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11 Mai

UNGLEICHHEITEN: Armut in Zeiten von Corona

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»Wir sitzen alle im selben Boot«, verkünden die Regierenden vieler Länder. Doch dass vor dem Virus alle gleich wären, egal ob arm oder reich, hält einer näheren Betrachtung nicht stand.

VON DANIELA BRODESSER

Corona bringt aktuell massive Verände­rungen und Einschnitte für den Alltag von uns allen. Viele haben ihre Jobs verlo­ren oder sind in Kurzarbeit. Die Umstel­lung von Schulalltag auf Homeschooling musste innerhalb weniger Tage erfolgen. Mindestlohn-Jobs im Handel und in der Pflege sind plötzlich jene, die mit am wich­tigsten sind. Ausgangsbeschränkungen und Unsicherheiten führen zu einem Leben von einem Tag zum anderen – plötzlich ist fast nichts mehr planbar. Entweder ist es nicht erlaubt, oder man hat schlicht kein Geld mehr dafür.

Für ungefähr eineinhalb Millionen Men­schen sind die Auswirkungen anders. Denn ein Großteil der Maßnahmen haben bereits vorher zu ihrem Alltag gezählt: Isolation, fehlende soziale Teilhabe und ein Alltag, der sich nur von einem Tag zum anderen planen lässt, ist für armutsgefährdete Men­schen auch bisher bittere Lebensrealität.

Armutsbetroffene trifft es härter

Natürlich gibt es auch für Betroffene Ände­rungen, und die sind gravierend. Wer vor­her schon mit Armut zu kämpfen hatte, spürt die Krise noch stärker. Sei es beim Einkauf, wo viele der günstigsten Produkte nicht erhältlich sind oder geringfügige Jobs, die nun weggefallen. Viele Armutsbetrof­fene waren vorher prekär beschäftigt, zum Beispiel mehrfach geringfügig oder als freie DienstnehmerInnen. Mit viel Glück bekommt man eine Entschädigung, der Großteil wird aber im Regen stehen gelas­sen. Zu bedenken sind auch die Mehrkos­ten, die durch das Homeschooling entste­hen: Das Ausdrucken der Unterlagen und Übungsblätter für die Kinder, die sündteu­ren Druckerpatronen, das Schulessen, das jetzt wegfällt – all das klingt nach nicht viel, ist für Armutsbetroffene aber meist nicht stemmbar. Andere Rechnungen müssen dann liegen bleiben. Die Spirale dreht sich weiter und weiter.

Gut gemeint von der Regierung ist die Stundung der Miete. Ich frage mich aber, wie es dann am Jahresende für viele Men­schen aussieht. Es sind ja dann die normal laufende Miete und die Rückzahlungen fäl­lig. Die meisten kämpfen jetzt bereits damit, die Miete zahlen zu können, und viele wer­den nicht sofort wieder eine Arbeit finden.

Zugespitzter Status quo

In einem Punkt – und das ist für mich per­sönlich eine der prägendsten und traurigs­ten Erkenntnisse dieser Krise – hat sich wenig bis nichts für Betroffene geändert: bei der sozialen Teilhabe. Für den Großteil der Menschen in diesem Land bedeuten die Ausgangsbeschränkungen eine extreme Umstellung ihres Alltags: Der Kaffee mit FreundInnen, das Mittagessen mit KollegIn­nen, trainieren im Fitnessstudio, samstags ins Kino oder Theater, der Ausflug am Wochenende – all das vermissen die meis­ten unglaublich und es fällt schwer. Für Armutsbetroffene Menschen ist das die täg­liche Realität. Das war sie auch schon vor Corona. Dinge zu planen, die nächsten Wochen strukturieren zu können – all das ist trauriger Alltag, wenn man in Armut lebt. Man ist froh, wenn die nächste Woche planbar ist, doch meistens kommt eine unvorhergesehene Ausgabe für eine Rech­nung oder für die Schule und wirft wieder alles über den Haufen. Für mich selbst bemerke ich diese Krise nur in einem: dem Homeschooling der Kinder. Denn auch vor­her konnten wir uns weder Ausflüge noch Kino, essen gehen oder einen regelmäßigen Besuch des Hallenbades leisten. Armutsbe­troffene verbringen ihren Alltag vor allem zuhause.

Physisch isolieren, nicht sozial

Aus eigener Erfahrung: Was sollten jene unbedingt vermeiden, die jetzt die finan­ziellen Auswirkungen von Corona zu spü­ren bekommen und vorher nie mit Armut zu tun hatten? Isolation vermeiden! Und damit meine ich nicht das Abstand halten. Auch wenn der Druck noch so groß ist, die Existenzängste noch so schlimm, die schlaf­losen Nächte noch so lang, wichtig ist jetzt, sich nicht zurückzuziehen, sondern die sozialen Kontakte aufrecht zu erhalten. Denn Armut treibt viel zu oft in die Isola­tion. Schleichend. Meist bemerkt man es erst, wenn es zu spät ist. Es ist eine Spirale, aus der nur die wenigsten wieder rausfin­den. Leider. Rückzug, Isolation, Existenz­ängste, Schlaflosigkeit – damit kämpfen fast alle Betroffenen und es macht krank. Die Ängste kann einem niemand nehmen, doch helfen gute Kontakte, diese Zeit ein wenig besser zu überstehen. Und vor allem eines: sucht die Schuld nicht bei euch selbst. Betroffenen wurde das schon viel zu lange eingeredet.

Armut ist kein Naturgesetz

Armut war und ist kein individuelles Pro­blem. Armut ist strukturell bedingt. Es gab schon vor der Krise zu viele Arbeitssu­chende auf zu wenige freie Stellen, es gab massive Probleme mit der Vereinbarkeit von Job und Kinderbetreuung und der Pflege von Angehörigen. Aktuell steigen die Arbeitslosenzahlen in noch nie dage­wesenem Ausmaß an und niemand kann garantieren, wie es nach dem Überwinden von Corona auf dem Arbeitsmarkt weiter­geht. Natürlich ist es wichtig, dass die Wirtschaft unterstützt wird. Doch auf uns hier unten zu vergessen, weder das Arbeitslosengeld noch die Ausgleichszu­lage zu erhöhen, spricht nicht für diese Regierung. Wobei ich persönlich es traurig finde, dass es eine Krise wie diese braucht, damit die Mehrheit entdeckt, dass das Arbeitslosengeld viel zu niedrig ist.

Menschen an und unter der Armuts­grenze bleiben weiterhin ungesehen, sie kommen schon irgendwie über die Run­den. Wie sie das schaffen, wie viel Kraft dahintersteckt, wie zermürbend der Kampf gegen Armut ist und wie krankma­chend Armut sein kann und infolge Aus­wirkungen auf die Teilhabe am Erwerbsle­ben hat – all diese Faktoren werden unter den Teppich gekehrt. Anstatt Armutsbe­troffene zu beschämen, sie als Faule und Sozialschmarotzer zu präsentieren, wün­sche ich mir, dass nach Corona ein Umden­ken kommt. Armut ist so viel mehr als »nur« finanzielle Not. Sie isoliert, sie macht krank und sie zermürbt. Sie wäre für einen Staat wie Österreich leicht zu bekämpfen. Armut darf nicht mehr über­sehen und übergangen werden. Denn durch Corona betrifft sie inzwischen noch mehr als die 1,5 Millionen der bereits bis­her Gefährdeten.

Daniela Brodesser redet aus Erfahrung über Armut, Beschämung und prekäre Beschäftigung. Zusammen mit Kathrin Quatember betreibt sie den Podcast »Bitte stören« – Wir reden über Armut und Ungleichheit.

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Gelesen 362 mal Letzte Änderung am Montag, 11 Mai 2020 13:48
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