Der Autor mit Ander Etxeberria und Samira Shady Sany (v. l. n. r.) Christian Kaserer Der Autor mit Ander Etxeberria und Samira Shady Sany (v. l. n. r.)
10 Dezember

EINE REPORTAGE AUS DEM BASKENLAND: Humanity at work

von

Im spanischen Baskenland sitzt mit Mondra­gón eine der wohl größten ArbeiterInnen ­kooperativen der Welt. 80.000 Menschen arbeiten für sie.

CHRISTIAN KASERER war für einen Lokalaugenschein vor Ort.

Seit die Arbeit am aktuellen Buchprojekt über selbstverwaltete Betriebe und Projekte begonnen hatte, war klar, der Besuch im Baskenland wird ein ganz besonderer Höhepunkt all dieser Reisen werden. Nicht nur, dass im kleinen Ort Mondragón die gleichnamige ArbeiterIn­nenkooperative »Mondragón Corporación Cooperativa« ihren Sitz hat – immerhin ein Betrieb mit etwa 80.000 Arbeiterinnen und Arbeitern. Sondern auch, weil der Region im Norden Spaniens in ihrer wun­derbaren Natur und historischen Bedeu­tung ein einzigartiger Charakter inne­wohnt. Die Basken gelten als ältestes Volk Europas, ihre Geschichte jedoch ist geprägt von Fremdherrschaft und letztlich auch durch Teilung in ein spanisches und ein französisches Baskenland. Letztere haben seit der französischen Revolution keinerlei Selbständigkeit mehr und ihre Sprache ist, wie für alle regionalen Spra­chen und Dialekte in Frankreich üblich, keine offiziell anerkannte Amtssprache. Anders verhält es sich in Spanien, wo das Baskenland nicht nur eine ausgedehnte Autonomie genießt, sondern auch das Bas­kische als offizielle Verkehrssprache gesetzlich zugelassen ist. Hier blühen gerade in den letzten Jahren die baskische Sprache und Kultur geradezu auf und machen die Besonderheiten der Region innerhalb der iberischen Nation besonders deutlich.

Von Bilbao über Gernika nach Mondragón

37 Bilbao Guggenheim2Entscheidet man sich für eine Anreise in die Region via Flugzeug, so nimmt sich Bil­bao wohl als die naheliegendste Destination aus. Die frühere Industriestadt ist ein Fanal für die Folgen der Deindustrialisierung, aber zugleich auch ein positives Beispiel dafür, wie der vermeintlichen Ausweglosig­keit beizukommen sein kann. Nachdem die Industriebetriebe der unmittelbaren Umge­bung der Stadt abgewandert waren und an allen Ecken Arbeits- und Obdachlosigkeit grassierte, entschied man sich dafür, das Stadtbild grundlegend zu verändern. Bil­bao, auf Baskisch Bilbo, sollte zu einer Kul­tur- und Tourismusstadt werden, und so zog beispielsweise auch das berühmte Gug­genheim-Museum hierhin. Heute ist Bilbao, exemplarisch für das ganze Baskenland, eine wachsende Stadt mit zunehmender Lebensqualität und vielen jungen sowie hochpolitisierten Menschen. Plakate, Sti­cker und Fahnen für die katalanische Unab­hängigkeit beispielsweise findet man an allen Ecken. Bereits in Bilbao finden sich erste Anzeichen, dass Mondragón im Bas­kenland eine relevante Kraft ist. So ist etwa eine der Mondragón Universitäten, dazu später mehr, in der Stadt beheimatet. Das kleine Mondragón mit etwa 22.000 Einwoh­nern, baskisch Arrasate genannt, liegt etwas weniger als eine Stunde östlich, und ist man willens, die Fahrt um eine halbe Stunde zu verlängern und auf halbem Wege nördlich abzubiegen, so erreicht man den wohl berühmtesten Schauplatz des spani­schen Bürgerkriegs: Gernika. 1937 flogen deutsche Einheiten der Legion Condor für die verbündeten Francisten einen der vernichtendsten Luftangriffe des Bürgerkriegs auf das kleine Städtchen, gemeinhin unter seiner spanischen Schreibweise Guernica bekannt, und zerstörten es zu großen Tei­len. Heute erinnert wenig an die Gescheh­nisse von damals und Gernika ist ein pitto­reskes Nest. Mondragón, respektive Arra­sate, steht Gernika in seiner beschaulichen und geradezu romantischen Art um nichts nach und wenig würde auf den ersten Blick darauf hindeuten, dass hier, nicht einmal im in der Talsohle gelegenen Stadtzentrum, sondern am Hang eines der umgebenden Berge, das Hauptquartier einer global agie­renden Genossenschaft liegen könnte.

»Sehen wir uns zuerst einen Film an«

Blick auf die Mondragon Universitaet in MondragonPassend zur Umgebung ist auch das Gebäude der Genossenschaft bescheiden gehalten. Zierten nicht Name und Logo der Kooperative ein Schild vor dem Eingang, möchte man glatt glauben, es handle sich hierbei eher um ein kleines Bürogebäude. »Habla usted ingles?«, frage ich den Sicher­heitsmann und bereite mich bereits darauf vor, mein schlechtes Spanisch, welches ich die Monate vor der Reise mir anzueignen begonnen hatte, hervorzukramen. »Un poquito.«. Ein bisschen Englisch kann er, welch Glück! Es dauert nicht lange bis uns, meine Lebensgefährtin und mich, Ander Etxeberria, Presseverantwortlicher von Mondragón, freundlich begrüßt: »Bevor wir mit den Fragen beginnen, sehen wir uns doch zuerst einen Film an, ja?« Ein hausei­gener Werbefilm, weshalb nicht? Tatsäch­lich verfügt die Zentrale über ein eigenes Kino und wie Ander erklärt, besuchen jähr­lich über 2000 Menschen die Genossen­schaft. »Einzelpersonen und Gruppen aus allen Teilen der Welt kommen zu uns und fragen, wie wir das hier aufgebaut haben, was unsere Geschichte ist. Leute von Start­Ups aus Californien ebenso wie Mitglieder europäischer Regierungen«, so Ander, bevor er den Film startet. Die 15 Minuten vergehen überraschend schnell und berich­ten uns über den Priester Jose Maria Ariz­mendiarrieta. Er gilt als Gründer von Mon­dragón. Arizmendiarrieta beschloss 1941, im Angesicht all der Zerstörung, die der spanische Bürgerkrieg im Baskenland hin entschloss er sich, mitsamt fünf Ingenieuren 1956 den Betrieb ULGOR zu gründen. ULGOR unterschied sich deutlich vom klassischen Bild eines Industriebetriebs: Wer hier arbeitete, war zugleich auch BesitzerIn und konnte somit gleichberechtigt mitbeckeln sollte. Ziel war es in erster Linie nicht, Kapital zu akkumulieren, sondern Menschen ein Auskommen zu verschaffen und mit dem Gewinn soziale Projekte zu fördern. Heute, über 60 Jahre später, heißt der kleine Betrieb, der den Menschen hier Hoffnung und eine Zukunft bringen sollte, Mondragón und arbeitet, trotz über 80.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, immer noch nach denselben Prinzipien, welche terlassen hatte, sich nicht nur für die Seel­sorge, sondern auch praktisch zu engagie­ren. Bildung und Mitbestimmung sollten der Schlüssel dazu sein, die Region wieder aufzubauen und überdies die tiefen Gräben zwischen FrankistInnen und Republikane­rInnen zuzuschütten. Dazu brachte er vor allem Jugendliche zusammen und organi­sierte Bildung und Freizeit mit ihnen. In Mondragón gab es dazumal lediglich einen großen Betrieb, welchem gar eine Schule angeschlossen war, die allerdings nur den Kindern der ArbeiterInnen offen stand. Der Priester wollte bewirken, dass die Schule allgemein geöffnet und überdies die Arbei­terInnen ein gleichberechtigtes Mitspra­cherecht im Betrieb bekommen sollten. Letzteres allerdings ohne Erfolg, und so ­­­stimmten, wohin der Betrieb sich entwi­Arizmendiarrieta dazumal aufgestellt hatte.

Wie demokratisch bleiben?

Die Entwicklung freilich ist beeindruckend, aber so eine kurze Präsentation hinterlässt vor allem Fragen, etwa: Wie demokratisch bleiben? »Mondragón ist nicht nur ein Betrieb, sondern sozusagen ein Konglome­rat, ein Zusammenschluss aus verschie­densten Firmen. Sie alle halten sich aller­dings, das ist die Bedingung, an unsere genossenschaftlichen Grundsätze. Wer bei uns arbeitet, der ist auch EigentümerIn und kann gleichberechtigt über die Abläufe im Betrieb mitbestimmen. Unsere Teilfirmen sind vor allem in der Industrie zu verorten, aber nicht nur. Eine riesige Konsumgenos­senschaft, also sozusagen ein Supermarkt, gehört auch dazu. Jene Betriebe, die Teil von Mondragon sind, wählen kollektiv Ver­treterinnen und Vertreter für den ganzen Zusammenschluss, und diese kommen daraufhin in regelmäßigen Abständen zusammen und beschließen, wohin wir uns alle entwickeln sollen. Transparenz, Parti­zipation und das Gemeinwohl stehen dabei immer an oberster Stelle. Den einzelnen Teilbetrieben steht es überdies frei, sofern sie sich demokratisch dazu entscheiden, Mondragon jederzeit zu verlassen und sich anders auszurichten«, so Ander.

Was passiert mit dem Gewinn? »Die Gewinne werden, je nach Beschluss, sozial investiert. Etwa in unsere Universitäten, die wir gegründet haben, damit Menschen – auch ohne mit uns irgendwas zu tun haben zu müssen – studieren können. Oder etwa in Kampagnen für die Umwelt. Es muss jedenfalls der jeweiligen Region, in welcher die Firma lokalisiert ist, zugute kommen. Ein Teil wird natürlich angespart, damit die finanziell erfolgreicheren Betriebe jenen, die aktuell Probleme haben, unter die Arme greifen können. Wir wollen nämlich niemanden bei uns entlassen. Und natürlich ist der Gewinn für die Arbeiterin­nen und Arbeiter da.« Das macht hellhörig. »Jede Person zahlt eine gewisse Summe in die Genossenschaft ein. Sozusagen als Anteil. Gerne auch in Raten. Wenn Perso­nen sich dann dazu entschließen, die Genossenschaft zu verlassen oder etwa in Rente gehen, dann erhalten sie ihren Anteil wieder zurück, jedoch deutlich höher, da der Wert des jeweiligen Anteils über die Jahre, entsprechend des Wachstums der Genossenschaft, gestiegen ist. In der Regel kommt da einiges zusammen.«

Ein spannendes Modell das interessant klingt, aber wie behauptet man sich so im Kapitalismus auf Dauer? »Dadurch, dass wir alle gemeinsam beschließen, was die nächs­ten Schritte sind, bündeln wir unser Wis­sen. Krisen wie etwa die letzte Finanzkrise haben wir somit deutlich besser überstan­den als die meisten anderen Betriebe in unserer Umgebung. Das solidarische Mitei­nander hilft uns da sehr.« In einer neolibe­ralen Welt eine leider geradezu anachronis­tisch anmutende Aussage, die allerdings Hoffnung macht, dass auch andere diesem Beispiel folgen mögen.

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Gelesen 1078 mal Letzte Änderung am Dienstag, 10 Dezember 2019 12:16
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