26 August

KLIMAKRISE UND KAPITALISMUSKRITIK II: Prima Klima?

von

Wissenschaft, Moral und Dystopie statt politischer Entschlossenheit? Wie kann aus all den sattsam bekannten Fakten von Umweltzerstörung und Klima­erwärmung antikapitalistischer Widerstand entstehen?

HEIDE HAMMER

Greta Thunberg tritt in Wien auf, sie trifft den Papst, ihre Symbolkraft mobilisiert junge Leute auf der Suche nach einem politischen Handlungsfeld, das ganz konkret mit ihnen selbst und zugleich mit der ganzen Welt zu tun hat. Donna Leon sagt »Gebt Greta Thunberg den Nobelpreis. Die 16-jährige Schwedin setzt sich für die Menschheit ein. Ich habe ihre Rede vor dem englischen House of Commons im Fernsehen gesehen. Es war beeindruckend, sie spricht eloquenter Englisch als ich.« (TT-Magazin, 22.06.2019) Ihre Klugheit beeindruckt und zugleich muss die junge Frau hässliche Übergriffe auf Social Media Kanälen ertragen, vielfach Anfeindungen ihrer kindlichen Erscheinung. Doris Knecht erwähnt gleich zu Beginn ihrer Standard-Serie »Wie ich versuche, ein besserer Mensch zu werden …« die »Klimakriseni­kone« und setzt auf Protestantismus: »Wir brauchen viel mehr extrem schlechtes Gewissen, nagende, quälende Schuldge­fühle werden letztlich unser Bewusstsein ändern. Und in Folge unsere Einstellungen, unser Verhalten, unseren Lebensstil, unsere Konsumgewohnheiten.« (22./23. Juni 2019)

Wissenschaft und Widerstand

In Paris spricht Greta Thunberg Ende Juli vor der Nationalversammlung, den Konser­vativen und Rechtsextremen, die zum Boy­kott der Veranstaltung aufrufen, antwortet sie: »Wir sind nur Kinder. Sie müssen nicht auf uns hören. Aber Sie müssen auf die Wis­senschaftler hören. Und das ist alles, worum wir bitten.«

Dieser Glaube an die Wissenschaft, diese moralischen Appelle an die Vernunft sind zwar naheliegend, damit arbeitet z. B. auch der renommierte Journalist und Autor Nathaniel Rich in seinem viel zitierten Buch »Losing Earth«, in dem er auch Ken Caldeiras Methode vom Carnegie Institute for Science in Stanford referiert. Dieser pflegte seine Erstsemester nach dem »bedeutendsten wissenschaftlichen Durch­bruch in der Klimaphysik seit 1979« (S. 202f.) zu fragen und wollte damit etwas benannt wissen, was es nicht gibt. Neben einer Verfeinerung der Modelle und Simu­lationen wurde in den letzten Jahrzehnten nur sehr viel Geld in das Desavouieren wis­senschaftlicher Messungen und Ergeb­nisse gelenkt. Naheliegend auch, dass jene, die unvorstellbare Summen mit der Förderung, dem Verkauf und der Verwer­tung fossiler Brennstoffe verdienen, einen kleinen Teil zur nunmehr bereits leidlich bekannten Methode des Infragestellens und selbstverständlichen Nebeneinander­stellens von Aberglaube, wirren, aber behaupteten Mehrheitsmeinungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen ver­wenden. Rich appelliert an die nächste Generation, die qua »Kampf ums Überle­gen« (S. 230) den moralischen Imperativ zur Maxime erheben werde.

Die »Fridays for Future« schwänzen die Schule, ein Akt des Ungehorsams, der an sich schon wichtige Erfahrungen ermög­licht. Dabei entlehnen sie nicht nur ihre Rhetorik dem eigenen Erfahrungsraum und gemahnen PolitikerInnen daran, ihre Hausaufgaben zu machen, ihre Lernumge­bung begünstigt auch diesen uneinge­schränkten Glauben an die Wissenschaft. Was dabei fehlt, um den Druck auf die MachthaberInnen in Politik und Wirt­schaft zu erhöhen, ist eine Analyse der Kräfteverhältnisse und der Entschluss, die GegnerInnen zum Handeln zu zwingen. Wenn etwa der Flugverkehr als ein Verur­sacher von gestiegenen CO2 Emissionen identifiziert wird – auch wenn der damit verbundene Kerosinverbrauch nur für weltweit 5 Prozent des CO2 Ausstoßes ver­antwortlich ist, Österreich verzeichnete 2018 ein Plus von 12 Prozent – so wäre ein entschiedenes Vorgehen gegen den Bau der 3. Piste in Schwechat und auch die damit versprochenen 30.000 zusätzlichen Arbeitsplätze nötig. Wenn einige tausend Jugendliche am Pannenstreifen von Wien nach Schwechat gehen, dann wird sowohl der Druck auf PolitikerInnen als auch die Wahrscheinlichkeit von Repressionen erhöht.

Ein bisschen ist auch wieder 1984, durchaus dystopisch, und zumindest der ÖAAB ist uneingeschränkt froh über das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, den umstrittenen Bau zu genehmigen, während UmweltaktivistInnen wie »Sys­tem Change not Climate Change« ihren Protest damit suspendierten. Wenn man es aber ernst meint mit der massiven Bedrohung für das menschliche Leben auf diesem Planeten, dann müssen auch die ungleiche Verteilung dieser Bedrohung und deren VerursacherInnen benannt werden. Entlang kapitalistischer Grenzen können wir je nach Geschmack besseres Wetter und die immerzu klimaabhängige Landwirt­schaft eine Veränderung des möglichen Frucht- und Getreiderepertoires erwarten, während gerade jene, die bereits jetzt unter unmöglichen Verhältnissen zu leben oder zu flüchten versuchen, der unausweichli­che Tod durch Dürren oder dauerhafte Überschwemmung droht.

Wissen und Kapital

2014 veröffentlichte Naomi Klein »This Changes Everything. Capitalism vs. the Cli­mate«, seit 2015 liegt auch die Übersetzung unter dem Titel »Die Entscheidung. Kapita­lismus vs. Klima« vor. Darin stellt sie nach fünfjähriger Recherche durchaus die Machtfrage, um die Öl- und Gasindustrien als mächtigste AkteurInnen im globalen Kapitalismus zu benennen. Ihr ist auch nicht vorzuwerfen, die Wissenschaft als die Lösung für das Problem zu nominieren, denn schließlich sind Geo-Engineering ebenso wie UmweltaktivistInnen unter der Obhut von Ölkonzernen oder hierorts Grüne PolitikerInnen, die der Wirtschaft die Hand reichen wollen (Birgit Hebein ver­sus Martin Magulies – Kapitalismus tötet) auch Teil einer wohlinformierten Commu­nity. Das Phantasma mit E-Mobilität, deren Herstellung überaus ressourcenintensiv ist, den ganzen Krempel der Automobilindus­trie nochmal neu verkaufen zu können und damit auch noch ein gutes Gewissen zu ver­markten, muss wohl entschieden und radi­kal antikapitalistisch entgegengetreten werden.

Diesem ebenso wie den Green New Deal-Ansätzen liegt die durchaus naive Annahme zu Grunde, dass es lediglich vernünftiger Entscheidungen bedürfe, um den drecki­gen, todbringenden Kapitalismus gegen eine helle Version, wenn schon nicht zum Wohle aller, so zumindest zur Rettung der Umwelt austauschen zu können. Mit Marx aber gilt, dass der Effekt kapitalistischen Wirtschaftens mitnichten die bestmögliche Versorgung aller Menschen mit lebensnot­wendigen und zunehmend auch luxuriösen Gütern ist, sondern die Akkumulation von Kapital, das im Privateigentum liegt. Wer dabei ein »erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«, liegt auch auf der Hand: Einerseits die 99 Prozent, die Occupy immer wieder bemühte, aber andererseits doch z. B. die BewohnerInnen des Inselstaats Kiribati, das nicht nur eines der ärmsten Länder der Welt ist, sondern gesamt, d. h. mit allen 33 Korallatollen und Inseln, verteilt über eine Fläche im Südpazifik so groß wie die USA, wahrscheinlich noch in diesem Jahrhun­dert vom Ozean verschluckt werden wird. Dass Kiribati lediglich die drittniedrigsten Klimagasemissionen der Welt (pro Kopf der 118.000 EinwohnerInnen) aufweist, ver­wundert kaum und auch nicht, dass der Umwelt- und Wissenschaftsminister Kiriba­tis bereits 1989 bei der UN-Konferenz in Noordwijk (Forderung: Kohlendioxid-Emis­sionen bis zum Jahr 2000 auf dem Niveau von 1990 zu stabilisieren) auf die existen­zielle Bedrohung eines Anstiegs des Mee­resspiegels hingewiesen hat. Seit 1983 wird auf Kiribati diese Zunahme gemessen, es sind bis zu 5,7 mm pro Jahr.

Die existenzielle Bedrohung trifft also wiedermal die Anderen, und das gilt für die kapitalistische Gewaltförmigkeit mit allen rassistischen, sexistischen und nationalisti­schen Implikationen ebenso wie für die Vernichtung der unmittelbaren Lebens­grundlagen. Damit sich eine attraktive Jugendbewegung wie die »Fridays for Future« nicht nur durch Konferenzorgani­sation und die harmlose Überschreitung des Erlaubten etablieren, sind diese Ande­ren, die heute auf dem Weg durch die Wüste oder im Mittelmeer sterben ebenso zum eigenen und unmittelbaren Anliegen zu machen, wie die moderne Sklaverei auf den Baustellen, Haushalten oder am Sexar­beitsmarkt. Der Kapitalismus herrscht durch Spaltung, und plötzlich sind alle für eine CO2-Steuer, UmweltaktivistInnen, Wis­senschafterInnen wie Parteien und Vertre­terInnen von Wirtschaft und Industrie. Wem allein diese Allianz nicht zu denken gibt, der/die könnte auch mal nachlesen (Vgl. Schwerpunkt: System Change not Cli­mate Change. In: Marx 21 2/2019). Selbst wenn das »Preissignal« vom Markt beach­tet würde, die höheren Kosten also zur Ver­ringerung der Emissionen beitragen könn­ten, wird das Signal durch erhebliche Steu­errabatte überwiegend an die ProduzentIn­nen im Standortwettbewerb zunichte gemacht. Selbst das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) nennt derar­tige Versuche eines Emissionshandels oder Ökosteuern in der praktizierten Form einen umweltpolitischen Flop, der zudem die KonsumentInnen (dabei überproportional Menschen mit geringem Einkommen) am höchsten belastet. Dagegen ist Strom aus Kohle in Deutschland nach wie vor ein hoch subventionierter Exportschlager, die Ver­doppelung der exportierten Leistung von 2012 bis 2017 brachte nicht nur Gewinne von 1,4 Milliarden Euro für die Stromkon­zerne, sondern auch einen erneuten Anstieg der CO2-Emissionen.

Cui bono?

Wem also nützt diese Wirtschaftsordnung? Oder haben gar wir als (vereinzelte) Konsu­mentInnen die Macht, Fair Trade und Öko­strom zum Gewinnmodell zu machen? Dass diese vermeintliche Selbstverantwortung dem neoliberalen Credo trefflich ent­spricht, ist das eine, das andere aber ist, dass sich im kapitalistischen System die Produktion mitnichten an den Bedürfnis­sen der Menschen orientiert. Kaum jemand wird sich freudig und bewusst für hormon- und antibiotikastrotzendes Fleisch aus quä­lender Massentierhaltung entscheiden, Kinderarbeit befürworten oder am aller­liebsten elektronische Geräte mit geplanter Obsoleszenz (eingebautem Ablaufdatum) kaufen. Dennoch beherrschen genau jene Produkte unsere Wirtschaft und sichern die Gewinne des Kapitals. Die KonsumentInnen entscheiden mitnichten, was unter welchen Bedingungen produziert wird, das Einkom­men der VerbraucherInnen bestimmt ledig­lich, wie ihre Bedürfnisse mit den angebo­tenen Waren in Einklang gebracht werden. Es gilt also auch im Kampf um natürliche Ressourcen, die Macht privater Kapitalinte­ressen zu brechen und den Slogan »System Change« mit konkreten Aktionen und For­derungen zu füllen.

 

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Gelesen 130 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 29 August 2019 17:01
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