Fuß vor dem anderen. Ich gehe in die Arbeit, ich gehe nach Hause, ich gehe zu Freunden und Freundinnen, zu meiner Familie. Ich gehe in Ausstellungen, ins Kino, in Konzerte, zu Lesungen. Ich bleibe immer seltener verzweifelt liegen, überzeugt, nie wieder aufzustehen, nie wieder aufstehen zu können. Aber es fällt mir wieder immer schwerer. Ich frage mich: Wohin führen mich diese Schritte? Was wartet am Ende des Schachbretts, wenn draußen schon wieder Faschismus ist? Wie soll mein Gehen, mein Alltag aussehen, wenn draußen schon wieder Faschismus ist? Warum soll überhaupt noch ein Alltag sein, warum sich überhaupt noch an die Spielregeln halten, wenn draußen schon wieder Faschismus ist?

»Nie aufgeben«, das ist eher eine Regel, die für Anfänger gedacht ist. Wir müssen Anfänger und Anfängerinnen sein, schließlich wäre es sonst nicht wieder so weit gekommen.

Widerstand muss geübt werden! Widerstand will geübt sein. Und Widerstand ist keine singuläre Aktion. Kein einzelner, genialer Zug. Widerstand ist ein ständiges Suchen, ein ständiges Fragen. Ein ununterbrochenes Kombinieren. Ein tägliches Üben. Nicht ein »Was hätte ich damals getan?« – diese Partie ist schon vorbei, schon verloren! – sondern ein »Was kann ich heute tun?«.
Ich bin müde. Aber ich denke in letzter Zeit wieder oft an die Regeln im Schachspiel: Üben, üben, üben. Niemals aufgeben. Und sei es nur ob der Möglichkeit, dass der Gegner doch noch einen Fehler macht.

Foto: Olja Alvir, Linkeswort am Volksstimmefest 2018.Olja Alvir ist Autorin in Wien. Ihr Debütroman »Kein Meer« handelt von der Frage, was eins mit den Faschos in der eigenen Familie tun soll.

Foto: Olja Alvir, Linkeswort am Volksstimmefest 2018, wo die Autorin den Text zum allerersten Mal präsentiert hat.
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