09 April

DAUERHAFTER STRESS: Belastungen sind wie Samenkörner

von

Ist das moderner Kannibalismus, ohne sich schmutzig zu machen? Die psychiatrischen und psychosomatischen Rehas und Stationen sind voll mit diesen Menschen – im Volks­mund heißt es Burnout, aber es ist viel mehr als das.

VON MARTINA WITTELS

1. Wer ist krank? Ich? Krank bin ich nicht, das ist nur der Körper, der nicht mehr so möchte, wie ich. Das ist alles. Ich bin fleißig, so war ich immer, eigentlich seit ich denken kann. Niemand hat je gefragt, wie das alles zu schaffen sei. Ich bin mit zehn Jahren schon in der Kälte im Hof gestanden und habe Holz gehackt oder Wäsche gewaschen. Das war keine Frage von Können, das war eine Frage von Wat­schen oder keine Watschen. Aber jetzt bin ich ein Nichts, denn der Körper macht nicht mehr mit. Ich will ja und ich könnte auch, aber er, der Falott, macht schlapp. Seitdem fühle ich mich nutzlos und muss weinen, wenn ich daran denke, was ich frü­her mühelos in derselben Zeit erledigt habe. Zu Hause hat mein Mann, weil ich ihn gebeten habe, den Geschirrspüler auszu­räumen, zu mir gesagt: »Ich bin nicht Deine Putze! – na ja, irgendwie hat er ja recht. Er hat nie im Haushalt geholfen, warum sollte er jetzt wissen, wie das geht?

2. Ich arbeite in der Reinigung und habe zehn Studentenheime betreut. Das hat immer perfekt geklappt. Ich habe meine Mitarbeiterinnen gut koordiniert und der Chef hat zu Weihnachten regelmä­ßig das höchste Lob über uns ausgeschüt­tet. In den Sommermonaten haben wir die Zimmer der Studentenheime an Gäste ver­mietet, da konnte ich mehr Personal ein­stellen, und auch das hat gut geklappt. Alles hat funktioniert wie am Schnürchen.

Ich bin aus Bosnien und vor dem Krieg schon nach Österreich gekommen. Ein Neffe von mir ist im Krieg getötet worden, er war erst sieben Jahre, aber sonst habe ich keine Menschen aus meinem näheren Umfeld verloren. Ja, von Nachbarn und Bekannten gab es Berichte, aber nicht innerhalb meiner Familie.

Ich habe zwei Kinder und habe fast durchgehend Vollzeit gearbeitet, es hat mir Freude bereitet und ich habe trotzdem alles für die Familie gegeben. Mein Mann wollte sich scheiden lassen, seit Jahren spricht er schon davon. Ich habe die Familie stets hochgehalten und hätte alles für ihren Fortbestand getan, aber vor ein paar Wochen hat es mir gereicht und ich habe mir die Scheidungspapiere geholt und sie unterschrieben. Jetzt sind wir geschieden und ich bin traurig.

Seit ein paar Monaten bin ich krankge­schrieben. Mein Chef hat seine Frau zu sei­ner Stellvertreterin gemacht, seitdem ist sie mir ständig in die Quere gekommen und hatte an Abläufen, die vorher für alle gepasst haben, etwas auszusetzen. Sie hat begonnen, mir überall dreinzureden, sie wollte sich profilieren. Mir haben die Worte gefehlt, auch in Bosnisch. Ich habe mich nicht verteidigen können und habe eines Tages unter Tränen meinem Chef die Schlüssel – das waren viele, ich hatte Schlüssel für alle Studentenheime und für alle Zimmer – auf den Tisch gelegt und bin gegangen. Seitdem hat er versucht, mich zurückzuholen, aber er hätte nichts an der Situation mit seiner Frau geändert. Ich kann das nicht. Ich habe sehr viel gearbei­tet und ich habe sehr gut gearbeitet. Jetzt kann ich nicht mehr. Ich schlafe schlecht, ich bin traurig, nichts interessiert mich mehr und ich bin mutlos geworden. Das war ich nie, ich war immer eine starke Frau!

3. Ich war nach der Umschulung in der Altenbetreuung tätig. Da war ich schon 38 Jahre, als ich im Heim begonnen habe, und ich habe die alten Menschen geliebt. Sie brauchen Schutz und ich redete gerne mit ihnen, ich hörte ihnen gerne zu, sie haben so viel erlebt und so viel Erfah­rung, und nun welken sie dahin. Sie brau­chen unsere Anerkennung. Aber ich konnte nicht länger bei meinen Alten stehen blei­ben und ihnen meine Aufmerksamkeit schenken, denn ich musste jeden Handgriff dokumentieren und mich rechtfertigen, wenn ich zum Waschen statt neun Minuten zwölf gebraucht hatte. Stellen Sie sich das vor. Neun Minuten zum Waschen eines ganzen Menschen. Sie können erahnen, wie das abgelaufen ist. Und dann kam die Che­fin, eine 36-jährige Madame, die aufsteigen wollte und der es nur wichtig war, die Vor­gaben ihrer Vorgesetzten zu erfüllen. Sonst wär’s ja auch mit dem Aufstieg vorbei gewesen. Manchmal war sie sogar ganz nett und sagte, sie verstehe schon, dass es nicht zu schaffen sei, aber die Vorgaben seien eben so und basta. Wer das nicht einsehe, könne ja gehen. Die hat leicht lachen mit ihren 36 Jahren, aber ich, was soll ich machen, ich bin jetzt 54! Wohin soll ich wechseln? In ein anderes Heim, in dem es genauso ist wie hier? Manchmal geraten ganz junge Menschen in die Altenpflege, die lachen anfangs viel und scherzen mit den Alten, aber die verstehen das gar nicht, ist ihnen alles zu schnell, zu verschieden. Beim dritten Wochenende, an dem jemand von den Jungen einspringen musste, weil eine Kollegin erkrankt ist, sind die wieder weg. Klar, die lassen sich ihre Freizeit nicht durch den Job vermasseln. Ich habe zu allem Ja und Amen gesagt und habe die Not der anderen verstanden, auch die der Che­fin. Immer war ich die erste, die sie anrief, wenn jemand ausfiel, und nie habe ich sie im Stich gelassen. Das habe ich 16 Jahre durchgehalten. Mein Mann und meine Kin­der haben oft gefragt, ob ich nicht weniger arbeiten wolle, aber wer hätte den Kredit abbezahlt? Heute sind wir schuldenfrei. Dann habe ich einen Bandscheibenvorfall bekommen mit rasenden Schmerzen im Bein. Ich habe wirklich nicht mehr können. Zwei Tage habe ich es noch mit Schmerz­mittel versucht, aber am Abend habe ich geweint, so weh hat das getan. Dann bin ich in Krankenstand gegangen und habe Phy­siotherapie angefangen. In der dritten Woche habe ich einen Brief bekommen – die Kündigung. Seitdem erhole ich mich nicht mehr. Ich weine und weine, ich kann es einfach nicht fassen. Nach 16 Jahren mit all meinem Einsatz und meiner Hilfsbereit­schaft, nach all den Nachtdiensten, für die ich eingesprungen bin. Kein persönliches Wort – ein Zweizeiler – Ende.

* * *

Drei Geschichten, die Auswirkungen von Dauerbelastung spiegeln. Das menschliche Stresssystem ist ein uraltes und es hat sich entwickelt, um das Überleben zu sichern: Angriff, Flucht oder Erstarrung. Mehr gibt es nicht, mehr braucht es nicht. Die Menschheit hat mit diesen drei Fähigkeiten überlebt, lange bevor das Großhirn wach­sen konnte. Nicht gefressen zu werden, nicht aus den Bäumen zu fallen und sich verschiedensten äußeren Bedingungen anzupassen – diese waren die wesentlichen Leistungen. Die kürzeste Zeit in der Menschheitsentwicklung fürchten sich Menschen vor Vorgesetzten und werden durch die Zeitmangel gedreht. Sie haben den Kampf der Unterdrückten um Gerech­tigkeit abgeschrieben und bangen um ihre Zukunft, mit allem Reichtum, Konsum, Wohlstand und einem funktionierenden Sozial- und Gesundheitssystem. Dauerhaf­ter Stress ist dennoch nichts, womit der Körper zurechtkommt, ohne dauerhaft Schaden zu nehmen.

Die Bereitstellung von vermehrter Ener­gie, um ein Projekt oder eine besondere Arbeitsaufgabe zu schaffen, setzt voraus, dass es sich um einen begrenzten Zeitraum handelt und Aussicht auf Bewäl­tigung besteht. Nach Vollendung stellt das Belohnungssystem Dopamin zu Verfügung; es durchflutet das Gehirn und ein Gefühl von Sicherheit und Zufriedenheit stellt sich ein. Danach kann das System seine zusätzlichen Energiereaktoren herunterfahren und sich erholen.

Geht man in eine Bar und bestellt Moji­tos, wird man den Barkeeper beobachten können, wie er mit einem Holzklöppel den Limetten zu Leibe rückt, um damit den köstlichen Saft aus ihnen zu stampfen. Er würde niemals für den nächsten Drink die­selben Limetten nochmals auszupressen versuchen. In der heutigen Arbeitswelt, besonders in den Bereichen, in denen wenig ausgebildete Frauen arbeiten, wird hingegen versucht, immer noch ein paar Lebenstropfen, Leistungstropfen aus den bereits Erschöpften herauszuquetschen. Und sie sind willig, sie wollen den Lebens­saft hergeben unter allen Umständen unter Aufwendung der unmenschlichsten Kraft, denn es ist das, was von ihnen verlangt wurde und wird und was sie von sich selbst erwarten: alles zu schaffen, gleichgültig, wie schwer und unmenschlich der Aufwand sein mag.

Bei dauerhaft anhaltendem Stress – Aktivierung des sympathischen Nerven ­systems – wird das Regulationssystem zwischen Anspannung und Entspannung dereguliert. Verschiedene Hormone stellen die Energie fürs Überleben bereit, aber es kommt nicht zur Flucht, es kommt nicht zum Kampf, diese Reaktionen werden der gesellschaftlichen Norm geopfert – sicher zu Recht, sonst gäbe es Mord und Totschlag –, aber es kommt dadurch zu keiner Entladung dieser massiven Mobilisierung von Kraft und muskulärer Anspannung. Die Reaktion, die in unserer Gesellschaft sehr gut erhalten blieb, ist die Erstarrung – das Totstellen. Nach jahrelangen übergroßen Anstrengun­gen, dem Druck standzuhalten, zu funktio­nieren und das Erwartete zu »bringen«, saust die nervliche Übererregung ins Gegen­teil – in eine parasympathische Starre –, und die Menschen fühlen sich wie tot, leer, erschöpft, fühllos, wie Hüllen, innerlich auf­gefressen. Ist das moderner Kannibalismus, ohne sich schmutzig zu machen?

Die psychiatrischen und psychosomati­schen Rehas und Stationen sind voll mit diesen Menschen – im Volksmund heißt es Burnout, aber es ist viel mehr als das. Es ist eine potentielle Lebensbedrohung, denn im Körper kommt es zu konstant am Köcheln gehaltenen Entzündungsreaktionen, zur Schwächung des Immunsystems, zu Dys ­regulation von Blutdruck und Puls, und dies führt wiederum zu vielen anderen Erkran­kungen. Belastungen sind wie Samenkörner, die auf einen fruchtbaren oder weniger fruchtbaren Boden fallen und dort entspre­chend der Vorbelastungen und der aktuel­len Bedingungen aufgehen, wuchern oder begrenzt werden können. So schrecklich die Auswirkungen des COVID 19 Virus ist, die gesellschaftliche Ruhe, die es bewirkt, ist wohltuend. Leider wird nachher das Schwungrad doppelt und dreifach so schnell gedreht werden, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Aber vielleicht, wenn die Qua­rantäne noch länger dauert, können sich einige erschöpfte Menschen jetzt gerade erholen.

Dr. Martina Wittels, Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin, Fachärztin für psychosomatische und psychotherapeutische Medizin (in D), arbeitet im Kardinal Schwarzenberg-Klinikum im Pongau.

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Gelesen 336 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 09 April 2020 10:10
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