14 Oktober

Lebensmittel selbstbestimmt einkaufen

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Lagerräume von Foodcoops, oftmals in klei­nen Gassen- oder Souterrain-Lokalen, sind eigene kleine Universen. Hier gelten andere Spielregeln als draußen auf der Gasse, die Welt ist ein Stück weit in Ordnung.

Von FIONA STEINERT.

Am Tag, an dem die Frischware zu den Foodcoops geliefert wird, stehen Fahr­räder vor der Tür, Menschen mit Rucksä­cken und Einkaufstrollies suchen sich aus Gemüsekisten ihre Bestellungen zusammen. Statt Einkaufswagen, Supermarktkasse und Bonuspunktecards gibt es Waagen, mitge­brachte Behälter und Taschenrechner. Die Produktpallette reicht von Frischgemüse und -obst über verschiedenste Getreidesor­ten, Milchprodukte, Tee und zapatistischen Kaffee bis zu Bier und Säften. Manche Food­coops haben Fleisch im Repertoire, andere nicht, einige sind vegan ausgerichtet. Zwei Mitglieder der Foodcoop haben die gelie­ferte Ware in Regale und Kühlschränke ein­geräumt, am Ende der Abholfrist wird ein weiteres Mitglied zusammenräumen und die Retourgläser für die Lieferant_innen her­richten. Andere kümmern sich um die Bestellung einzelner Produkte, um die Web­site zur internen Kommunikation oder die Aufnahme neuer Mitglieder. Einmal pro Monat wird beim Plenum über neue Pro­dukte, interne Abläufe oder notwendige Anschaffungen abgestimmt.

Kostenwahrheit und Transparenz

Klingt nach viel Aufwand für die Organisa­tion des alltäglichen Einkaufs. Aber so viel Aufwand bedeutet es wohl tatsächlich, wenn Kriterien wie Regionalität, biologischer Anbau und faire Arbeitsbedingungen umge­setzt sein wollen. Das Wissen um die Her­kunft der Dinge, die wir konsumieren, und der Bezug zu ihren Produzent_innen haben ihren (nicht ausschließlich monetären) Preis.1 In gewisser Weise geht es bei Food­coops um Kostenwahrheit – Transparenz über den Aufwand in der Produktion ebenso wie gesellschaftliche Wertschätzung der zeitlichen Ressourcen, die Kommunikation und Selbstorganisation in Anspruch neh­men. Was kosten Lebensmittel eigentlich, welcher Wert wird manueller Arbeit beige­messen und wofür sind Menschen bereit, Geld auszugeben? Es ist evident, dass dieses »kostenwahre« Konsumieren einen (u.a. zeitlichen) Luxus darstellt, den sich momen­tan nur wenige leisten können. So über­rascht es auch nicht, dass viele (städtische) Foodcoops in ihren Anfängen von Studie­renden geprägt waren und insgesamt eine tendenziell weiße, akademische Mittel­schichtserscheinung sind. Was beim selbst­bestimmten Essen anfängt, wird also schnell zu einer Frage von Verteilungsge­rechtigkeit im weiteren Sinn. Die Frage, wie (ökonomischer) Ausschluss der ärmeren Bevölkerung vermieden werden kann und die Debatte über Arbeitszeitverkürzung oder ein bedingungsloses Grundeinkom­men, um gesellschaftliche Teilhabe und die Möglichkeit zur Selbstorganisation sicher­zustellen, drehen sich konsequent gedacht um Rahmenbedingungen, die notwendig sind, um Selbstbestimmung beim Konsu­mieren realisierbar zu machen.

Solidarische Zusammenarbeit

Die Idee der Lebensmittelkooperative ist nicht neu. Den Einkauf von Lebensmitteln gemeinsam zu organisieren, geht auf die Konsumgenossenschaften des 19. Jahrhun­derts zurück, in denen sich als Maßnahme zur Selbsthilfe und -organisation in ganz Europa Arbeiter_innen »zur Beschaffung wohlfeiler Lebensmittel«2 zusammen­schlossen. Bestimmend war der Gedanke, Übervorteilungen im Zwischenhandel durch Direktbezug zu umgehen und durch die gemeinsame Abnahme größerer Men­gen zu billigeren Preisen zu kommen.3 Die wechselhafte Geschichte der österrei­chischen Konsumgenossenschaften endete 1995 bekanntlich in der Insolvenz des »Konsum«. Der Versuch, durch Zusammen­legung und zunehmende Kommerzialisie­rung mit der Konkurrenz am Einzelhan­delsmarkt mitzuhalten, scheiterte.

Als sich im Zuge des Aufkommens des Degrowth-Diskurses Anfang der 2000er Jahre im deutschsprachigen Raum Food­coops zusehends (wieder) verbreiteten, waren als wesentliche Komponenten der ökologische Grundsatz und die solidarische Zusammenarbeit mit kleinbäuerlichen Lebensmittelproduzent_innen dazu gekom­men. Die Städte mit Lebensmitteln aus dem unmittelbaren Umfeld versorgen und mehr Autonomie gegenüber der globalisierten Produktion erreichen zu können, ist eine der Motivationen der Foodcoop-Bewegung. Angesichts von aussterbenden Ortskernen und Supermarkthallen an den Ortsrändern stellt sich die Frage der regionalen Versor­gung aber genauso im ländlichen Raum. Das Konzept der Ernährungssouveränität im Sinne des unmittelbaren Bezugs zu den Quellen und von »Fairtrade« durch ange­messene Preise für die Arbeit der Produ­zent_innen finden damit eine Umsetzung im Lokalen.4

In Österreich ist die Foodcoop-Bewegung bislang vergleichsweise überschaubar. Nachdem 2007 mit dem »Bioparadeis« im Wiener 18. Bezirk die erste Foodcoop gegründet worden war, zeigt die Karte auf der Website der IG Foodcoops heute einen Stand von 74 Initiativen in ganz Österreich, knapp die Hälfte befinden sich in den Lan­deshauptstädten (25 davon in Wien), und die andere Hälfte im ländlichen bzw. klein­städtischen Raum5. Bei einer durchschnitt­lichen Mitgliederzahl von rund 50 Personen lässt sich also auf 3.500 bis 4.000 Menschen schließen, die sich auf diese Weise zumin­dest einen Teil ihres Lebensmitteleinkaufs organisieren. Darüber hinaus existieren andere Formen der Selbstorganisation wie Solidarische Landwirtschaft (auch Commu­nity Supported Agriculture/CSA genannt), bei der Konsument_innen Ernteanteile eines Hofes kaufen sowie genossen­schaftliche Dorfgeschäfte.6

Kooperation mit anderen

Vernetzung spielt eine wichtige Rolle zur Verbreitung des Konzepts. Seit 2017 hat sich der Großteil der österrei­chischen Foodcoops zu einer Dachorga­nisation, der Interessensgemeinschaft (IG) FoodCoops, zusammengefunden. Kooperation mit anderen einschlägigen Organisationen wie etwa mit ÖBV-Via Campesina, AgrarAttac, dem Forum für Ernährungssouveränität oder den der­zeit in Entstehung befindlichen Ernäh­rungsräten in verschiedenen österrei­chischen Städten sind essentiell, wenn der Anspruch, über den eigenen Konsum zur Veränderung des industrialisierten, konzerndominierten Ernährungssys­tems beizutragen, nicht im Lagerraum enden soll. Also müssen die Allianzen ihren Horizont auf darüber hinaus gehende emanzipatorische Bewegungen erweitern. Was Ulrich Brand für die Degrowth-Bewegung postuliert, lässt sich auch auf das Segment der Food­coops anwenden: Es wird notwendig sein, jene Deutung zu stärken, »die unauflöslich mit Fragen der Gerechtig­keit und mit zu verändernden Herr­schaftsverhältnissen verbunden ist. Andernfalls wird der Begriff […] zur radikalen, aber politisch folgenlosen Geste«7.

Damit die Verantwortung letztlich nicht bei den individuellen Konsument_ innen bleibt, heißt es also: Nach dem Einkaufen raus aus der heilen Welt des Foodcoop-Lagerraums und die Spielre­geln auf der Gasse neu schreiben.

1 Anzumerken ist an dieser Stelle, dass Produkte in Foodcoops nicht zwangsweise teurer sind als das vergleichbare Bioangebot im Supermarkt – im Gegenteil: Durch das Wegfallen von Gewinnspan­nen im Zwischenhandel und die Abnahme größerer Mengen als Gruppe bieten viele Produzent_innen Foodcoops Rabatte an.

2 Als erster österreichischer Konsumverein wurde 1856 der »Wechselseitige Unterstützungsverein der Teesdorfer Spinn­fabriksarbeiter zur Beschaffung wohlfeiler Lebensmittel« in Niederösterreich gegründet. http://www.dasrotewien.at/seite/konsumgenossenschaften

3 Mehr zum Vergleich von Foodcoops und Konsumgenossen­schaften in Lena Drazic, Ulrike Jaklin, Christof Lammer: Food Coops. Das nächste Kapitel der Konsumgenossenschaftsbewe­gung in Österreich? In: PolitiX 32, 2012, S. 32-35

4 vgl. auch IG FoodCoops: Erfolgsgeschichte FoodCoops? In: ÖBV-Via Campesina & AgrarAttac: Die Zeit ist reif für Ernäh­rungssouveränität! 3. Auflage, April 2018, S. 28-29

5 https://foodcoops.at/

6 https://ums-egg.at/

7 Ulrich Brand: Degrowth: Der Beginn einer Bewegung? In: Blätter für deutsche und internationale Politik 10/2014, S. 32. https://www.degrowth.info/wp-content/uploads/ 2014/08/bran1014.pdf

Fiona Steinert hat in den Bereichen Community Medien und Menschenrechtsforschung gearbei­tet. Sie ist Mitglied in einer Wiener Foodcoop und beschäftigt sich dzt. im Rahmen des Wiener Ernährungsrats mit StadtLandwirtschaft und Raumplanung.

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Gelesen 229 mal Letzte Änderung am Samstag, 19 Oktober 2019 10:34
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