Die Sterne sind für alle da Michael Gruberbauer Orig. Foto: Tormod Sandtorv CC BY-SA 2.0 / Flickr
26 August

Die Sterne sind für alle da

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»Nach den Sternen greifen« klingt gut. Erst vor einigen Tagen gab das European Southern Observatory (ESO) bekannt, dass ein Planet im nächstgelegenen Sternsystem Proxima Centauri entdeckt wurde. »Nächstgelegen« heißt in diesem Fall 4,25 Lichtjahre – eine nach heutigen Maßstäben leider noch immer quasi unüberbrückbare Entfernung. Der Planet befinde sich nach gegenwärtigem Wissensstand sogar in der bewohnbaren Zone seines Zentralgestirns. Eine exzellente Entdeckung!

Die Suche nach der Exzellenz

»Nach den Sternen greifen« möchte auch Staatssekretär Harald Mahrer. In einem Interview mit der Wiener Zeitung vom 26. August fordert er genau das ein: »Wir sind zu wenig exzellenzorientiert. Wer sich auf dem privaten Markt nicht ständig für seine Kunden neu erfindet, überlebt nicht. Im öffentlichen Bereich lehnen wir uns zu sehr zurück. Es wäre nötig, dass wir viel mehr nach den Sternen greifen.« Mit Exzellenzorientierung ist dabei natürlich gemeint, relativ viel Geld in relativ wenige Forschungsgruppen zu stecken, einige wenige Standorte gezielt zu fördern, um Koryphäen der Forschung anzuziehen. Um beim Vergleich mit dem privaten Markt zu bleiben: Es gilt, die Monopolbildung voranzutreiben.

Die Geschichte von der Exzellenz in der Grundlagenforschung ist zurzeit ein beliebter Fetisch bei PoltikerInnen, die sich um Wissenschaft und Forschung zu kümmern haben. Die Europäische Union richtet seit Jahren ihre gesamte Forschungspolitik danach aus. Weit abseits der Humboldt'schen Idee der Universitäten – die Einheit von Lehre und Forschung vor dem Hintergrund des humanistischen Ideals einer breiten Allgemeinbildung – schielt man auf Statistiken: Wer publiziert am meisten? Wer wird öfter zitiert? Wer kann mehr Drittmittel (Gelder aus nichtstaatlichen Quellen, z. B. aus der Privatwirtschaft) lukrieren? Wer hat mehr NobelpreisträgerInnen? Die Motivation dahinter ist der Standortwettbewerb: Der Wissenschaftsminister, der forschungsbezogen den Größeren bzw. die besseren Zahlen hat, gewinnt! Ob diese Art der Forschungspolitik wirklich fruchtbar ist, darf bezweifelt werden. Besonders in den Sozial- und Kulturwissenschaften macht sie auch wenig Sinn. Einfach, messbar und vergleichbar ist sie trotzdem – und das zählt im gegenseitigen Konkurrenzkampf der MinisterInnen und Nationen. Gleichzeitig wird die Ausbildung der Studierenden verschult, weil für das alte Universitätsideal wenig Zeit und wenig Geld bleibt. Jede Jungforscherin und jeder Juniorprofessor muss publizieren, zitiert werden und Drittmittel anwerben, was das Zeug hält, um für das Wettrennen der Wissensgesellschaft attraktiv zu bleiben.

Mythos Genie

Diese Entwicklung ist aus mindestens zwei Gründen fatal: Der wichtige Großteil der Grundlagenforschung passiert nicht nur in Exzellenzzentren, wo den Genies beim morgendlichen Kaffee die Eingebung zum nächsten Nobelpreis kommt, sondern auch in kleineren aber gut vernetzten Forschungsgruppen. Und es braucht vor allem motivierte Studentinnen und Studenten, die für kein (oder wenig) Geld die oftmals langwierige (und manchmal langweilige) Basisarbeit erledigen: Experimente durchführen und überprüfen, Computerprogramme schreiben, Daten auswerten, Berichte verfassen. Die Genies im Hintergrund mag es geben, aber Wissenschaft ist vor allem ein gelerntes Handwerk. Auch eine Beethovensymphonie kann ohne Orchester nur wenig begeistern.

Das zweite Problem ist, dass die wahnhafte Suche nach der Exzellenz verschleiert, wo es an den Universitäten wirklich ächzt und kracht. Wen juckt schon ein katastrophales Betreuungsverhältnis an den meisten Universitäten, wenn der Exzellenzstandort de jour wieder einen neuen Nobelpreisträger in der Falle hat, dessen Genie-Aura die dortigen Gänge erhellt? Lieber predigt man weiter für die Einsetzung von Studiengebühren und Studienbeschränkungen, die zwar den AkademikerInnen-Output nicht großartig einschränken soll, aber den Pöbel von den Universitätsbänken fern halten kann. Dann haben die Studierenden, die sich weiterhin in die Maschine Universität begeben, auch mehr Druck und weniger Zeit, sich für lästige Gesellschaftsfragen zu interessieren. Und die exzellenten Genies können unbehelligt weiterforschen und Drittmittel einheimsen.

Für einen Sozialstaat und eine Demokratie, die sich der Idee der freien Bildung verschrieben hat, für den Zugang breiter Schichten zu höherer Bildung und Wissenschaft, ist der Exzellenzgedanke jedenfalls pures Gift. »Nach den Sternen zu greifen« ist eine gute Idee. Aber die Sterne sind für alle da.

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