14 Juli

Zur Notwendigkeit von Kunst und Kultur

von

In Corona-Zeiten, wie so oft in der Krise, werden Probleme zugespitzt und damit kenntlich. So auch das mangelnde Bewusstsein der Bedeutung von Kunst und Kultur, wenn nicht gar ihre Missachtung.

Eine Miszelle* von DANIELA HAMMER-TUGENDHAT.

Österreich gilt als Kulturland. Die österreichische Kunst und Kultur, genannt seien nur die Musik, die Festspiele z. B. in Salzburg, Oper und Theater, gehören zu den wichtigen Gründen für einen Österreich-Besuch. Die Kunst verkommt dabei nicht selten zu einem bloßen Marketing-Gag für TouristInnen, man denke an die Konzert-Keiler im Mozart-Look. Das Bewusstsein von der gesellschaftlichen Bedeutung der Kunst bleibt dabei auf der Strecke. Kunst ist ein Lebensmittel, eine Notwendigkeit für eine lebendige Gesellschaft.

In der Corona-Krise wurde deutlich, wie KünstlerInnen und Kunst- und Kulturinstitutionen vernachlässigt werden. Das lag nicht nur am mangelnden Verständnis und der fehlenden Kommunikation von Ulrike Lunacek und Werner Kogler; das ist ein tiefergehendes und übergreifendes Problem, das alle Parteien betrifft.

Fragen des Lebens

Die Funktion von Kunst ist vielfältig, so vielfältig und komplex wie das Leben selbst. Dies gilt für alle Sparten: für die Musik, die Literatur, das Theater, die bildende Kunst, den Film, das Tanztheater oder die Performance. Die Kunst ist in der Lage, die Fragen des Lebens so zu vermitteln, dass wir sie mit unserem Verstand, aber eben auch emotional begreifen können, dass wir Ambivalenzen und Widersprüche verstehen lernen, dass wir Andersartigkeit in kultureller, religiöser, sozialer und politischer Hinsicht akzeptieren können, dass wir Empathie und Toleranz empfinden. Kunst kann uns motivieren, ganz neuartige Dinge zu begreifen, Utopien zu entwickeln, aber auch Träume leben zu können oder uns einfach an Schönheit und Harmonie zu ergötzen.

Ich möchte einige beliebige Beispiele geben. Debora Feldmann schreibt in ihrer Autobiografie Unorthodox wie sie es geschafft hat, sich aus einer ultraorthodoxen, erzpatriarchalen, dogmatischen jüdischen Gemeinde in Brooklyn/New York zu emanzipieren und auszubrechen. Jetzt lebt und schreibt sie in Berlin. Dass dieses Wunder möglich wurde, verdankt sie der Lektüre von englischer Literatur, die sie heimlich in der Bibliothek gelesen hatte. Durch das Lesen von Geschichten wurde ein anderes Leben überhaupt erst imaginier- und denkbar.

Es geht um unsere Gegenwart und um unsere Zukunft. Dies können wir nur meistern, wenn wir wissen, wie wir als Individuen und als Gesellschaft so geworden sind, wie wir sind. Die Kunst kann uns dieses Geworden-Sein vermitteln und zwar eben nicht einfach mit Daten und Fakten, sondern in einer Lebendigkeit, die wir verstehen und nachvollziehen können.

 

Idealbilder dekonstruieren

Zurzeit läuft im Wiener DomMuseum die Ausstellung Family matters, eine Ausstellung zu Familie und Familienbeziehungen in aktueller und alter Kunst.**

Einerseits sind es Bilder, die Vorstellungen einer »idealen«, meist patriarchalen Familie entwerfen. Die Auseinandersetzung mit den bildlichen Repräsentationen kann dazu beitragen, die eigenen, von Religion, Familie, Politik und Werbung tradierten Muster in Frage zu stellen, zu erweitern oder zu verändern. Viele der ausgestellten aktuellen Werke stammen von weiblichen Künstlerinnen, die – insbesondere seit den 1970er Jahren – die Widersprüche, die Katastrophen und die Gewalt in der Familie aufzeigen und sie als Ausfluss dieser ›Idealbilder‹ dekonstruieren. Die französische Künstlerin Iris Legendre beispielsweise macht unsichtbare strukturelle Gewalt sichtbar: ein älteres Foto von zwei eleganten Paaren. In das Gesicht der sitzenden Dame hat Legendre perlenbesetzte Nadeln gestochen. Die Nadeln oszillieren in der Ambiguität von kostbarem Schmuck und Folterinstrument. Die Verletzung wirkt so unerträglich, weil das Porträt selbst so konventionell ist. So vermittelt sich der Eindruck, dass die Frau auf die Schmerzstiche »nicht reagiert«, der Mann und das andere Paar sie nicht einmal wahrnehmen. Gewalt drückt sich nicht nur in körperlichen Handlungen oder expliziten Worten aus. Es gab und gibt eine strukturelle Gewalt, die vom Partner, von den Nächsten, ja manchmal nicht einmal von einem selbst bewusst empfunden wird. Es ist eben diese Banalität, die scheinbare Normalität, die vollkommene Indifferenz, die dieses Bild fast unerträglich machen. Legendre gelingt es durch ihren künstlichen Eingriff, just das Phänomen der Unsichtbarkeit von Gewalt und Schmerz als unsichtbares zu veranschaulichen und dadurch bewusst zu machen. Das bildkünstlerische Medium ermöglicht tiefe Betroffenheit und gleichzeitig kritische Distanz und Reflexion.

Politisches Bewusstsein

Kunst, insbesondere Literatur und Film, können uns politische Konflikte begreifbar machen, wie es keiner theoretischen Abhandlung möglich wäre. Ich denke etwa an Bücher wie Die Frau auf der Flucht vor einer Nachricht von David Grossmann oder Who the Fuck is Kafka von Lizzie Doron, beides jüdische Schriftsteller*in aus Israel. Der tragische Konflikt zwischen jüdischen und palästinensischen Menschen im alltäglichen Leben, der auch bei bestem Friedenswillen auf beiden Seiten schier unlösbar ist, wird einem so nahegebracht, dass man von jeglichem Dogmatismus oder einseitiger Verurteilung geheilt ist. (Nicht zu verwechseln mit einer begründeten Kritik an der aktuellen israelischen Politik.)

Die Kompliziertheit, Vielschichtigkeit, das Gemisch von positiven Errungenschaften und katastrophal verfehlter Politik, die eben gerade durch Dogmatismus entstanden ist, können nirgends so verstanden werden wie durch die Literatur und die Filme, z. B. jene, die sich mit der Gesellschaft und den Menschen in den ehemaligen Ostblockländern befassen.

Oder eine gut inszenierte Oper, beispielsweise von Mozart: die ganze Klaviatur der Gefühle von Liebe und Hass, von Treue und Untreue, von Ernst und unendlichem Humor. Gefühlstiefe bei gleichzeitiger unendlicher Leichtigkeit. Ein Ineinander von Text, Musik, Schauspiel und Bühnenbild, eine Aktivierung aller Sinnesorgane, die Verbindung von Verstand und Gefühl, welche das Verständnis und die Akzeptanz der Ambivalenz aller menschlichen Beziehungen erlebbar macht.

Das ganze Leben ernst, tragisch, sinnlich

Kunst ist grenzenlos, lotet das ganze Leben aus, das individuelle Leben in allen Höhen und Tiefen, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Kunst ist ernst, tragisch, sinnlich, lustvoll, humorvoll, sie ermöglicht uns Erfahrungen, die wir nie gemacht haben, sie verändert uns. Kunst kann zum politischen Kampf aktivieren, sie kann aber auch Emotions- und Denkräume schaffen, welche Kritik und differenzierte Reflexion ermöglichen, sie kann jedoch auch privat und subjektiv sein. Ihre Formen sind unendlich vielfältig. Wehe der Gesellschaft, die der Kunst vorschreibt, was sie darf und was nicht. Das heißt nicht, dass man Kunst nicht kritisieren soll. Im Gegenteil: Gefordert ist ein lebendiger, kritischer Austausch zwischen Kunst und Kunstkritik. An ernsthafter Kunstkritik mangelt es. Notwendig ist ein anderes Kunstverständnis, das bereits im Kunstunterricht in den Schulen gelehrt werden sollte. Ein kulturwissenschaftliches Verständnis, das davon ausgeht, dass Literatur, Bilder, Filme nicht lediglich zur Unterhaltung dienen oder »halt zur Bildung gehören«, aber auch nicht die Wirklichkeit widerspiegeln, sondern Bedeutungen produzieren, die wiederum Vorstellungen von Wirklichkeit und damit tatsächlich Wirklichkeit schaffen.

KünstlerInnen müssen gefördert werden. Das ist kein Almosen für das Schöne, KünstlerInnen sind lebenswichtig, wir brauchen sie. Vielleicht kann ja auch die Corona-Krise dazu beitragen zu verstehen, dass unser Leben, wenn es denn ein menschliches sein soll, nicht allein auf Profit und Geld ausgerichtet sein kann. Es ist die Kunst, es ist die Kultur, die unser Leben zu einem menschlichen macht.

* Miszelle = kleiner Aufsatz unterschiedlichen Inhalts in wissenschaftlichen Zeitschriften.

** Die Ausstellung Family Matters im Dommuseum Wien läuft noch bis zum 30. August 2020.

Daniela Hammer Tugendhat ist Hon. Professorin für Kunstgeschichte an der Universität für angewandte Kunst Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Kunstgeschichte als Kulturwissenschaft, Malerei der Frühen Neuzeit, insbesondere der niederländischen und Geschlechterbeziehungen in der Kunst. Viele ihrer Vorlesungen sind auf Youtube zu hören, z. B. Kunstgeschichte als Kulturwissenschaft.

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Gelesen 195 mal Letzte Änderung am Dienstag, 14 Juli 2020 11:47
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