Selfies nur für Kapitalisten! Michael Gruberbauer Orig. Foto: Protoplasma K CC BY-SA 2.0 / Flickr
13 Juli

Selfies nur für Kapitalisten!

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Schon über die Occupy-AktivistInnen haben Medien und soziale Netze hämisch gelacht. Statt die üblichen Verdächtigen – die alten SozialromantikerInnen, die wenigen verbliebenen GewerkschafterInnen und linke Splittergruppen –, konnte die Bewegung aus den USA, die im Fahrtwasser der letzten, großen Wirtschaftskrise entstand, viele neue und vor allem junge Menschen ansprechen. Junge Menschen, die ein Leben im 21. Jahrhundert führen, mit allem was »im Westen« dazugehört: Smartphone, moderne Kleidung, Gehaltskonto bei einer fiesen, kapitalistischen Bank. In den Augen der Kapitalismus-Fans ein unentschuldbarer Fauxpas. Was das doch für Heuchler sind. Selfies nur für Kapitalisten! Die sollen ihren Protest gefälligst mit selbst gebastelten Semaphoren koordinieren und sich in Jutesäcke kleiden. Wer ein gutes Leben für alle will, muss selbst in Armut leben!

Wer ein gutes Leben für alle will, muss selbst in Armut leben!

Ähnliche Vorwürfe aus der Mottenkiste vernimmt man nun angesichts der G20-Proteste (und ihrer offensichtlichen Eskalation) in Hamburg. »Der Spiegel« zum Beispiel ist sich nicht zu schade, akribisch die Markenkleidung des »Schwarzen Blocks« zu analysieren, um damit gleich den ganzen – und zum überwiegenden Teil gewaltlosen – Protest gegen den G20-Gipfel zu diskreditieren. Vom »Schwarzen Block« soll hier aber nicht die Rede sein, über ihn wurde in den letzten Tagen schon genug geschrieben. Die gleiche Markenkleidung und jede Menge Smartphones finden sich, genau so wie bei den Occupy-AktivistInnen, auch bei den Zigtausenden DemonstrantInnen in Hamburg, die gewaltlos protestiert haben. Die Frage ist also: Warum dürfen KapitalismuskritikerInnen, oder selbst nur jene, denen einfach der absolutistische G20-Zirkus gegen den Strich geht, kein iPhone besitzen?

Authentische Kapitalisten

Schauen wir uns doch die Gegenseite an: Neoliberale, die von der Eigenverantwortung, Profit und dem überbordenden Sozialstaat faseln aber auf öffentlichen Straßen fahren oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen, Leitungswasser zum Kochen verwenden, den Arzt von der öffentlichen Krankenversicherung zahlen lassen und Leute einstellen, die von öffentlichen Schulen und Unis ausgebildet wurden. Beruflich haben sie mit digitalen Geräten zu tun, nutzen IT-Produkte oder arbeiten gar für Konzerne wie Amazon: In all diesen Fällen bleibt der gewinnbringende Kommerz ohne Open Source oder Free Software ein reiner Wunschtraum. Ja, die gesamte Infrastruktur des Internet würde ohne nicht-profitorientiert erzeugte Software zusammenbrechen – und somit auch die Geschäftsmodelle des neuesten Liebkinds, der modernen »Industrie 4.0«-Unternehmen. Kapitalistischer Gewinn geht heute nur mit kommunistischem Teufelszeug! Und die wenigsten Spitzenmanager haben in jüngsten Jahren wohl für Muttermilch, die Zuneigung der Eltern oder für die Miete in den ersten 16 Jahren im Elternhaus einen Dauerauftrag eingerichtet ...

Kapitalistischer Gewinn geht heute nur mit kommunistischem Teufelszeug!

Genau so wie man diesen Leuten nicht vorwerfen kann, die öffentliche Infrastruktur zu nutzen, oder dass der Mensch nun einmal ein soziales Wesen ist, verläuft auch die Kritik an den Selfies der AktivistInnen im Sand. Breaking News: Es gibt kapitalistische, kommunale, soziale, ja sogar sozialistische Aspekte in unserer Gesellschaft. Jemand, der ein Teil dieser ist, wird nur schwer schaffen, sich nur aus jenen Töpfen zu bedienen, die ideologisch mit ihm/ihr in Einklang sind. Ähnlich vielschichtig war die Realität auch zu anderen Zeiten und in anderen Wirtschafts- und Produktionssystemen (Sklavenwirtschaft, Feudalismus, ...). Trotzdem war die Kritik an der Sklavenhaltung oder am Feudalismus genau so richtig – selbst wenn die KritikerInnen innerhalb des Systems von seinen Erzeugnissen gelebt haben –, wie es heute eine sinnvolle, fundierte Kritik am Kapitalismus ist. Und zweifellos ist es diese Form von Kritik, die bei den Protesten gegen den G20-Gipfel von der großen Mehrheit der AktivistInnen vorgebracht wurde.

Freier Markt, freie Wahl?

Das Problem ist der Schein, allen die freie Wahl zu lassen: Ihr könnt eure Jacken ja selbst produzieren, ihr müsst keine Markenware, ja nicht mal von Kindern in Bangladesch erzeugte Billigware vom Diskonter, kaufen. Ihr müsst kein Smartphone nutzen. Auch das ist jedoch ein Wunschtraum. Nachhaltige Kleidung aus lokaler, solidarischer Produktion kann vielleicht, aus dem kapitalistischen Produktionssystem teilweise entkoppelt, die kleinen Marx-Lesekreise in den umliegenden Städten einkleiden. Sollen auf einmal abertausende DemonstrantInnen aus der Breite der Gesellschaft nachhaltig und solidarisch einkaufen, wird das schon schwieriger. Erstens skaliert diese Art der Produktion in einem profitorientierten System schlecht. Ihr sind ohne die Unterstützung durch die Politik (z. B. durch verstärkte öffentliche Förderung von Coops wie von Jeremy Corbyns Labour Party gefordert) strikte ökonomische Grenzen auferlegt. Zweitens sind auch Einschnitte bei der Kaufkraft der Kundschaft, die durch die Prekarisierung breiter und vor allem junger Gesellschaftsschichten zunehmend spürbar werden, ein relevanter Faktor, der viele Menschen ungeachtet ihrer politischen Ideologie eher zum billigen Produkt als zum besseren Gewissen erzieht.

Warum delegitimiert also der Besitz des Handys und der Markenjean die Kritik der G20-Aktivistin, während der Investmentbanker weiter zum Urologen gehen darf?

Dass heute ein wirtschaftliches Überleben ohne Mobiltelefon und handelsüblicher Kleidung in der durchdigitalisierten Gesellschaft möglich ist, ist jedenfalls ähnlich realistisch wie das Gesundbleiben ohne Krankenversicherung. Allein schon, weil es ähnlich wie die persönliche Mobilität zu einer Anforderung des Arbeitsmarktes geworden ist, immer und überall erreichbar und »präsentabel« zu sein. Warum delegitimiert also der Besitz des Handys und der Markenjean die Kritik der G20-Aktivistin, während der Investmentbanker weiter zum Urologen gehen darf? Würden die DemonstrantInnen auf den Arbeitsmarkt pfeifen, um in den Augen der Neoliberalen authentischer zu wirken, folgte umgehend der nächste Vorwurf: Die Arbeiten doch nichts und liegen uns nur auf der Tasche, die haben nicht mitzureden! Wie man es dreht und wendet: Es geht hier nicht um Handys und Markenjeans, sondern um die Verachtung der Demokratie und der Forderung einer großen Anzahl von Menschen, mehr politisches Mitspracherecht und eine gerechtere Verteilung des Wohlstands realisiert zu sehen.

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