09 April

DEPRESSION: Angst essen Seele auf

von

Was mache ich aus dem, was mit mir gemacht wurde?

VON HELGA WOLFGRUBER

In den letzten Jahren hat die Depressions­forschung mit einer Unzahl von Studien über Entstehung/Ursachen und Verlauf von Depressionen aufgewartet. Unter ande­rem aufgrund unterschiedlicher Interessen der AuftraggeberInnen wird aber die Frage, wie äußere, soziale Belastungs-Faktoren zu inneren Risiko-Faktoren werden können, nicht immer einhellig beantwortet.

Befürchtet das medizinisch-therapeuti­sche Feld den Verlust von Deutungshoheit und Macht, fürchtet die Pharmaindustrie den Verlust ihrer Profite? Als in den 1960er Jahren Psychopharmaka den Markt erober­ten, hat sich der »Marktwert« der Depres­sion deutlich erhöht und die Diagnosezah­len stiegen rasant an.

Die Bewertung von normal/abnormal, gesund/krank ist immer auch kulturhisto­rischer Beeinflussung ausgesetzt und bewegt sich innerhalb unscharfer Grenzen, bestimmt aber die Richtung der Behand­lung.

Fakten

Die WHO betont, dass im Rahmen der »Glo­bal Burden of Disease« Depressionen seit 2015 einen Spitzenplatz unter jenen Erkrankungen einnehmen, die weltweit zu den meisten gesundheitlich eingeschränk­ten Lebensjahren führen. Und für 2030 bedeutet das, dass in den westlichen Indus­trieländern die Depression die größte indi­viduelle und volkswirtschaftliche Krank­heitslast sein wird. Derzeit übersteigt die Zahl der Erkrankten die 300 Millionen­grenze. Obwohl bei Frauen die Diagnose dreimal so häufig gestellt wird wie bei Män­nern, ist deren Selbstmordrate dreimal so hoch.

Von Mythen zur Realität

Mit einigen Mythen der Vergangenheit wurde aufgeräumt: Depression trifft NICHT nur schwache Menschen (aber: der Krank­heitsverlauf von sozioökonomisch unter­privilegierten Menschen ist ungünstiger); Psychopharmaka allein heilen NICHT (sie kön­nen sogar das Kranksein-Gefühl und Chro­nifizierung fördern); Depression hat NUR genetische Ursachen (endogene Depression wurde aus dem Diagnosemanual gestri­chen; soziale Faktoren werden berücksich­tigt).

Aber Wissenschaft, gesellschaftliche Institutionen und vor allem eine verände­rungsscheue Politik widmen sich zu wenig den krankmachenden, sozialen Lebensbe­dingungen. Dazu bedürfte es des Hinterfra­gens hyperindividualisierter, autonomie­versessener Leistungsparadigmen unserer kapitalistischen Arbeits- und Lebenswelt. Aber es ist kein Zufall, dass den »Leiden an der Arbeitswelt« (Burnout, früher Erschöp­fungsdepression genannt) große öffentliche Beachtung geschenkt wird. Menschen müs­sen »arbeitskräftig« bleiben, um das »Werkl am Laufen zu halten«. Depressive Menschen begehren zwar nicht auf, aber sie fallen aus dem Produktionsrad. Den stil­leren Leiden von Kindern, alten Menschen, Hilfsbedürftigen, Geflüchteten, Reproduk ­tionsarbeiterInnen wurde noch keine »eigene Diagnose« gewidmet. Obwohl sich in den Räumen der Privatheit sehr viele Hamsterräder zur Produktion von seeli­schen Erkrankungen drehen, finden sich diese Personengruppen eher als störender »Kostenfaktor« in den Medien wieder. Das Leid vieler depressiver, überforderter Hausfrauen inspirierte zwar schon in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Pop.Musik, die Psychiatrie reagierte aber fast ausschließlich mit der Verord­nung von Tranquilizern, jenen besungenen »mother’s little helpers«. Eine gendersensi­ble Medizin steckt leider noch immer in den Kinderschuhen.

Spätkapitalistische Depressions-Theorien

Der Soziologe Martin Dornes führt die Depressionszunahme auf erweiterte indivi­duelle Gestaltungsspielräume und Wahl­möglichkeiten zurück. Die damit verbunde­nen Überforderungsgefühle können letzt­lich zu Erschöpfung und Depression führen: Wer die Wahl hat, hat die Qual.

Verdankt sich diese Entwicklung also dem neoliberalen Dogma der Lebensgestaltung unter möglichst großer Eigenverantwort­lichkeit?

Oder besteht das Pathogene weniger in einer übergroßen, strukturarmen Freiheit, wie es der Philosoph Byung Chul Han beschreibt, sondern vielmehr in den gleich­zeitig steigenden, konkreten Leistungsan­forderungen an das Individuum? Müdigkeit und Erschöpfung als Zeichen gesellschaftli­chen Wandels und Vor-Zeichen von Depressivität spielen in beiden Theorien eine zentrale Rolle.

Ich möchte aber nicht jede als falsch empfundene, individuelle Entscheidung dem Kapitalismus oder ausschließlich exo­genen Faktoren in die Schuhe schieben. Das käme einer völligen Entmachtung des Sub­jekts gleich. Daher ein Aspekt, der sich dem intrapsychischen Anteil des depressiven Erlebens widmet.

Die psychoanalytische Theorie versucht das Entstehen einer späteren Depression mit einem missglückten Versuch der Verar­beitung von Verlusten/Trennungen in der frühen Kindheit zu erklären. Genauer gesagt werden (Liebes-)Enttäuschungen oder direkte Verluste (Tod, Abwesenheit) begehrter Bezugspersonen angenommen, die in vergleichbaren Enttäuschungssitua­tionen des Erwachsenenlebens eine Dispo­sition für das Wiedererleben verdrängter Gefühle bedeuten können.

Die Reaktion auf Kränkung und Enttäu­schung kann in narzistische Regression und in Symptome einer Depression münden: Hemmung, Apathie, Rückzug, Herabset­zung des Selbstwertgefühls, Verharren in der Opferrolle, Gier nach Entschädigung, Wut als Ausdrucksform der Trauer und letztendlich die Wendung der Aggression gegen die eigene Person sind Ausdruck davon.

Verlusterfahrungen INNEN und AUSSEN

Inneres Erleben und äußere Bedingungen stehen aber immer in einem dialektischen Zusammenhang, formen biographische Besonderheiten und begünstigen auch den angst- und verlustreichen Weg »in die Dun­kelheit«.

Angesichts der globalen Informations- und Bilderflut kann leicht der Faden oder die Übersicht verloren gehen. Der Imperativ zu Leistung und permanenter Betriebsam­keit gefährdet Denk- und Erlebnisräume als Orte der Kreativität und kann uns die Fähig­keit zum »kontemplativen Verweilen« verlie­ren lassen. Die Langlebigkeit des Patriar­chats könnte, besonders bei Frauen, zum Verlust der Geduld oder Beherrschung füh­ren. Verliere ich die Arbeitsfähigkeit oder den Arbeitsplatz, verliere ich auch oft die Wohnung, Ansehen, Sicherheit, Orientierung oder FreundInnen. Können das erste Schritte in die soziale Isolation sein? Was bedeutet der Verlust von Schlüssel oder Schirm gegen den Verlust von Heimat oder des Lebens naher Menschen durch Krieg und Tod? Legt das nicht den Grundstein zu Traumatisierung mit depressiven Folgen? Ein Spiel oder eine Wette zu verlieren wird mein inneres Gleichgewicht nicht nachhaltig erschüt­tern. Wie geht es mir aber, wenn mir mein Glaube an Gerechtigkeit oder Selbstachtung verloren geht? Weil ich mich gegen Demü­tigungen und Entwertungen durch Schule, am Arbeitsplatz oder durch geliebte Perso­nen nicht ausreichend zur Wehr setzen konnte?

Nähere ich mich einer Depression, wenn Hoffnung auf Veränderung schwindet? Wenn Antrieb und Energie nachlassen oder ein Gefühlsverlust innerer Leere (Entfrem­dungsgefühlen) Platz macht, nachdem ich jahrelang gegen Ohnmachtsgefühle ange­kämpft habe? Bin ich immer krank, wenn ich die Gesundheit verliere?

Betrachtet man diese Verlusterfahrungen durch die »symptomsuchende« Brille, dann wird sichtbar, wie fruchtbar der Boden des Alltagslebens für Depressionen ist.

Widerstandsressourcen

Warum es manchen Menschen, trotz ver­gleichbarer Verlust- und Belastungserfah­rungen, besser gelingt, gesund zu bleiben oder zu werden als anderen, versucht das Konzept der Salutogenese zu erklären.

Aaron Antonovsky, der Begründer dieses Modells, macht drei Komponenten für den Erwerb von Resilienz/Widerständigkeit verantwortlich: Erstens das Gefühl von Ver­stehbarkeit: ich begreife mein Tun, ich weiß um mein Wissen. Zweitens das Gefühl von Bewältigbarkeit: ich schaffe die an mich gestellten Anforderungen, fühle mich nicht überfordert. Und drittens das Gefühl von Sinnhaftigkeit bzw. von Bedeutsam­keit: das, was ich tue, ergibt für mich (oder andere) Sinn und ich bekomme dafür Aner­kennung. Wer auf diese weitgehend in der Kindheit erworbenen Ressourcen zurück­greifen kann, wird mit individueller Krank­heitserfahrung besser umgehen können. Vorausgesetzt die sozioökonomischen Ver­hältnisse ermöglichen das. Den Zusammen­hang zwischen steigender sozialer Ungleichheit und dem steilen Anstieg von »Verzweiflungsopfern« in der Klasse der ArbeiterInnen durch Suizid, Drogen und Alkoholmissbrauch belegen zwei US Ökono­men (Case, Deaton) in ihrem jüngst erschie­nenen Buch.

Ein langer Weg

Das Problembewusstsein hat zwar allge­mein zugenommen, das Wissen über Hilfs­angebote hat sich verbreitert und die gesellschaftliche Stigmatisierung hat abge­nommen, trotzdem finden psychisch Kranke noch immer sehr spät den Weg in eine ärztliche oder psychotherapeutische Praxis. Dieser Weg ist dann oft gepflastert mit falschen Diagnosen und Medikamen­ten, aber auch mit der Scheu vieler Betrof­fenen, das schambesetzte Gefühl der Wert­losigkeit – ein Symptom depressiven Lei­dens – »herzuzeigen«. Das lange Verber­gen-müssen von psychischem Leiden, das vermeintliche Aushalten-Müssen belasten­der Lebenssituationen kostet Kraft und endet oft im totalen Verlust von Lebens­qualität oder im Selbstmord.

In berührenden Selbstzeugnissen hat Mark Fisher, ein britischer linker Autor, festgestellt, dass man in dem undurch­dringlichen Labyrinth eines depressiven Lebens einer Aufgabe nicht gewachsen ist: der Selbstwerdung.

Was hilft?

Die Voraussetzung für dieses »Sein oder Werden« müsste durch notwendige struk­turelle Maßnahmen von Politik geschaffen werden. Auch das Gesundheitswesen, im Besonderen die Psychiatrie, sollte, ausge­hend vom Sozialen, neu gedacht werden. Es ist die größer werdende Schere zwischen Arm und Reich, es sind die vielen Stressfak­toren durch ungleiche Macht- und Chan­cenverteilung, es ist die Hierarchisierung vieler Lebensbereiche, es ist die zuneh­mende Prekarisierung der Arbeitswelt mit Einkommensunsicherheit und es ist die Zunahme sozialer Frustration, die depres­sive Erkrankungen zu einem alltäglichen »Abfallprodukt« des neoliberalen Indivi­dualisierungsprozesses machen. Und die nach einer radikaleren Umgestaltung unse­res gesellschaftlichen Lebens schreien.

Kritik ein Lebenselixir?

Friedrich Nietzsche hatte sicher nicht die Absicht, mit seinen Aussagen Depressions­prophylaxe zu betreiben. Ein Zitat könnte aber als Empfehlung dazu gelesen werden: »Wenn wir Kritik üben, so ist es nichts Will­kürliches und Unpersönliches. Es ist oft ein Beweis davon, dass lebendige, treibende Kräfte in uns sind, welche eine Rinde absto­ßen. Wir verneinen und müssen verneinen, weil etwas in uns leben und sich bejahen will. Etwas, das wir vielleicht noch nicht kennen, noch nicht sehen.«

Ein Ort, an dem diese Form der Widerständigkeit praktiziert werden könnte, ist politisches Engagement. Wenn individuelle Empörung den Weg über Kritik in sinnvolles, kollek­tives Handeln schafft und ein bewäl­tigbares Ziel anpeilt, dann wäre die­ses solidarische Handeln auch für das Individuum ein Weg zu einem bedeu­tungsvolleren Leben.

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Gelesen 358 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 09 April 2020 10:02
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