04 November

CANCEL CULTURE II

von

Ersatzlos schleifen? Nach Vorbild von Bristol in der Donau oder im Neusiedler See versenken? Oder kontextualisieren, wie es zuletzt der sich Anno 2002 um die Siegfriedkopfnase verdient gemacht habende Nahostexperte Thomas Schmidinger vorgeschlagen hat? Die Statuenchallenge ist auch für Wien eröffnet!

VON ANTON TANTNER

»Die erzenen Reiter auf den Heldenplätzen die waren nie unsere Retter« (Heinz Rudolf Unger, Proletenpassion)

Vorschläge zur Neuarrangierung von acht Wiener Denkmälern

 

Erzherzog-Carl-Denkmal am Heldenplatz

Da wir weder einen heldenmütigen Führer der Heere Österreichs noch einen beharrlichen Kämpfer für Deutschlands Ehre benötigen, empfiehlt es sich, dieses Reiterdenkmal in einen Ort der Aufmunterung für an Epilepsie und Depression Leidende umzugestalten, auch die Integration in einen Skater_innenpark wäre zu erwägen, denn unsere Skateboards sind wichtiger als Habsburg.

Prinz Eugen-Denkmal

Die Einschätzung dieses Feldherren und Vorkämpfer habsburgischen Imperiums ist selbst unter österreichischen Linken nicht einhellig negativ: Eva Priester, Ernst Fischer/Lou Eisler und Erwin Riess schätz(t)en seinen unverhüllten, antiklerikalen Blick auf die Defizite der Monarchie und betrachten ihn als bedeutendsten politischen Denker seiner Zeit, dessen kluge Vorschläge von der Staatsspitze missachtet wurden; wie auch immer: Das Denkmal ist einzubetten in ein Areal, auf dem alljährlich am 30. Mai zur Erinnerung an die Ibiza-Donnerstagsdemo Feierlichkeiten mit den Vengaboys und dem Screening des vollständigen Ibiza-Videos stattfinden, zum Abschluss singt Isabel Frey »Daloy Politsey/Nieder mit HC«.

Kaiser-Franz-Joseph-Denkmal im Burggarten

Er hat geprüft und erwogen, war sich der Tragweite seines Entschlusses und seiner Verantwortung bewusst, aber halt leiderleider gezwungen, zur Wahrung der Ehre der Monarchie zum Schwerte zu greifen, auf dass das technoromantische Abenteuer aka Weltkrieg I seinen Lauf nehme. Umgestaltungsvorschlag: Mit Rücken auf den Rasen des Burggartens legen, Umwidmung in eine Hommage an die 1979/1981 um Rasenfreiheit kämpfende Burggarten-Bewegung.

Kaiser-Franz-Denkmal in der Hofburg

Gegenüber den frühen österreichischen Demokraten war diese »Nichtigkeit in Galauniform« (so sein Widersacher Napoleon) ein besonders übler Scharfmacher; am besten aufpumpen zu Helmut Qualtinger in der Rolle des Herrn Karl. Zum Jahrestag der Ausrufung des autonomen, von Angehörigen der Burschenschaft Hysteria selbstverwalteten Kantons Velkomoravské pole/Großmarchfeld (formerly – zu Zeiten des überwundenen Kapitalozäns – known as Republik Österreich) wird hier der Hor 29. Novembar »I am from Austria« auf Romanes intonieren.

Maria Theresia-Denkmal

Welche Devotionsform wäre besser geeignet, die Dichterfürstin und Chefin des Internets Stefanie Sargnagel noch zu Lebzeiten zu ehren, als den Thron der Kaiserin für sie freizumachen? Zu ihrem Fuße seien im Staub sich vor Verehrung plättende Statuen von Peter Handke, Robert Menasse und Daniel Kehlmann gelegt.

Lueger-Denkmal

Hier stammt der beste Vorschlag vom Ornithologen Dr. Günter Hack, kurz und bündig getwittert am 19. April 2012: »durch eine Monumentalstatue von Hermes Phettberg als Marc Aurel ersetzen«.

Radetzky-Denkmal am Stubenring

Die Reiterstatue des Schlächters der Revolution von 1848 ist bereits an Versetzungsaktionen gewöhnt (zuletzt 1912), schon alleine das geschichtsvergessene, die besten Dirigenten der Welt zum Verzweifeln bringende Klatschen des Neujahrskonzertpublikums rechtfertigt eine Umgestaltung; das Denkmal könnte fortan als Mahnmal für Opfer der berittenen Polizei dienen, als versöhnliches Zeichen der bewaffneten Macht gegenüber kann dabei auch der am 6. Juni 2020 in London von einer Verkehrsampel attackierten und zu Fall gebrachten Polizeireiterin gedacht werden.

Trümmerfrauen-Denkmal

Dieses erst 2018 errichtete Zeugnis rechtsextremer Geschichtsverfälschung sollte entweder zu einem Mahnmal des Skandals um den Stadterweiterungsfonds umgewidmet werden, oder aber seinem ursprünglichem Vorbild entsprechend (die nackte Frau war als »Badende« konzipiert worden) zur Wasserrutsche umgestaltet in der Alten Donau beim Gänsehäufel aufgestellt werden.

Anton Tantner ist Historiker, zuletzt erschien von ihm bei Mandelbaum »Von Straßenlaternen und Wanderdünen. Miniaturen aus dem abseitigen Wien«. Mit diesen unverbindlichen Vorschlägen – erstmals erschienen auf skug.at – bewirbt er sich um die hoffentlich lukrative, nicht unter dem Gehalt eines Novomatic-Vorstandsmitglieds dotierte Stelle eines Wien Anders-Denkmalschutzbeauftragten für die bei den kommenden Wienwahlen antretende Liste LINKS. Online ist er aufzufinden unter tantner.net und @adresscomptoir

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Gelesen 142 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 04 November 2020 08:46
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