14 Juli

NACHRICHTEN AUS EINEM »KULTURLAND«: Das Burgtheater »brennt«

von

Ein Erinnerungs-Beitrag zur österreichischen Hoch- und Basiskultur von GERALD GRASSL.

Eine Welt, die – und wäre es auch nur vorübergehend – der produzierenden Kunst beraubt wäre, das heißt der Dimension, die sich nicht auf das Materielle zurückführen lässt, jener Offenheit für die nicht entfremdbaren Räume des Imaginären und der Phantasie, wäre ein ebensolcher Albtraum wie ein riesiges, gut organisiertes Konzentrationslager, in dem die Nahrung reichlich, die Arbeit leicht, die Decken warm, die Dächer der Baracken dicht wären, in dem aber nicht mehr Menschen hausen, sondern Tiere.

(Claude Simon (1913–2005), Literatur-Nobelpreis 1985)

 

1. Bekanntlich kennen sich die ZuschauerInnen eines Fußballspiels besser aus als der Schiedsrichter am Feld; Gleiches gilt für die Kunst: Jede*r glaubt sich nach eigenem »Kunstgeschmack« als besondere/r »Kenner/in«. Der Unterschied: Die einen sitzen auf ungemütlichen Bänken, die anderen in bequemeren Logen …

Peter Weiss schreibt in den Notizen zur »Ästhetik des Widerstands« dass Kunst immer links ist. Das scheint eine verblüffende Ansicht zu sein, denn die meisten produzierenden Kunstschaffenden (im Unterschied zu reproduzierenden Künstlern wie etwa des Theaters, Films, also Schauspieler*innen Regisseur*innen usw.) behaupten von sich, unpolitisch (gar parteipolitisch) zu sein. Was Peter Weiss meint: Kunst ist immer widersetzlich, entwirft kühne Zukunftsvisionen, die (oft unbewusst) das herrschende Gesellschaftsgefüge in Frage stellen, Kunst ist im Wesen antikapitalistisch und daher das Gegenteil vom Kommerz. Das Kunsthandwerk hingegen orientiert sich am Markt der Gefälligkeit. Viele Künstler*innen entwickeln einen eigenen »Stil«, der sich gut vermarkten lässt, reproduzieren nur mehr diesen »Stil«, sodass sie dann nicht mehr Kunst, sondern Kunsthandwerk herstellen.

Die Kunstfeinde verkünden: »Kunst kommt vom Können!« Und alles, was ihrem geschmäcklerischen Urteil widerstrebt, wird von ihnen abgelehnt bis bekämpft.

Damit kein Missverständnis entsteht: Je besser Künstler*innen ihr »Handwerk« verstehen, umso besser werden ihre Ergebnisse sein. Aber perfektes Handwerkskönnen garantiert nicht unbedingt interessante Werke, andererseits gibt es unzählige Beispiele der sogenannten naiven Kunst (Art-Brut), die seltsam »berühren«. Ein Architekt mit bestem Diplom, doch bar eigener kreativer Ideen baut jede Menge Fadesse, doch wohnliche Räume. Friedrich Hundertwasser hatte mangelndes Wissen über Architektur, durfte dennoch ein großes Wohnhaus nach seinen Visionen errichten lassen. Die Bewohner beklagen diverse Mängel, fühlen sich trotzdem in ihren Behausungen zwar wohl, doch vom täglichen TouristInnen-Auflauf vor dem Haustor unwohl.

Der kommunistische Kulturstadtrat von Wien von 1945 bis 1949, Viktor Matejka (1901–1993), wollte, dass Kunstförderungen abgeschafft werden, denn sie machen Künstler*innen zu Bittsteller*innen; stattdessen wollte er, dass die »öffentliche Hand« Kunsterzeugnisse kauft.

Für das »Kulturland« Österreich ist es symptomatisch, dass es zwar ein eigenes Tourismus-, doch kein Kulturministerium gibt. Was (auch aktuell während der Corona-Krise) als Kulturförderung der Öffentlichkeit präsentiert wird, ist (als »Umwegrentabilität« für Gastronomie und Hotelerie) eine verdeckte Tourismuswerbung. Daher wäre es ehrlicher, die Kunstsektionen in Bund und Ländern gleich der Verwaltung des Tourismusministeriums zu überlassen.

2. Es bleibt bis heute im antifaschistischen Diskurs die Behauptung, dass erst »ab der Affäre Waldheim« eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus begonnen hätte.

Wahr hingegen ist, dass bereits unmittelbar nach 1945 eine Fülle von Büchern und Broschüren mit Erinnerungen und Berichten von Überlebenden der Konzentrationslager, WiderstandskämpferInnen und im Exil lebenden AutorInnen in winzigen Auflagen in Eigen- oder Kleinverlagen oder im kommunistischen Globus-Verlag erschienen sind. Außerdem zählte seit der Gründung der kommunistischen Tageszeitung Volksstimme und allen Publikationen der KPÖ die Aufarbeitung der Zeit des Austrofaschismus und Nationalsozialismus als einer der Schwerpunkte in der Berichterstattung.

Allerdings herrschte in der Atmosphäre des Kalten Krieges im »Kulturleben« Österreichs nicht nur ein offener Boykott gegenüber sämtlichen (Presse-) Publikationen und Büchern wie zum Beispiel aus dem Globus-Verlag, sondern gegen linkes Kunstschaffen insgesamt. Zur Erinnerung einer der markantesten Fälle der Nachkriegsgeschichte: Der Brecht-Boykott bis in die 1970er Jahre hinein. Gesellschaftskritische Autor*innen, die auch zeithistorische Ereignisse thematisierten, publizierten ihre Werke hauptsächlich in der DDR (etwa Franz Kain, Karl Wiesinger und andere) oder in der BRD.

Auf Initiative von Viktor Matejka wurde im Wiener Künstlerhaus am 14. September 1946 die Ausstellung »Niemals Vergessen!« als Staatsakt eröffnet, in der Künstler*innen die Räume gestalteten und vor allem mit dem Mittel der Kunst die Verbrechen des Nationalsozialismus aufgearbeitet wurden. Es sollte für Jahrzehnte die letzte (Groß-) Ausstellung sein, die sich einem Thema der Zeitgeschichte widmete.

3. Die (Nach)-68er-Bewegung politisierte auch zahlreiche Kunstproduzent*innen. Die AutroInnengruppe „»literaturproduzenten« erhielt im Jugend&Volk-Verlag die Möglichkeit, eine kleine, inhaltlich sehr »bunte« Reihe herauszugeben – Texte zwischen Sprachexperimenten und Gesellschafts- (und Medien-) Kritik. Kunstschaffende jeden Genres wurden vom Finanzamt wie Kleingewerbetreibende eingestuft. Dem entsprechend war das Bewusstsein der (auch linker) Schriftsteller*innen. Sie sahen sich gegenseitig als Konkurrent*innen. Junge Autor*innen spotteten über die Mitglieder des alt-ehrwürdigen PEN (gegründet 1921; Abkürzung für Poets, Essayists, Novelists) als »PENner«. Sie traten der GAV (Grazer Autorenvereinigung) bei, in der ein anderes Berufsbewusstsein herrschte: Bis auf etwa zwei Dutzend sehr gut verdienenden, und vielleicht drei Dutzend mit einem Einkommen eines Facharbeiterlohns, lebten mehr als 90 Prozent der Kolleg*innen am oder unter dem Existenzminimum. Vielen fehlt jede Form von sozialen Absicherungen. Ihre Lebens-, Produktions- und Einkommenssituation ist vergleichbar mit Heimarbeiter*innen (gegenwärtig vergleichbar mit der Situation von Leiharbeiter*innen). Außerdem erweiterte die GAV den Autor*innen-Begriff, er inkludierte jede (produzierende) künstlerische Arbeitsweise (bildende Kunst, Musikkomposition, Lieder-»macher*innen«, Film, Kabarett usw.).

Die General- und Vollversammlungen der Organisation, an der immer weit mehr als 100 Kolleg*innen teilnahmen, waren jedes Mal streitbare Diskussionsveranstaltungen, die mit zahlreichen Resolutionen zu kultur- und gesellschaftspolitischen Fragen beendet wurden.

Die Schriftsteller Gerhard Ruiss und Johannes Vyoral erarbeiteten eine Dokumentation zur Lage der Schriftsteller*innen in Österreich und bereiteten gleichzeitig den »1. Österreichischen Schriftstellerkongress« im Wiener Rathaus vor, der von Bundeskanzler Bruno Kreisky eröffnet wurde und den Versammelten zurief: »Organisiert euch!«

Die IG-Autor*innen, Vereinigung aller Autor*innen und Schriftstellervereinigungen Österreichs, dämmerte bislang bedeutungslos dahin und entwickelte sich nun zu einer kämpferischen Organisation mit gewerkschaftlicher Stoßrichtung, der es im Laufe der folgenden Jahre gelang, gewisse Mindeststandards an sozialer Absicherung und diverse Schutzbedingungen (z. B. Copyright usw.) zu erwirken.

Große Ausstellungen wie »1934« in der Straßenbahnremise Meidling oder die große »Wehrmachtsausstellung« eröffneten endlich eine breite Auseinandersetzung zur Zeitgeschichte; es begann parallel dazu, durch Bücher die Leistung des Widerstands einerseits aufzuzeigen und andererseits die »Opferrolle« Österreichs während der nationalsozialistischen Besetzung infrage zu stellen und aufzuarbeiten.

Ein weiteres markantes Ereignis der kulturpolitischen Entwicklung Österreichs war die ARENA-Besetzung im »kurzen Sommer der Anarchie« (© Lutz Holzinger) während der Sommer- und Herbstmonate bis 1976.

Die Rechte bezeichnet(e) die Zeit des Nationalsozialismus verharmlosend stets als »dunkle Zeit«; die Nachkriegsjahrzehnte Wiens können kulturell und auch optisch als »graue Zeit« bezeichnet werden.

Das Fernsehprogramm endete wochentags um 22 Uhr, ebenso wie die meisten Cafés und Wirtshäuser Sperrstund‘ hatten. Das einzige Kabarett »Simpl« verbreitete Bruhaha-Humor, die Staatstheater staatstragende »Tra-ra-Hochkultur« (© Fritz Herrmann ), spätestens ab 20 Uhr eilten nur mehr wenige Leute durch die Kärntner-Straße (vor einem Modehaus warteten allerdings einige Damen vom Gewerbe auf »Kunstschaft«), die letzte »blaue« Straßenbahn fuhr vor Mitternacht aus Grinzing zur Remise ab...

Die ARENA-Besetzung wirkte nach deren »Aushungern« (im Spätherbst drehte die Gemeinde Wien einfach die Stromzufuhr und andere Versorgungsnotwendigkeiten ab) wie eine »Initialzündung« für die weitere Stadtentwicklung: Aus herabgekommenen Häusern und Fabriken wurden nach weiteren Hausbesetzungen Kulturzentren (WUK, Amerlinghaus, Gassergasse), Alternativ-Beiseln, Kabaretts und neue Galerien für Gegenwartskunst entstanden usw.

Kurz: Mit der Ära Kreisky wurden längst fällige »Modernisierungen« im Land eingeleitet; ab der ARENA hoffte vor allem die Jugend, dass ab nun eine kulturpolitisch »liberale« Zeit angebrochen sei …

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Gelesen 176 mal Letzte Änderung am Dienstag, 14 Juli 2020 13:03
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