11 November

BUCHBESPRECHUNG: Gestern Schnee, heute Sintflut

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»30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer ist der Sozialismus nicht nur aus Europa, son­dern aus der gesamten Welt verschwunden. Und mit ihm der Antifaschismus.« Diese düs­tere These stellt Daniela Dahn in ihrem jüngs­ten Buch »Der Schnee von gestern ist die Sint­flut von heute« auf. BÄRBEL DANNEBERG hat es gelesen.

Eigentlich hatte die 1949 in Ostberlin gebo­rene Journalistin Daniela Dahn ihr letztes Buch »Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute« gar nicht geplant. Nach bisher zwölf veröffentlichten Büchern, von denen sich acht mit den Folgen der deutschen Ein­heit beschäftigen, war für die Autorin aber der Zeitpunkt gekommen, noch einmal genauer die Geschichte der »feindlichen Übernahme« der DDR und das Erbe dieser Wiedervereini­gung anzuschauen. Daniela Dahns Überlegun­gen, ausgehend von der deutschen Wiederver­einigung, erstrecken sich über den Zustand und die Machtverhältnisse in der Welt, die durch das Niederbügeln sozialistischer Versu­che ohne Systemkonkurrenz zu einem »Raub­mensch-Kapitalismus« mutierten, der keine Fesseln mehr akzeptieren will. Und somit ist es kein Buch über die DDR, sondern über die 30 Jahre danach. Ihre genauen Beobachtungen und Recherchen erzählen davon, dass der Westen »ohne die Systemkonkurrenz vor lau­ter Gier seinen Halt verloren hat«.

Kampf gegen Terror

Der Untertitel des Buches »Die Einheit – Eine Abrechnung« lässt erahnen, dass Dahn kein Blatt vor den Mund nimmt und dem Zynismus und der Erniedrigung, dem die ostdeutsche Bevölkerung ausgesetzt war und noch immer ist, nicht nur mit faktenreichem Wissen und genauem Quellenstudium begegnet, sondern streckenweise mit Empörung und Sarkasmus. Nicht aber mit Sprachlosigkeit: Der geschichts vergessenen Ignoranz hilft sie mit Details und Insiderwissen aus dem Wiederver­einigungsprozess und der Zeit davor auf die Sprünge und nähert sich so dem Phänomen rechtsextremer Auswüchse der Gegenwart. »Linke gehen mit zivilgesellschaftlicher Blo­ckade von Rechten ein größeres Risiko ein als Rechte mit dem Untergraben der Zivilgesell­schaft. Das ist nicht nur angesichts der offen faschistischen Bedrohung skandalös und ver­langt vom Gesetzgeber, endlich konsequent zu sein: Eine immer wieder abgelehnte, antifa­schistische Klausel gehört ins Grundgesetz!« (116)

Und wie zur Bestätigung dieser Forderung erreicht mich beim Lesen ihres Buches die Realität: Am 9. Oktober, als in Leipzig ein Fest zur Erinnerung an die Demonstrationen vor 30 Jahren gefeiert wurde, hat sich nicht weit ent­fernt davon, in Halle, rechtsextremer Juden­hass gezeigt. An Jom-Kippur, dem jüdischen Feiertag, verübte ein rechtsextremer 27-Jähriger ein Attentat auf die Synagoge, dem zwei Menschen zum Opfer fielen. Der junge Mann gab zu, dass es sich um eine rassisti­sche, antisemitische Tat gehandelt habe, den Bausatz seiner selbstgebauten Waffe habe er sich aus einem 3-D-Drucker für Waffenproduktion besorgt. Wie eine Pro­phezeiung liest sich dann auch Dahns Refle­xion über Waffenungleichheit und Terror­bekämpfung: Nachdem der Westen den islamistischen Terror zu einem weltweit gefürchteten Gegner gemacht hatte, hatten die Terroristen nach dem 11.9. »nicht ein­mal eine kleine, bewaffnete Drohne, wie sie bald jeder 3-D-Drucker auswirft«, im Arse­nal, schreibt sie zu den Anschlägen 9/11 in den USA.

Die »Leipziger Volkszeitung« (Leipzig, 10.10.2019) schrieb zu dem jüngsten Anschlag: »In Halle betreibt die Identitäre Bewegung mitten in der Stadt ein Haus – jene Identitäre Bewegung, die das Bundes­amt für Verfassungsschutz im Sommer als eindeutig rechtsextrem eingestuft hat und die unter anderem Kontakte zu Teilen der AfD unterhält. (...) Die Landesregierung hat die Gefahren von rechts später immer mal wieder unter dem Eindruck des Erstarkens der AfD relativiert – fatalerweise. Was für Halle gilt, gilt für das ganze Land. Die Mili­tanz der rechtsextremistischen Szene wächst. Sie tritt immer unverhohlener auf und sickert teilweise sogar in die Sicher­heitsbehörden ein.«

Historisches Gedächtnis

Wie hat es so weit kommen können in einem Land, dessen Vergangenheit kultu­relle Größen antifaschistischer Dichter und Denker hervorgebracht hatte – und das im Holocaust die niedrigsten Instinkte menschlichen Handelns mobilisiert hat und in der Barbarei des faschistischen Massen­mords unterging? »Meine These: Bevor der Rechtsextremismus die Mitte der Gesell­schaft erreicht hat, kam er aus der Mitte des Staates. Aus Teilen des Sicherheitsap­parates, der Bundeswehr, der Verwaltung«, schreibt Daniela Dahn. »Der Antifaschismus war in der Bundesrepublik nie Staatsraison. Die Hauptverantwortung für das Erstarken des Rechtsextremismus im Osten trägt die politische Klasse im Westen. Ihr antikom­munistisches Rollback hat darüber hinaus ganz Deutschland erfasst – und im Verbund mit Gleichgesinnten weite Teile Europas.« (131) Die Geschichte des Anschlusses der DDR ist eine Geschichte der Demütigungen, einer tätigen Verachtung ihrer Kultur, Lite­ratur, Wirtschaft und sozialen Infrastruk­tur, die immer weiter fortwirkt.

Dahns ausholende Betrachtungen der deutschen Geschichte wie etwa der »nie aufgearbeitete Jahrhundertbruch der Arbeiterparteien« zeigt versäumte Mög­lichkeiten auf und macht nicht wahrge­nommene Weggabelungen sichtbar. Noch vor der Wende war im heute verfemten SPD-SED-Grundsatzpapier 1987 die Bereit­schaft vorhanden, eine Bilanz beider Sys­teme von Gelungenem und Nicht-Gelunge­nem zu ziehen und weiterzuentwickeln. »Doch plötzlich und unerwartet stand die SPD auf Seiten des Siegers der Geschichte.« (62) Viele fortschrittliche Gesetze der Ex-DDR wurden gecancelt, am § 218 wäre die deutsche Einheit beinahe gescheitert und DDR-Frauen mussten die Einschränkung des Selbstbestimmungsrechts über ihren Körper hinnehmen. »Der Osten wurde zur schlechten Kopie des Westens« gemacht, überholte Machtstrukturen wurden restau­riert und das verhängnisvolle Prinzip »Rückgabe vor Entschädigung« hat die Hälfte der DDR-Bevölkerung bezüglich Rückgabe von Wohnhäusern und Grundstü­cken in einem jahrelangen existenziellen Nervenkrieg gefangen gehalten.

Die Einheit – eine Abrechnung ist ein emotionales Buch, das den Bogen weit in die heutige Welt internationaler Raubzüge des Kapitalismus mit ihren sozialen Ver­werfungen und reaktionären, rechtsextre­men Auswüchsen spannt. Die Quittung für soziale Kälte und politisches Versagen ist die AfD, sagt Daniela Dahn, die damals selbst am Runden Tisch der Bürgerbewe­gung »Demokratischer Aufbruch« saß, den sie mit Rainer Eppelmann und anderen mit­begründet hatte. Ihre Schilderungen beein­drucken durch Detailreichtum, Faktenwis­sen und eine klare Sprache, die nichts beschönigt, ich würde sagen: eine Pflicht­lektüre für alle, die dem Phänomen Rechts­entwicklung und Radikalisierung auf die Spur kommen möchten.

Daniela Dahn: »Der Schnee von gestern ist die Sintflut von mor­gen. Die Einheit – Eine Abrechnung«. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Oktober 2019, 14,40 Euro

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Gelesen 195 mal Letzte Änderung am Montag, 11 November 2019 18:15
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