05 Juni

MEDIALE INSZENIERUNG: Setting und Seuche

von

Zur Reinstallation von Heldenlied und Auferstehung in infizierten Zeiten.

VON FRANZ SCHANDL

Seit Corona herrschen Ausnahmezustand und Krieg. Da werden Schlachten geschlagen, Heroes erkoren, Wiederaufer­stehung gefeiert. Entsprechende Legenden bilden sich schon. Schlagworte stehen bereit, werden politisch magaziniert und medial multipliziert. Das Arsenal ist voll mit ideologischen Granaten. Neue und alte Phrasen werden geladen und abgeschossen. Manches wird adaptiert, vor allem aber wird vieles »neu« geheißen: von der Nor­malität im Allgemeinen bis zur Freiheit im Besonderen. Spricht Kanzler Kurz stets von »neuer Normalität«, dann entdeckt die Jubelpresse sogleich »Die Woche der neuen Freiheit«, um schwer begeistert die »sehr harten Maßnahmen« zu loben, denn: »Neue Freiheit erfordert weiter viel Disziplin«. So das Boulevardblatt Österreich am 27. April 2020.

Religiöse Bilder wie jenes der Wiederauf­erstehung werden ebenso beschworen wie das Durchhaltevermögen, an das unent­wegt appelliert wird. Wir sind im Krieg. Dazu braucht es Heldinnen und Helden, ausdrücklich auch jene des Alltags und der Arbeit. BürgerInnen werden gelobt, wenn sie spuren und bedroht, wenn sie nicht gehorchen. Krieg, Religion, Mythos, sie bil­den einen Schulterschluss, der ein nationa­ler ist. Die Sprache ist bellizistisch. Da gibt es Tote, Verletzte, Rekonvales­zente, Gesundete. Die Schlacht ist auch ein Gemetzel der Zahlen. Und es ist gar nicht einfach zu sagen, welche real sind oder welche bloß als real realisiert werden.

Zucht und Ordnung

Berührung und Nähe werden als allge­meine, nicht nur spezielle Bedrohung aufgefasst. Niemanden an sich ranlas­sen wird zum neuen Credo. Wo Distan­zierung und Ängstigung die mentalen Haltungen prägen, wird Gehorsam zum Gebot oder im Neusprech zum Leitwert. Mündige BürgerInnen sind Kinder, auf die man aufpassen muss. Deutlich zeigt sich das auch in der fortschreitenden Infantili­sierung der Masse. Kriegsvergleiche schü­ren Angst, aber ebenso erzeugen sie Gefolg­schaft samt Folgsamkeit. Das ist der Zweck. Selbst die Aussage, keine Angst haben zu müssen, erhöht diese sofort.

Zucht und Ordnung verlangt das Seu­chenregime. Wer den Feind im Virus aus­macht, kann diesen nur im Virusträger orten. Lediglich dort ist er zu Hause. Innen­minister Karl Nehammer (ÖVP) spricht bezüglich der Infizierten wie von Kriminel­len. Da werden Glutnester lokalisiert, Ver­dachtsfälle isoliert, Infektionsketten »mit der Flex durchtrennt«. Daher war und ist man auch so geil auf »Contact Tracing« via Überwachungsapp. Solch Vorwand für solch Vorhaben findet man so schnell nicht wieder. So ließe sich auch express erkun­den, ob die Menschen wirklich als Wächter ­Innen ihrer selbst funktionieren. Regt sich jemand auf, wird eilends der totalitäre Hammer geschwungen, indem ein Bündnis von rechten und linken ExtremistInnen behauptet wird. Die Desinfektion wirkt gefährlicher als die Infektion. So gilt nicht mehr, dass erlaubt ist, was nicht verboten ist, sondern umgekehrt, dass verboten ist, was nicht erlaubt ist. Im Infotainment der österreichischen Bundesregierung bleiben oft wichtige Informationen auf der Strecke, wird aus gebotener Vorsicht ein Besuchs­verbot. Ist das bloß ungeschickt oder schon Absicht?

Die Debatte, falls es überhaupt eine ist, gerät auf die Ebene von Tugend und Laster. Da gibt es Brave und Schlimme. Irgendet­was dürften sie angestellt haben, die Infi­zierten. Kranke werden zu potenziellen TäterInnen, derer man habhaft werden will. In des Kanzlers Leibblatt Österreich vom 8. Mai 2020 steht geschrieben: »Offi­ziell lobt Sebastian Kurz derzeit Kärnten und Salzburg. Dort seien einige Bezirke bereits virusfrei.« Was heißt das? Doch nur, dass, wo welche zu loben sind, auch andere zu tadeln wären. Vor allem Wien, nament­lich die SPÖ-geführte Stadtregierung, wird hier angerempelt und drangsaliert, man denke bloß an die schikanöse Schließung der Bundesgärten in der Hauptstadt. Auf der gleichen Seite des zitierten Blattes fin­det sich auch ein Beitrag mit dem Titel »Auffällige Zunahme in Wien bei Covid-Erkrankungen.« 42 Infektionen innerhalb von 24 Stunden, apportiert die Tageszei­tung. Die passen nicht auf, die WienerIn­nen, die muss man zu Räson bringen. Dass das mit den Wiener Fallzahlen nicht ganz so stimmt, berichtet das Blatt gleichentags wie unzufällig auf seiner Website. »Entwar­nung in Wien: Nur 10 neue Corona-Fälle«, heißt es nun. Des Rätsels Lösung ist ein­fach: Die statistische Schwankung der abso­luten Zahlen bewegt sich im Bereich nicht aussagekräftiger Signifikanz. Der Warnung folgt nun »vorerst Entwarnung«. Ziel der Warnung war jedoch nicht die Warnung, sondern die Verwarnung.

Das weltweite Corona-Experiment gleicht auch einer Überprüfung der Folgsamkeit von Bevölkerungen. Bisher konnte man sich nicht groß beschweren. Die Herde ist loyal. Und dort, wo sie nicht loyal ist, hat das meist primitive ökonomische Gründe. It’s the business, stupid. Am extremsten etwa äußerte sich Tesla-Chef Elon Musk, er bezeichnete die Corona-Ausgangssperren in Kalifornien schlicht als »faschistisch« und lässt in seinen Betrieben unbekümmert weiterarbeiten. Da macht dann die Wirt­schaftsfraktion gegen die Seuchenpartie mobil, Aufsperrer und Zusperrer geraten in einen veritablen Gegensatz. Indes, Aufsper­ren oder Zusperren?, das ist sowieso zu kurz gefragt.

Message und Messias

»Schlagwörter sind Worte der Schlagenden zum Gebrauch für die Geschlagenen«, wusste Günther Anders. Typisch dafür etwa auch Phraseologie und Dramaturgie in des Kanzlers Rede zum 75. Jahrestag der Grün­dung der Zweiten Republik am 27. April 2020. Seine Hände hält er quasi betend in die Kamera, öffnet sie gelegentlich in der vereinnahmenden Weise. Der junge Mann dirigiert sein Volk. Angestimmt wird die Litanei von den Leuten, derer die »zeitle­bens hart gearbeitet haben«, da ist die Rede von »Eigenverantwortung«, vom »Team Österreich«, vom »Lebensmodell der Demo­kratie«, vom »großen Erbe« von »Wieder­eröffnung«, um abschließend den »Wieder­aufbau« zu propagieren. Wir stehen vor einem »Comeback«, was heißt, »dass der Standort stark ist und die Menschen arbei­ten gehen«, so der Kanzler bei einer Presse­konferenz vom 29. April. Neues meint lediglich Erneuerung, besonders neu ist also die Reinstallation des Alten.

Sebastian Kurz wirkt in seinem Auftritt wie ein smarter und souveräner Seriensie­ger gymnasialer Redewettbewerbe. Das gehörige Vokabular spult sich in gängi­ger wie eingängiger Weise ab. Da ist vie­les drinnen, was drinnen sein muss. Man hört und horcht, worauf man wartet. Schlagworte, wohin wir blicken. Aber sie treffen und passen. Sie wollen vernom­men werden. Sie gleichen ideologischen Dauerlutschern, die zwar den Gaumen verkleben, aber trotzdem reißenden Absatz finden, selbst wenn sie den Geschmackssinn verderben. Kurz ist inzwischen vom Gesellen zum Meister serieller Umgarnung aufgestiegen. Vor­erst scheint der Hype unstoppable.

Natürlich könnte man sich über das triste Niveau des Trivialen mokieren, doch das bringt wenig, vor allem erschüttert es dieses in keiner Weise. Das Publikum will es so. So simpel das auch gestrickt sein mag, SenderInnen und EmpfängerInnen treffen sich in der Botschaft. Nicht nur in Österreich. Vor allem in deutschen Springer-Zeitungen wird alles abgefeiert, was der österrei­chische Kanzler von sich gibt. Reputa­tion wiederum wächst mit dem Zuspruch aus dem Ausland. Wir gelten wieder wer, fühlt das nationale Naturell. Sätze wie »Gerade Österreich scheint aus heutiger Sicht die Krise in vorbildlicher Weise zu meistern« sind da bezeich­nend. Kurz verkörpere »große Ent­schlossenheit, Entscheidungskraft und Klarheit.« (Die Welt vom 6. April 2020) Nun gilt er gar als der Corona-Muster­schüler. »So einen brauchen wir auch«, fordert die Bild. Und hierzulande gibt es aktuell bereits Umfragen, die ihn knapp unter der absoluten Mehrheit sehen wollen. Wird das nur lang genug kolpor­tiert, dann wird das Land, geschüttelt vom hochansteckenden Türkisfieber, wohl stracks in jene stolpern.

Auch die Wortwahl des »Musterschü­lers« ist tückisch, genauer gesagt heim­tückisch. So werden ausgewählte Staa­ten (Österreich, Australien, Israel, Däne­mark, Griechenland, Tschechien, Norwe­gen und Singapur) bezeichnet, die in der Corona-Krise, zumindest der offiziellen Lesart nach, bisher am wenigsten Scha­den genommen haben. Kurz, the Master of Briefing, spricht von »smarten« Län­dern, mit denen er auch gelegentlich Videokonferenzen abhält, um deutlich zu machen, wo denn die Avantgarde zu sehen sei. Deutschland, obwohl stets eingeladen, sträubt sich. Man will wohl doch nicht den Kotau vor dem Oberstreber in Wien machen. Das ist verständlich. Interessan­terweise sind aber auch Kroatien und Slo­wenien nicht dabei. Da lässt sich wohl ver­muten, dass die Alpenrepublik in der Reise­zeit mehr auf Touristenzufluss als auf Urlauberabfluss setzt. Wer hätte das gedacht?

KritikerInnen bescheinigen dem Bundes­kanzler hingegen »maximale Inszenierung und minimale Transparenz«. Tatsächlich sorgt ein »hoher Angstpegel für Herdendis­ziplin«, wie es in einem Gastkommentar in Der Standard vom 28. April 2020 heißt. Kurz empfiehlt sich dabei als Retter der Nation, eine Art Lord Protector. Elisabeth Köstin­ger, die rechte Hand des Kanzlers, Minister ­in und Ministrantin in einer Person, gar­niert ihre ehrfürchtigen Statements oft mit: »Dank Sebastian Kurz« oder »Danke, Sebastian Kurz«. Das sind Fürbitten pur. Niederknien. Aufschauen. Anhimmeln. Schon jetzt kursieren Gerüchte, dass das »politische Jahrhunderttalent« Tausende, ja Zehntausende von Menschenleben geret­tet habe. Das Team Kurz ist ganz auf Mes­sage und Messias trainiert. Selbst Ungläu­bige kapitulieren.

Und geht was schief, dann liegt der Feh­ler nicht beim eingeschworenen Kader der Jungtürkisen. Sich selbst haben sie unter Kontrolle, doch wenn die Anhän­gerschaft aus dem Häuschen gerät, wird es selbst für die Kontrolleure eng. Gesche­hen kürzlich im Vorarlbergischen Klein­walsertal, als die beflaggten und befeuer­ten Gläubigen bei einer spontanen Prozes­sion des Kanzlers mehr an Basti-Himmel­fahrt dachten als an einen anderen Erre­ger. Nur die rot-weiß-rote Kriegsbema­lung fehlte. Maske her, Abstand hin, da ist der Kanzler wirklich nur knapp einer Bus­selorgie entgangen. Die schwerverliebten Fans auf Distanz zu halten, das ist selbst in Corona-Zeiten schwierig. Da gab es keine Regie mehr. Da wurde die Herde zur Horde. »Ich bitte euch alle, a bissl an Abstand zu halten, so gut als möglich«, sagte Kurz zu seinen Fans. Zweifellos, je größer, desto besser.

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Gelesen 745 mal Letzte Änderung am Freitag, 05 Juni 2020 14:59
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