14 Oktober

Beim Einkaufen die Welt verändern?

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Geht es nach Ökonom*innen oder Agrarpolitiker*innen, kann jeder und jede von uns die Welt zu einem besseren Ort machen, wenn man im Supermarktregal zu den richti­gen Produkten greift. Ist das wirklich so und was wäre notwendig, dass es so ist, fragt

Von JULIANNA FEHLINGER.

Bio sollen die Lebensmittel sein und aus regionaler Herkunft, oder sie sollten ein Fair Trade Siegel tragen. Jene, die es sich leisten können, werden damit zu Ret­ter*innen des Planeten, und die anderen – eben nicht. Wie kritischer Konsum dennoch wichtige Schritte setzen kann, um unsere Welt zu verändern, soll im Folgenden anhand von einigen Beispielen diskutiert werden.

Wieso soll ich jetzt alleine für die Rettung der Welt Verantwortung übernehmen, dafür mehr bezahlen und am Ende nicht einmal sicher sein, ob das Geld bei den Bau­ern und Bäuerinnen ankommt? Mit diesen Fragen müssen sich Konsument*innen kon­frontieren, wenn sie es satthaben, dass sich politisch nichts bewegt und sie dennoch ihren Beitrag durch bewussten Einkauf leis­ten wollen.

Probleme sind nur gemeinsam zu lösen

Auch Bauern und Bäuerinnen stecken in einer widersprüchlichen Situation. Trotz des Trends zu mehr Bio und regionalem Konsum sperren alleine in Österreich immer noch sieben Betriebe pro Tag zu. Auch für einen Bio-Betrieb bleibt am Ende des Jahres oft zu wenig über, um ein ent­sprechendes Einkommen für die geleistete Arbeit zu erhalten. Die kleinen Betriebe sind vom Druck des Wachsens oder Wei­chens besonders betroffen. Hinzu kommt das mulmige Gefühl, dass bald die nächste Auflage kommt, die man am Betrieb nicht mehr erfüllen kann. Oder man wird aus anderen Gründen ausgetauscht, weil bei­spielsweise einfach zu viel Milch am Markt ist, oder die Supermarktketten ihr eigenes Gemüse herstellen lassen. Gestaltungsspiel­raum für Produkte und Preise zu erlangen, ist in der Landwirtschaft kaum möglich.

Dass wir diese Probleme nicht individuell beheben können, erscheint völlig klar und einleuchtend. Dennoch wird die individu­elle Entscheidung, anders einzukaufen, immer noch als zentrale Lösungsstrategie für beinahe jedes Problem in der Landwirt­schaft verkauft – vom Klimaschutz bis zum Bauernsterben: die Konsument*innen sol­len entscheiden. Aktuell soll nun auch in der Gastronomie eine Herkunftskennzeich­nung eingeführt werden – eine sinnvolle Initiative, die jedoch nichts daran ändert, dass die Verantwortung für die Rettung der Welt auf das Geldbörsel jedes Einzelnen abgeschoben wird.

Zusammenarbeit zwischen Berg und Stadt

Bereits mit dem Beginn der Bio-Bewegung haben Produzent*innen erkannt, dass die Kooperation mit Konsument*innen der Schlüssel zum Erfolg ist, wie auch die Zusammenarbeit mit Berufskolleg*innen. Ein leuchtendes Beispiel dafür ist die Bersta, die bis heute wichtige Händlerin von bäuerlichen Produkten aus dem Wald­viertel. Bergbauern und -bäuerinnen und Handwerker*innen aus dem Waldviertel reichten kritischen Konsument*innen aus Wien die Hand und gründeten bereits 1979, mit Unterstützung der ÖBV, ein Netzwerk zwischen Berg und Stadt (Bersta). Durch die Ausschaltung des Zwischenhandels soll­ten den Erzeuger*innen ein gerechtes Ein­kommen und den Konsument*innen quali­tativ hochwertige Produkte zu erschwingli­chen Preisen zugänglich gemacht werden. Es gelang nur teilweise, die hochgesteckten Ziele zu verwirklichen. Mit der Durchset­zung von Bioprodukten in den Supermarkt­ketten und die einfache Verfügbarkeit für die Konsument*innen gerieten Kooperatio­nen wie die Bersta ins Hintertreffen.

Konsum abseits der Supermarktketten: Food Coops und Solidarische Landwirtschaft

Ein neuer Schwung der Selbstorganisation von kritischen Konsument*innen gelang in den letzten zehn Jahren durch Einkaufsge­meinschaften (Food Coops). Über Online-Bestellsysteme kann direkt bei Produzent* innen bestellt werden, die Produkte werden anschließend in ein gemeinsames Lager der Food Coop geliefert und von den Mitglie­dern selbst abgeholt. Dadurch haben die Produzent*innen eine garantierte Abnahme und eine gebündelte Bestellung. Food Coops verlangen ein hohes Engagement der Einkäufer*innen und fördern auch eine aktive Auseinandersetzung mit der Situa­tion der landwirtschaftlichen Betriebe. Ein noch engeres System des Austauschs zwi­schen den Höfen und ihren Abnehmer* innen konnte die Projekte solidarischer Landwirtschaft in den letzten Jahren etab­lieren. Hier werden die Konsument*innen in die Planung am Hof mit eingebunden und beteiligen sich am finanziellen Risiko des jeweiligen Betriebs.

Partizipation und Kooperation im Supermarkt

Die Welt des Einkaufens durch kooperative und partizipative Supermärkte zu verän­dern, ist in Österreich noch weitgehen unbekannt, bringt jedoch neue soziale und ökonomische Lösungsansätze mit sich. Das Modell hat sich in den USA entwickelt, in den letzten Jahren haben auch in einigen Städten in Europa solche Supermärkte eröffnet. So beispielsweise die Kooperative »La Louve« aus Paris. Gutes Essen für alle zu Verfügung zu stellen, ist auch das Ziel für diese Art der kooperativen und partizi­pativen Projekte – sie zeigen, wie »alle« ernst gemeint werden könnte. Ihre Struk­tur ist darauf ausgelegt, kein Club von »guten Einkäufer*innen« zu sein, sondern möglichst vielen Menschen eines Stadtvier­tels zu ermöglichen, mehr regionale, gesunde und biologische Produkte einzu­kaufen. Für sie ist wichtig, dass jeder und jede willkommen ist und der Einkaufskorb von allen ein Stück in Richtung Nachhaltig­keit verschoben werden kann. Ihr Modell ist eine Antwort auf die Beobachtung, dass vorwiegend gut situierte Konsument*innen in Läden einkaufen, die nur biologische und regionale Produkte anbieten und damit auch höhere Preise haben. Ihr Modell baut aber auch auf der Erfahrung vieler Food Coops auf, dass von den Mitgliedern ein hohes Engagement und viel Zeit vorausge­setzt werden und Food Coops damit nur für eine ausgewählte Gruppe zugänglich sind.

Wie genau funktioniert ein kooperativer und partizipativer Supermarkt?

»La Louve«, der partizipative und koopera­tive Supermarkt aus Paris, bietet seinen Mitgliedern ein breites Sortiment an, ähn­lich wie in einem herkömmlichen Super­markt. Alle Waren des täglichen Bedarfs sind ohne Vorbestellung erhältlich und können aus den Regalen genommen wer­den. Voraussetzung für den Einkauf ist nur eine Mitgliedschaft, die sich nach der Höhe des Einkommens richtet und sich zwischen zehn bis 200 Euro bewegt. Jedes Mitglied muss jedoch drei Stunden im Monat im Laden mitarbeiten und kann sich auch nicht durch einen höheren Beitrag davon »freikaufen«. Die Arbeitseinsätze sind in fixen Teams organisiert, wodurch jedes Mitglied seine Fähigkeiten optimal einbrin­gen und sich gleichzeitig mit anderen Mit­gliedern austauschen kann. Bei »La Louve« organisieren nur acht hauptangestellte Mitarbeiter*innen einen Supermarkt für über 5.000 Mitglieder. Die große Schwester von »La Louve«, »Park Slope« aus New York, ist bereits auf 17.000 Mitglieder ange­wachsen.

Die angebotenen Produkte reichen von konventionell bis biologisch, von Übersee bis regional und werden nach den Kriterien Bio, Regionalität, Gesundheit, Fair Trade, Geschmack aber eben auch dem Preis aus­gewählt. Durch die niedrigen Ausgaben für Löhne gelingt es, dass zum Beispiel biologi­sches Gemüse günstiger angeboten werden kann als konventionelle Ware im Super­markt nebenan. Damit steigt die Motivation für jene, die aufs Geld schauen müssen, ihre Konsummuster zu verändern, ohne den moralischen Zeigefinger zu heben. Für »La Louve« steht die Zusammenarbeit und Teil­habe an erster Stelle. Als Standort haben sie daher ein Stadtviertel gewählt, in dem bürgerliche wie proletarische Menschen leben. Das Modell ist keine Lösung für alle Probleme in der Landwirtschaft, ist jedoch ein wichtiger Puzzlestein in der Landkarte der Versuchslabors für ein Wirtschaften der Zukunft.

Solidarisch Ökonomie – Versuchslabor der Zukunft oder Werkzeug für soziale Transformation?

Gerade die Diskussion um die Vorherr­schaft von Bio-Eigenmarken der drei gro­ßen Supermarktketten (Ja!-Natürlich, Zurück zum Ursprung und Natur Pur), durch die Höfe austauschbar werden und die Abhän­gigkeit der bäuerlichen Betriebe und der Vermarktungsschienen in einem der drei Großen gelistet zu werden, zeigt uns über­deutlich, dass dringender Handlungsbedarf besteht!

Vor diesem Hintergrund ist es besonders fruchtbar, die Erfahrungen aus Erzeuger* innen-Verbraucher*innen-Initiativen und Food Coops neu zu lesen. Sie sind Versuchs­labore für eine solidarische Zukunft, die heute schon ermöglichen, neue Formen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit auszu­probieren. Auch kooperative Supermärkte oder Dorfgenossenschaften sind ein Ver­such, neue Lösungsstrategien für reale poli­tische Probleme zu entwickeln Gleichzeitig besteht ihr besonderer Wert in der Arbeit, die in sozialen Bewegungen eingebracht wird. Für viele Konsument*innen sind Food Coops oder eine Dorfgenossenschaft ein Ort, an dem sie beginnen, sich mit den Strukturen der Landwirtschaft zu befassen und Gleichgesinnte treffen, mit denen sie sich austauschen können und gemeinsam in der Bewegung für Ernährungssouveräni­tät aktiv werden.

Was Solidarische Ökonomien sind, wurde in Brasilien, das eine lange Geschichte mit diesen ökonomischen Konzepten hat, anhand folgender Merkmale beschrieben: sie leisten einen Beitrag zum Lebensunter­halt, strukturieren sich durch Selbstverwal­tung und Kooperation sowie durch solidari­sche Beziehungen zur Gesellschaft. Durch die Selbstverwaltung werden die Produkti­onsmittel im kollektiven Eigentum verwal­tet, Kooperation verweist auf egalitäre Strukturen der Entscheidungsfindung, und solidarische Beziehungen zur Gesellschaft können sich durch Mitwirken in überge­ordneten Verbänden oder Bewegungen auszeichnen. Wollen die bestehenden Pro­jekte ein Hebel sein, um die Welt zu verän­dern, werden sie sich auch an gesellschaft­lichen Auseinandersetzungen beteiligen müssen.

Vom 1. bis 3. November findet in der Tabakfabrik Linz die Tagung »Gutes Essen für alle – aber wie?« statt. Schwerpunkt der Tagung liegt auf regionalen Lebensmittel­netzwerken, wie sie in diesem Artikel beschrieben wurden. Ein­geladen sind Vertreter*innen von »La Louve«, »Ums Egg«, »IG Food Coops«. Alle Infos unter: http://www.ernährungssouveränität.at/Veranstaltung/programm-linz/

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Gelesen 247 mal Letzte Änderung am Samstag, 19 Oktober 2019 10:33
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