14 Oktober

Mainstream-Ökonomie – eine Unwissenschaft?

von

Bestimmt ist es mittlerweile allen Ökonominnen und Ökonomen klar geworden, dass man mit den weitverbreiteten Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften keinen Staat mehr machen kann.

Überraschender Weise gibt es bis heute kaum eine wissenschaftliche Aufarbei­tung und Korrektur dieser unrühmlichen Disziplin, die sich in weltfremde Spekulationen oder in esoterische Spielereien verstrickt hat.

Von PETER FLEISSNER.

Wie schon Marx erkannt hat, ist eine bedeutende Ursache der Probleme mit der Wirklichkeit die ideologische Ver­bundenheit der WissenschaftlerInnen mit dem herrschenden Wirtschaftssystem, dem Kapitalismus. Die wirtschaftspolitischen Konzepte, die sie vertreten, haben gerade in den letzten Jahrzehnten zu immer grö­ßerer sozialer Ungleichheit zulasten der Ärmeren einerseits, andererseits zum Kaputtsparen ganzer Staaten geführt. Den Ländern der Eurozone haben die gängigen ökonomischen Theorien und deren politi­sche Umsetzung ein Jahrzehnt wirtschaftli­cher Stagnation beschert1. Die Arbeitslo­senquoten der Jungen zwischen 15 und 24 Jahren sind in Griechenland, Spanien und Italien unmenschlich hoch. Sie liegen zwi­schen 25 und 40 Prozent2, und die Wirt­schaftsleistung dieser Länder ist immer noch niedriger als vor der Krise von 2008, die überdies von fast niemandem erwartet wurde.3 In Österreich haben immerhin der »paläoliberale« Universitätsprofessor Erich Streissler und der Wirtschaftsforscher Ste­phan Schulmeister die große Krise kommen sehen.

Angesichts des Versagens einer für die Menschen so wichtigen Wissenschaft hat sich der deutsche Ökonom Klaus Müller die Frage gestellt, wie es den Wirtschaftswis­senschaftlerInnen gelingt, so viele Jahre lang falsche Konzepte zu vertreten. In sei­nem neulich erschienenen Buch »Auf Abwegen – Von der Kunst der Ökonomen, sich selbst zu täuschen«4 zeigt er anhand vieler Beispiele auf, wie es zu dieser massi­ven Selbsttäuschung der WissenschaftlerIn­nen kommt. Dabei hat ihm das Studium der Schriften von Marx und Engels die Hand geführt, wobei er einerseits belegt, welche unpassenden Methoden die mainstream-ÖkonomInnen verwenden und welche pro­blematischen Thesen sie vertreten. Ande­rerseits versucht er auch ein Stück weit, eine durch Marx inspirierte Alternative zu formulieren.

Druck auf Abweichler

Ein erster gewichtiger Grund für das Ver­treten falscher Positionen der ÖkonomIn­nen stammt aus dem Umfeld, in dem sie arbeiten. »Heute müssen die Gelehrten, anders als im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, nicht mehr um Leib und Leben fürchten. Aber Ökonomen, die vom Main­stream ihres Faches abweichen, haben mas­sive Probleme zu publizieren, werden igno­riert und sind faktisch ohne Chancen auf eine akademische Karriere« (11).

Es ist auch nicht verwunderlich, dass WirtschaftswissenschaftlerInnen mit einer bestimmten Sichtweise an die Wirtschaft herangehen. In der Vergangenheit gehör­ten sie allein durch die Möglichkeit eines akademischen Studiums den gehobenen Schichten an. Daher blieb ihr Interesse gering, sich in ihrer Wissenschaft auf die Seite der ausgebeuteten Menschen zu stel­len. Wer, wie Marx und Engels, dies den­noch getan hat, wurde mit Verachtung, aber auch Verleumdung und Vertreibung bestraft.

Leider sind überdies Eitelkeit, Selbstbe­stätigung, Standesdünkel, der Wunsch, den eigenen Status aufrechtzuerhalten usw. weit verbreitete Eigenschaften von Wissen­schaftlerInnen, die ihre Sicht auf die öko­nomische Wirklichkeit verstellen oder ver­zerren. Kritik von außen gleitet dann oft an den psychologischen Panzerungen der For­scherInnen ab.

Die Wirtschaft: Ein komplexes dynamisches System

Die Schwierigkeit, Wirtschaft zu verstehen, liegt allerdings nicht nur an der menschli­chen Unvollkommenheit. Auch der Gegen­stand der Wissenschaft, die Ökonomie selbst, hat ihre Tücken. Während in den Naturwissenschaften die Natur als von den ewig gleichen Gesetzen regiert erscheint, ist die Wirtschaft ein höchst komplexer Bereich, der vom Einfluss widersprüchli­cher Interessen geformt wird, von Men­schen, die ihre Praktiken im Lauf der Geschichte verändern, neue Technologien erzeugen und die Arbeitsorganisation umstellen. Unser Wirtschaftssystem lässt sich auch nur schwer neutral betrachten, da es sich dabei um eine Maschinerie han­delt, die ihre TeilnehmerInnen höchst unterschiedlich behandelt, manche bevor­zugt, jedoch andere (die Mehrheit) am Rand des Existenzminimums hält. Und der Einfluss des Wirtschaftens hört nicht bei den Menschen auf, er setzt sich in der Natur fort. Immer mehr hat die menschli­che Wirtschaftstätigkeit Einfluss auf das Klima, die Rohstoffe, das Artensterben, die Umweltverschmutzung in den unterschied­lichsten Formen.

Welche methodischen Fehler machen die mainstream-ÖkonomInnen häufig? Müller zählt eine lange Liste auf, aus der ich nur einige herausgreife:

  • Das Gesamtsystem wird auf (womöglich unrichtige) Teilzusammenhänge redu­ziert. Beispiel: die Politik ist schuld, die Wirtschaft würde ohne staatlichen Ein­griff problemlos funktionieren.
  • Einzelinteressen und Allgemeininteresse werden oft nicht unterschieden: Verrin­gert ein Unternehmen die Löhne seiner Beschäftigten, kann tatsächlich der Gewinn erhöht werden. Machen dies aber alle, wird der Umsatz einbrechen, da die Kaufkraft geringer wird.
  • Die mainstream-Wissenschaftler untersu­chen nur die Oberfläche, die Erscheinung, das Beobachtbare, und vernachlässigen das Wesen. Beispiel: Sie sehen zwar den Preis einer Ware, fragen aber nicht nach den Menschen, die für ihre Herstellung arbeiten müssen. Daher kommen sie auch zum Schluss, dass Geld selbst arbeite. Man brauche es nur anzulegen (wenn man es hat) und es vermehre sich auto­matisch.
  • Die gespenstische Konstruktion des »homo oeconomicus«, der angeblich zur Maximierung seines Vorteils völlig ratio­nal entscheidet, wenden sie nicht nur auf ökonomische Bereiche wie Märkte und Unternehmen an, sondern auch immer mehr auf menschliche Beziehungen wie Heiraten oder Freundschaft.
  • Sie nehmen die Eigentumsverhältnisse als gegeben hin und stellen sie nicht in einen geschichtlichen Zusammenhang. Beispiel: Der Profit ist die Entlohnung für unternehmerische Tätigkeit, der Zins ist
  • der Preis für geliehenes Geld, die Pacht der Preis für Grund und Boden, die Miete ist das Entgelt für die Nutzung einer Wohnung. Vernachlässigt wird, zu fra­gen, wie jemand überhaupt in die Lage versetzt wird, ein Unternehmen, Geld, eine Wohnung oder ein Grundstück in seinem Besitz zu haben, um es anderen zur Verfügung stellen zu können.
  • Sie nehmen es mit der Begriffsbildung nicht genau, etwa beim Kapitalbegriff: bei mainstream-ÖkonomInnen (wie auch bei Piketty) gilt das Vermögen einer Person oder einer Institution in stofflicher oder finanzieller Form als Kapital, während bei Marx Geld, Grund und Boden, Produk­tionsmittel, Vorleistungen oder Arbeits­kräfte nur dann zu Kapital werden, wenn letztlich damit Profit gemacht wird.
  • Besonders der Begriff der Ware wird oberflächlich definiert. Während sich die zeitgenössischen Wirtschaftswissen­schaftlerInnen mit den Begriffen Güter und Dienstleistungen begnügen, denen am Markt durch Angebot und Nachfrage ein Preis zugeteilt wird, geht die Analyse von Marx wesentlich tiefer. Er nützt Ein­sichten aus der Antike (Aristoteles) und der klassischen Ökonomie (Adam Smith), um den Doppelcharakter der Ware als Gebrauchs- und Tauschwert herauszuar­beiten, dem zwei Aspekte der menschli­chen Arbeit entsprechen, konkrete und abstrakte Arbeit. Die (konkrete) Arbeit eines Schusters erzeugt Schuhe, bei der abstrakten Arbeit wird von allen spezifi­schen Eigenschaften abgesehen außer von der geleisteten Arbeitszeit. Geld kann gegen alle Waren getauscht werden und wird dabei zum Ausdruck des Tausch­werts schlechthin.
  • Die mainstream-Ökonomie leitet die Preise nicht aus der Arbeit ab, sondern aus der persönlichen Nützlichkeit, die ein Ding für seine Konsumentin/seinen Nut­zer besitzt. Dadurch handelt sie sich aber große Schwierigkeiten bei der Messbar­keit des Nutzens ein, denn mit welcher Maßeinheit soll die Nützlichkeit von bei­spielsweise Computern und Äpfeln mitei­nander verglichen werden?

Mathematik – ja oder nein?

In Müllers Buch finden sich viele weitere Beispiele, die aufzeigen, dass die derzeitige mainstream-Ökonomie voll von unsinni­gen Behauptungen, Widersprüchen und falschen Vorhersagen ist. Als Sozialkyber­netiker teile ich allerdings seine Kritik an der Verwendung von mathematischen Modellen in der Ökonomie nicht. Ich stimme ihm zwar zu, dass die Kunst der Modellbildung darin besteht, »die wesent­lichen Beziehungen zu erfassen und sie zu analysieren, (aber) abzusehen von zufälli­gen und unwesentlichen Zusammenhän­gen« (311). Aber welche Beziehungen sind denn wesentlich? Die Antwort darauf setzt langwierige wissenschaftliche Forschung voraus. Müller meint, es wäre ein Irrweg, eine komplexere Welt mit stets komplexe­ren Modellen erfassen zu wollen. Aber wäre es erfolgreicher, eine immer komple­xere Wirtschaft in simplen mathemati­schen Gleichungen abzubilden zu wollen? Irgendwann muss sich eine Wissenschaft, die sich zu Recht so nennen darf, einen Test an der ökonomischen Wirklichkeit gefallen lassen. Das gilt natürlich auch für marxistische Theorien. In den »Erinnerun­gen« von Paul Lafargue, Marx‘ Schwieger­sohn, liest man die Zeilen: »In der höheren Mathematik fand er (Marx) die dialekti­sche Bewegung in ihrer logischsten und zugleich einfachsten Form, wieder; seiner Meinung nach war auch eine Wissenschaft erst dann wirklich entwickelt, wenn sie dahin gelangt war, sich der Mathematik bedienen zu können.«5 Es wird noch viel Arbeit kosten, bis eine heterodoxe und an Marx orientierte Wirt­schaftswissenschaft so weit ist.

1 https://leedsbeckett.ac.uk/blogs/leeds-business-school/2018/04/secular-stagnation-and-imbalances-in-the-eurozone/

2 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/74795/umfrage/jugendarbeitslosigkeit-in-europa/

3 Dies ist allerdings keine große Neuigkeit. Ich habe im Jahr 1980 eine Untersuchung über die Qualität der Wirtschafts­prognosen in Österreich veröffentlicht, die zeigte, dass in den 1970er Jahren die Prognosen der beiden Forschungsinstitute WIFO und IHS genauso gut waren wie wenn man die Ergeb­nisse erwürfelt hätte. Wie durch ein Wunder war die Überein­stimmung zwischen den Prognosen der beiden »unabhängi­gen« Institute sehr hoch (siehe Fleissner, P., Wirtschaftsprog­nosen zwischen Orakel, Politik und Wissenschaft. In: Wirt­schaftspolitische Blätter, September/Oktober 1980, S. 37–49.).

4 Papyrossa Verlag, Köln 2019

5 https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lafargue/1890/09/marx.htm

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Gelesen 283 mal Letzte Änderung am Samstag, 19 Oktober 2019 10:26
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