16 November

Gefilterte Popkultur?

von

Über politische Songs und das Eigenleben der Ö3-Charts.
Von Michael Gruberbauer und Harald H.

Auf dem beliebtesten österreichischen Radiosender Ö3 gibt es seit einigen Jahren eine eigene Sendung, in der die 40 meistgewünschten Musiktitel der Woche präsentiert werden und zwar immer donnerstags von 19 bis 22 Uhr. Die Liste dieser Titel ist auf der Website von Ö3 zu finden.

Die Kundin ist ja angeblich Königin, und so sollte man meinen, dass der HörerInnenwunsch auch im wöchentlichen Programm abgebildet wird. Entgegen dieser Vermutung landen aber nicht alle gewünschten Titel in der Rotation, selbst wenn sie in einer Woche zehn Plätze in der Gunst der eigenen HörerInnen nach oben schießen.

Schwarz oder Weiß?

Im konkreten Fall geht es um »SCHWARZODERWEISS« von Rainhard Fendrich, einem Lied, das die Toleranz – oder das Fehlen derselben – gegenüber anderen Religionen zum Thema macht (wenngleich Fendrich beim fragwürdigen Fazit landet, dass ja ohnehin alle zum selben Gott beten, und damit wiederum unbewusst die AgnostikerInnen, AtheistInnen und andere ausgrenzt). Fendrichs Lied ist jedenfalls eine Botschaft, die der medialen Hetze gegenüber andersdenkenden und geflüchteten Menschen sowie gegenüber dem Islam oder dem Judentum widerspricht, und ist trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) zuletzt von Platz 39 auf Platz 29 aufgestiegen. Für den österreichischen Sänger ist das nichts Neues, hatte er doch schon 1993 mit seinem Lied »Brüder« gegen das Aufkommen der damals von Jörg Haider angestachelten ausländerfeindlichen Stimmung implizit protestiert und einen Hit gelandet.

Dennoch wird »SCHWARZODERWEISS« tagsüber nur einmal in der Woche, bei der Präsentation der HörerInnencharts, gespielt, läuft sonst aber nicht im regulären Programm. Dafür befinden sich in der wöchentlichen Playlist bereits Titel, die entweder nicht in der Wertung oder auf viel schlechteren Plätzen gereiht sind, die man aber anscheinend um jeden Preis etablieren will, wie etwa »Lose control« von Matt Simons, »Ein Teil von mir« von Christina Stürmer, »Love my life« von Robbie Williams oder bis vor kurzem noch sein anderer Titel, »Party like a Russian«.

Fühlt sich die Musikredaktion bemüßigt, sich über den Geschmack des Publikums hinwegzusetzen? Oder geht es viel eher um wirtschaftliche Überlegungen angesichts eines unbequemen Liedes? Man sträubt sich ja angeblich der Quote wegen, Musik von österreichischen KünstlerInnen Platz zu geben.

Gleich nach der Werbepause

Die Finanzierung durch Zwangsgebühren sollten eigentlich ein Garant dafür sein, wirtschaftliche Interessen bei der Programmgestaltung auszublenden. Wer aber ab und zu bei Ö3 reinhört, weiß, dass Werbung dort eine wichtige Rolle spielt. Das Mediengesetz erlaubt dem ORF immerhin, auf einem Radiosender bis zu etwa 115 Minuten lang täglich Spots zu spielen. Und von verschiedenen Medien (z. B. Heute, Österreich, Youtube) ist, entweder dank geleakter Korrespondenz oder einfach dank der öffentlich gemachten Richtlinien zur Contentvermarktung, sattsam bekannt, dass Werbende danach streben, ihre Produkte nicht im Umfeld kontroverser Botschaften zu bewerben.

Bei einem genaueren Blick auf die gespielten Lieder des vergangenen Monats fällt jedenfalls auf, dass »SCHWARZODERWEISS« sehr wohl recht häufig im Programm läuft – zwischen Mitternacht und 5 Uhr bzw. am Wochenende und an Feiertagen bis 6 Uhr früh. Das ist aus zwei Gründen keine Überraschung: Einerseits wird zu diesen Zeiten bedingungslos jeder Musikwunsch erfüllt, der in der Ö3-Datenbank gespeichert ist. Andererseits spielt Werbung in der Nacht dank wesentlich kleinerem Publikum eine wesentlich geringere Rolle.

Bis Donnerstag, dem 17. November um 19 Uhr, ist die HörerInnencharts-Wertung von Ö3 noch in dieser Form online. Wünsche/Abneigungen können dort auch ganz einfach mit Klick auf die »Daumen«-Symbole abgegeben werden. Vielleicht haben ja einige LeserInnen Lust, auf diese Seite zu gehen und auf den einen oder anderen Daumen zu klicken oder sich auf andere Weise an Ö3 zu wenden. Es wäre ein interessantes Experiment, ob auch eine Ö3-Top-10-Platzierung keine Auswirkung auf das Programm hat. Ein Lied, das prominent zur Toleranz aufruft, ist auch in Anbetracht der kommenden Präsidentschaftswahl am 4. Dezember sicher kein Nachteil. Und bei dieser Gelegenheit könnte man auch gleich eine Nachricht an den ORF schicken, die jetzt geplanten, signifikanten Einsparungen beim einzigen werbefreien Radioprogramm, das sich tatsächlich noch dem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag verschrieben hat – die Rede ist natürlich von Ö1 –, zu verwerfen.

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