14 Oktober

Das kategorische Nein

von

Erwin Riess’ jüngster Roman erzählt davon, dass Drangsalierte ihre Opferrollen ablegen und zu politischen Subjekten werden.

VON FRANZ FEND.

» Lasst, die ihr hier eintretet, alle Hoff­nung fahren!«, dieser Spruch Dantes über dem Eingang in dessen Inferno könnte gut auch über den Eingängen von Einrichtungen und Heimen stehen, in wel­chen behinderte Menschen in ganz Europa untergebracht sind. Sie sind es, denen am übelsten mitgespielt wurde beim neolibe­ral-autoritären Umbau Europas. Die Taktik der Herrschenden ist seit langem bekannt, wurde immer wieder praktiziert und zeigt eine stupende Wirkung: Zuerst werden die Allerschwächsten einer Gesellschaft nie­dergemacht, jene, die nicht den Verwer­tungserfordernissen des realen Kapitalis­mus entsprechen, Geflüchtete oder Behin­derte zumeist. Dann kommt die nächste Gruppe dran, die Alten oder die Arbeitslo­sen. Gesellschaftliche Errungenschaften, die den ärmeren Bevölkerungsgruppen ein halbwegs erträgliches Auskommen ermöglichten, werden sukzessive abge­schafft, meist unter dem Jubel jener, die noch nicht davon betroffen sind. Die Sozi­alpolitik wird ersetzt durch ein stände­staatliches Armen- und Fürsorgewesen, das statt gesetzlich garantierten Leistun­gen Schikanen, Drohungen und Demüti­gungen bereithält. Die Staaten Europa sind unterschiedlich weit auf dem Weg der Umwandlung der bürgerlichen Demokra­tien in autoritäre Systeme mit christlicher Prägung und antisozialer, rassistischer und nationalistischer Grundierung. Der Ort, der für die unteren Klassen – so sie sich nicht unterwerfen – vorgesehen ist, ist das Gefängnis. Der Prozess des Aussor­tierens, der Selektion ist voll im Gange. Das Gefängnis, die Herrschenden scheuen sich nicht, es zu betonen, ist erst der Anfang.

Randständige werden zu Aufständigen

Vor diesem politischen und gesellschaftli­chen Hintergrund handelt Erwin Riess’ neuer Roman »Herr Groll und die Donau­piraten«. Groll, der Protagonist und Ich-Erzähler, wartet, wie wir es kennen, mit einer trefflichen Analyse der Lage auf. Diese fällt, im Unterschied zu früheren Romanen, keineswegs sarkastisch oder gar ironisch aus. Zu sehr hat sich die Lage in Europa gewandelt. »Der große europäi­sche Umbau kennt zwei Sieger: die Groß- und Finanzindustrie sowie ein weit rechts stehendes Parteienbiotop, das große Gruppen der subalternen Klassen und kleinbürgerliche Schichten aufsaugt und radikalisiert. Die einen scheffeln Rekord­gewinne, die anderen schwindelerregende Zuwächse bei den Wahlen.« Es regieren »zwielichtige Figuren, alerte Blender, rachsüchtige Studienabbrecher, ausge­buffte Halunken und Schlägertypen«, wel­che mittels Hetze gegen Minderheiten, Hass auf Andersartige, bis zur Hysterie geschürte Ängste sämtliche zivilisatori­schen Standards und soziale Sicherheiten niederreißen. Vor allem behinderte Men­schen, Geflüchtete und Armutsreisenden sind der Gewalt der neuen Herren ausge­setzt.

Groll sucht im Auftrag seines New Yor­ker Freundes Mister Giordano nach einer Gruppe von Jugendlichen, die getarnt als Zirkustruppe aus Europa zu flüchten gezwungen sind. Es habe sich, so Gior­dano, im östlichen Donauraum eine soziale Revolte entwickelt, Randständige aller Art, zumeist Jugendliche, würden plündernd und brandschatzend durch die Lande ziehen, um herrschaftliche Einrich­tungen wie Gerichte, Gefängnisse, Polizei­stationen, aber auch Behindertenheime anzugreifen. Es kam vor, dass ungarische Jobbik-Bürgermeister vor den Augen der Verwandtschaft in ihrem Auto abgefa­ckelt wurden. Unter den Aufständischen hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass ducken und stillhalten keine Option mehr sei. Dass es an der Zeit sei, die Opfer-Rolle abzulegen und zum Handeln überzuge­hen. Diese Einsicht setzte voraus, dass in Zeiten des aufstrebenden Faschismus, in Zeiten des eliminatorischen Krieges der Herrschenden gegen die unteren Klassen und gegen alles »Volksfremde« ein Hoffen auf Besserung aussichtslos ist, im Gegen­teil, der Faschismus vor allem durch Still­halten seiner GegnerInnen nur an Stärke gewinnt. Es setzte ein kategorisches und praktisches Nein zu den herrschenden Verhältnissen voraus. Wenn man so will, ist das vielleicht das Thema des Romans, die grundsätzliche Weigerung, sich auch nur in der geringsten Weise mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu arrangieren.

Gehetzt vom heimattümelnden Mob

Groll, der eine der widerständigen Grup­pen bald gefunden hat und sich ihr anschließt, wird dadurch selber zum Gejagten. Die Zirkustruppe beabsichtigt, sich donauaufwärts nach Österreich und später über einen Adriahafen nach Nord­afrika durchzuschlagen. Vom Medien-Mob zu Verbrechern gestempelt, werden sie von Polizei, Militär, ungarischen Faschisten, österreichischen Heimwehr­lern verfolgt. Unterstützung erhalten die Flüchtigen, das ist ebenfalls ein bemer­kenswerter Aspekt des Romans, von Ver­treterInnen des Kulturlebens. In Ungarn ist es ein ehemaliger Schauspieler und Fernseh-Publikumsliebling aus der Zeit, als das Land noch Volksrepublik Ungarn hieß, und in Österreich sind es Mitarbei­terInnen des Stieglerhauses in der Süd­weststeiermark. Dort kommt es schließ­lich zur finalen Schlacht zwischen der dortigen völkischen Heimwehr und den Flüchtigen. Das Stieglerhaus wird verwüs­tet, der Angriff jedoch zurückgeschlagen. Hilfe, die Flucht fortsetzen zu können, kommt von unerwarteter Seite.

Der komplex gebaute Roman bezieht seine Spannung von einer vielschichtigen Erzählstruktur, die da besteht aus dem Logbuch des Cornel Vanators, des Anfüh­rers der aufständigen Zirkustruppe, dem Bericht von Groll und der E-Mail-Korres­pondenz von Giordano und Grolls Freund, dem Dozenten. Riess besticht auch in diesem Roman durch eine unglaubliche Fülle von historischen, wirtschaftlichen, politischen und kultu­rellen Fakten, die gekonnt in die Roman­handlung eingeflochten werden. Der neue Riess ist der Roman zu den politi­schen Verwerfungen, welche Europa gegenwärtig erschüttern. Er ist auch ein Roman, der zeigt, dass diese Episode nicht mit Ducken und Durchtauchen zu bewältigen ist. Denn die Kräfte, die nun das Sagen haben, sind von einem missio­narischen Eifer und einem terminatori­schen Furor getrieben.

Erwin Riess: Herr Groll und die Donaupiraten. Roman, Salzburg: Otto Müller Verlag 2019, 302 Seiten, 23 Euro.

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Gelesen 261 mal Letzte Änderung am Samstag, 19 Oktober 2019 10:28
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