26 März

KRITIK UND IDEOLOGIE: Die »gesellschaftliche Hieroglyphe«

von

Zum Verhältnis von ideologischer Verblendung und Emanzipation.

Von LINDA LILITH OBERMAYR

Fetischcharakter

Es ist eine Eigentümlichkeit der warenpro­duzierenden Gesellschaft, dass die ökono­mischen Beziehungen der Menschen als sachliche Beziehungen von Dingen erschei­nen. Die Warenform, so Marx, spiegelt »den Menschen die gesellschaftlichen Charak­tere ihrer eignen Arbeit als gegenständli­che Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften der Dinge zurück« (MEW 23; 86). In der scheinbaren Verselbständigung des Wertes gegenüber dem lebendigen Arbeitsprozess fetischisiert sich unser Verhältnis zu den Arbeitsprodukten; darin gleicht der Waren­fetisch der religiösen Verehrung von Gegenständen, denen übernatürliche Eigenschaften zugeschrieben werden. In diesem Sinne stellt sich das Arbeitsprodukt als eine geheimnisvolle »gesellschaftliche Hieroglyphe« ihren Schöpfern gegenüber, die sich aber dadurch vom religiösen Fetisch unterscheidet, dass sich in letzte­rem die dem Gegenstand zugeschriebenen Eigenschaften niemals wirklich realisieren werden (außer wir glauben daran). Anders beim Warenfetisch: Tatsächlich beziehen sich die ­ProduzentInnen unter den Bedingungen kapitalistischer Produktion sachlich aufeinander, denn die voneinander unabhängigen, das heisst privaten Produzent*innen treten ausschließlich über den Austausch ihrer Produkte in gesellschaftliche Beziehung.1 ­­ Es ist daher auch völlig falsch, im Warenfetisch nur das falsche Bewusstsein, die bloße Ideologie zu sehen. Die Ideologie ist, und das ist eine entscheidende Pointe Marxens, wahr und falsch zugleich. 

Totaler Verblendungszusammenhang?

Das Bewusstsein der Menschen in der kapi­talistischen Gesellschaft wird also verkehrt durch die Form, in der sie sich aufeinander beziehen, denn diese Form – die allgemeine Wertform bzw. Geldform – verschleiert die Einsicht in den gesellschaftlichen Charak­ter dieser Form. Wie ist dieser »ideologi­sche Verblendungszusammenhang« (Adorno/Horkheimer) aber zu verstehen? Müssen wir es wortwörtlich nehmen, wenn Marx schreibt: »Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umge­kehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt« (MEW 13; 9)? Ja, aber nicht in der Variante eines umfängli­chen Determinismus, in dem sich die Rolle von Sein und Bewusstsein im Erkenntnis­prozess unerklärlicherweise dadurch umdreht, dass die geistlose Materie sich die Menschen unterwirft. Marx spricht ja immer noch von ihrem gesellschaftlichen bzw. vom gesellschaftlichen Sein, also einem Sein im Sinne der spezifischen materiellen und historischen Umstände, in denen sich die Sozialität des Menschen formiert. Damit ist der ideologische Verblendungszusam­menhang jedenfalls als gesellschaftlich und historisch bestimmt erkannt, denn er ent­springt ausschließlich den Formen der warenproduzierenden, das heißt wertför­mig vermittelten Gesellschaft.

Die Unmöglichkeit des externen Standpunktes

Die Kritik und Entschlüsselung der Fetisch-Verhältnisse kann nur innerhalb dieser Verhältnisse selbst stattfinden und nicht von außen an diese herangetragen werden. Ein solches Außen kann es nicht geben, denn die (Ideologie-) Kritik äußert sich immer nur von einem Standpunkt inner­halb der gesellschaftlichen Totalität. Das Beziehen eines externen Standpunkts bleibt ihr verwehrt, weil jede Kritik die Kri­tik eines Subjekts ist, das in der einen oder anderen Art ins Kapitalverhältnis verstrickt ist; sei es die Kritik seitens der eigentums­losen ArbeiterInnenklasse oder seitens der Kapitalfraktion. Eine moralisierende Kritik, deren angebliche Stärke ja gerade im Bezug auf externe, universale Maßstäbe liegt, müsste sich die Unmöglichkeit der Über­windung des Kapitalismus eingestehen.

Die Stärke der Immanenz

Demgegenüber sehe ich den internen Standpunkt dieser Kritik nicht als ihre Schwäche, sondern vielmehr als ihre Stärke an: »Es hindert uns also nichts, unsre Kritik an die Kritik der Politik, an die Partei­nahme in der Politik, also an wirkliche Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu identifizieren. Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien.« (MEW 1; 345). Die immanente Kritik ist sogar die einzig legitime Kritik, gerade weil sie ihre Maßstäbe aus den Verhältnissen selbst bezieht. So sind Freiheit und Gleich­heit als die zentralen, selbst verkündeten Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft nicht etwa als defizitär verwirklichte zu kritisieren, sondern es ist zu zeigen, dass Freiheit und Gleichheit gerade durch ihre (vollständige, nicht bloß formelle) Verwirk­lichung als Freiheit des Eigentums und des Verkaufs der Ware Arbeitskraft die Klas­senherrschaft vermitteln und reproduzie­ren. Persönliche Freiheit, Eigentumsfrei­heit und Gleichheit sind die wesentlichen Voraussetzungen des gelingenden Tausch ­akts, in welchem der/die ArbeiterIn als doppeltfreier seine Arbeitskraft dem Kapi­tal zur Verfügung stellt.

Daran anknüpfend ist auch die Erklärung des Proletariats zum revolutionären Sub­jekt nicht in dem erkenntnistheoretischen Sinne misszuverstehen, dass etwa nur das Proletariat in der Lage wäre, die Verhält­nisse zu begreifen oder dass nur das Prole­tariat die wirkmächtige Gewalt zur Bekämpfung der Verhältnisse besitzt, gerade weil sie die »Verlierer« des Systems wären, nein. Der Standpunkt des Proletari­ats ist deswegen der revolutionäre Stand­punkt, weil das Proletariat begreifen bedeutet, die Produktionsweise zu begrei­fen. Der dialektische Zusammenhang besteht darin, dass die Einsicht in das Pro­letariat als besondere Klasse die allgemeine Einsicht in die gesellschaftlichen Verhält­nisse vermittelt. Daher schreibt Marx: »Diese Auflösung der Gesellschaft als ein besonderer Stand ist das Proletariat.« (MEW 1; 390).

Dadurch schließt sich aber auch der Bogen zu der eingangs skizzierten, sehr abstrakten Entwicklung des Fetischbegrif­fes. Den Fetisch als Fetisch zu durch­schauen, geht nicht allein aus der begriffli­chen Analyse der Wertformtheorie hervor, sondern ist gebunden an die Erkenntnis einer durch Klassengegensätze und -kämpfe strukturierten Wirklichkeit.

Immanente Kritik und Emanzipation

In diesem Sinne muss die immanente Kritik bzw. das Begreifen der Funktionsweise der gesellschaftlichen Formen Ware, Wert, Kapital usw. als Bedingung der Möglichkeit der Überwindung dieser Verhältnisse betrachtet werden. Die intellektuelle Leis­tung der Kritik zum entscheidenden Moment im Emanzipationsprozess zu erklä­ren, hieße aber, von Marx zu Hegel zurück­zugehen, denn bei Marx heißt es ja in Umkehrung der Hegelschen Philosophie: »Es genügt nicht, daß der Gedanke zur Ver­wirklichung drängt, die Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken drängen.« (MEW 1; 386). Auch hier ist aber nicht von einer Wirklichkeit auszugehen, die dem mensch­lichen Bewusstsein entgegengesetzt oder dessen Zugriff gänzlich verschlossen wäre, sondern von einer Wirklichkeit, die wesentlich vom Menschen zu gestalten, zu verändern und umzuwälzen ist. Insofern sind antikapitalistische Wirklichkeiten zu schaffen, aufzufinden und an diese anzuknüp­fen. Das Bedingungslose Grundeinkommen wäre eine solche Institutionalisierung einer antikapitalistischen Wirklichkeit, dem zugleich – trotz seiner Institutionalisierung – ein systemtranszendierendes Moment inhäriert ist, da das Lohnarbeitsverhältnis an sich gesprengt wird, indem die Geldleis­tung gerade nicht von der Verrichtung der Lohnarbeit abhängig gemacht wird. Die Überwindung der Verhältnisse geschieht natürlich nicht durch eine Horde rebelli­scher Maschinenteile, die sich von ihrem geistlosen Dasein lossagen, sondern durch diejenigen Menschen, die der Verkehrtheit der Produktionsweise den Kampf ansagen, weil sie deren auf Ausbeutung, Entfrem­dung und Selbstwidersprüchlichkeit basie­rende Funktionsweise verstanden haben. Ideologiekritik ist daher auch eine soziale und insbesondere politische Praxis, die sich die Umwälzung der politischen Ökonomie zur Aufgabe macht. Als solche ist sie die sich konstituierende kommunistische Macht.

1 Darüber hinaus sehen wir uns alltäglich unter der Kontrolle der Bewegung von Dingen: Alles und jedes ist abhängig vom Geld, dessentwegen der morgendliche Gang in die Arbeit angetreten wird.

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Gelesen 692 mal Letzte Änderung am Freitag, 10 April 2020 09:21
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