03 Dezember

SCHULE DES DISTANCE-ÜBERLEBENS

von

Von Judith Klemenc

Freitag, 5./6. Stunde Die Fenster zu. Es ziehe zu sehr.

27 Schüler:innen der 8. Klasse im Zeichen­saal. Meine Bitte, zumindest einen Spalt ... Das Sprechen mit Maske, das Euphorisieren mit Maske, das Ideen-Geben mit Maske … Maskenbildnerin wäre auch eine Möglich­keit.

Sonntag, 22.00 Die Mail von der Klassenvorständin: Ein Schüler wurde positiv getestet, die Schüler:innen bleiben heute und morgen daheim.

Donnerstag, 16.00

Eine weitere Mail: Vier weitere Schüler: innen wurden positiv getestet, alle Lehrer: innen, die die Schüler:innen am Mittwoch und Donnerstag unterrichteten, sind für zehn Tage in Quarantäne, ebenso die Schü­ler:innen.

Inzwischen die Tirol-Meldung: Oberstufe – Distance-Learning, außer die Maturaklas­sen: Schichtbetrieb.

Die Herbstferien. Den Rest kennen wir. Was wir nicht kennen, ist die Situation in den Klassen. Die Notwendigkeiten. Die Kin­der, die untereinander und miteinander. Die auch gegeneinander. Die eine hustet. Der andere schreit: Die hat Corona. Sie, die zurückschreit: Nein, ich habe keines. Die zu ihm rennt. Nach dem Unterricht. Die Stiegen runter, ihn festhält und schreit: Du mobbst mich. Er, der zurückschreit: Du greifst mich an. Die beiden schreiend auf der Stiege. Die Mädchen, die zu ihr halten. Der mobbt. Genau. Das Sprechen mit beiden im unteren Stockwerk: Husten heißt nicht gleich Corona. Wenn jemand Abstand will, gilt es das zu berücksichtigen.

Das Ende der Herbstferien naht. Die Zahlen steigen. Der Lockdown in Aussicht. Maximal sechs Menschen an einem Tisch. Maximal zwei Haushalte.

Würde ich voll unterrichten, hätte ich elf Mal ca. 30 Haushalte in einem Raum. Die Tische sind nicht einen Meter getrennt. Dazu ist der Raum zu klein. Und zu viele Kinder, um den Abstand permanent einzuhalten. Halb habe ich sechs Mal ca. 30 Schüler:innen in einem Raum, weniger in den Maturaklasse: also fünf.

Sonntag

Ich habe mich verkühlt. Nebenhöhlen. Kein Fieber. Kein Husten. Das stündliche Messen. Das Verrückt-Werden am helllichten Tag. Die Entscheidung. Für drei Tage kein Unterrich­ten. Zu schwach. Die Meldung an den Adminis­trator. Das Wissen, dass andere Kolleg:innen für mich einspringen müssen. Das schlechte Gewissen. Das auf den Magen drückt.

Mittwoch

Das Aufwachen in der Nacht. Schweißgebadet. Die Schmerzen. Kein Auge mehr zu. Das Hören auf die Lunge. Vielleicht die. Die Schmerzen unerträglich. Die Intensivstation vor dem geis­tigen Auge.

Donnerstag

Die Ärztin: akute Gastritis. Nein, die Lunge ist in Ordnung. Keine Symptome von Covid. Mich nicht krank zu machen. Auch wenn ich Aller­gikerin bin. Sie habe viele Covid-Patient:innen. Alle mit leichtem Verlauf. Selbst ihre 99-Jährige hat nur einen Schnupfen. Wir müs­sen damit leben. Absolute Diät und Pantoloc.

Brei. Brei. Brei.

Ein Brei aus Covid, ansteigenden Zahlen, Haferschleim, Reis, alles leicht verdaulich. Unverdaulich. Diese Angstmacherei. Diese täglichen Zahlen. Dieser Anschlag. Diese Wahlen.

Judith Klemenc ist Lehrerin und Performance-Künstlerin in Innsbruck. Sie schrieb zuletzt in der Volks­stimme 2020-7/8 über »Das eigentliche Leben«.

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Gelesen 1035 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 03 Dezember 2020 09:16
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