Erfolgsmodell Menschenhandel Michael Gruberbauer Foto: Love Makes A Way CC BY-SA 2.0 / Flickr
06 Juni

Erfolgsmodell Menschenhandel

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Austria und Australia wird im englischen Sprachraum gerne verwechselt. Der Vorschlag von Außenminister Sebastian Kurz, Europa solle seine Flüchtlingspolitik an der erfolgreichen Strategie Australiens orientieren und Internierungslager auf kleinen Inseln im Mittelmeer errichten, leistet dazu einen weiteren Beitrag. Aber gerade wenn es um den Umgang mit Flüchtlingen geht, wünscht man sich eigentlich nicht, mit Australien verwechselt zu werden.

Beispiel Nauru

Denn als Beispiel für Australiens Umgang mit Flüchtlingen wurde auch Nauru genannt, eine kleine Insel im Pazifik, deren Geschichte in relativ kurzer Zeit so ziemlich alle Widerlichkeiten des Kapitalismus widerspiegelt. Da wäre zum einen einmal die Kolonialgeschichte: Die europäischen Imperien entdeckten die Insel im 19. Jahrhundert für sich, um sie als strategischen Punkt im weiteren Wettkampf gegen die jeweils anderen auszubeuten. Das Deutsche Kaiserreich bekam den Annexions-Zuschlag und durfte von 1888 an den Herrschaftsanspruch über die Insel und die darauf seit vielen Generationen lebenden Menschen stellen. Um die Jahrhundertwende entdeckten die Deutschen dann einen unerwarteten Mehrwert: riesige Phosphatvorkommen. Prompt wurde damit begonnen, die Phosphate abzubauen und die kleine Insel mit gerade einmal etwa 21 Quadratkilometern Fläche wie industrieller Karies von innen auszuhöhlen. Nach dem ersten Weltkrieg ging Nauru dann an den Commonwealth. Phosphate wurden weiterhin abgebaut.

Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlangte Nauru Souveränität und durfte von nun an selbst von der Zersetzung der Inselsubstanz profitieren. Der Phosphatabbau wurde verstaatlicht, die Erträge wurden verwendet, um für seine rund 10000 EinwohnerInnen ein dichtes soziales Netz und eine neue Orientierung auf Konsum-Lifestyle zu finanzieren. Nauru mauserte sich zu einem der pro Kopf reichsten Staaten der Welt. Der Abbau der Phosphate jedoch begann gegen Ende des 20. Jahrhunderts immer weniger abzuwerfen – der Bergbau-Karies hatte sich durch die Insel quasi durchgefressen und die immer dünner werdenden Finanzreserven verlangten nach der Wurzelbehandlung. Das Dilemma der schwindenden Einkünfte und die hohen Kosten des sozialen Netzes führte zum genialen Plan, die Insel zu einem Wunschstandort für die Finanzmafia zu transformieren. Auch der Wirtschaftszweig Geldwäsche erwies sich nicht als Nachhaltig und die OECD setzte den Inselstaat auf die schwarze Liste.

Um Schulden bezahlen zu können und weiterhin ein gesichertes Staatseinkommen zu ermöglichen, wurden dann in den letzten 15 Jahren andere, nicht weniger unnachhaltige Möglichkeiten ins Auge gefasst. Da wurde zum Beispiel angedacht, für Australien Atommüll zu bunkern. Das war dann anscheinend doch zu verrückt, zu gefährlich oder einfach zu kompliziert, und so einigte man sich schließlich mit Australien stattdessen darauf, statt Brennstäbe Flüchtlinge »endzulagern«. Dafür zahlt Australien nicht schlecht – die Zahlungen für die Internierungslager stellen den Großteil des Staatseinkommens von Nauru dar.

Vielfachkrise und Menschenhandel

Neben einer gesundheitlichen (fast jeder zweite Mensch in Nauru leidet wegen dem Lifestyle-Wandel an Diabetes), einer ökologischen und einer wirtschaftlichen steht Nauru heute nun auch für eine menschenrechtliche Krise – die Internierungslager auf Nauru wurden sowohl extern als auch intern vielfach kritisiert. Die dort festgehaltenen Flüchtlinge haben in Protestaktionen bis zur Selbstverbrennung ihr menschenunwürdiges Leben der Öffentlichkeit mitgeteilt.

Für Sebastian Kurz dennoch ein wünschenswertes und erfolgreiches Modell. Da kommt es doch gelegen, dass im Süden Europas dank der Austeritätspolitik in den letzten Jahren genug gesellschaftliche Notstände vorsätzlich erzeugt wurden, um jedes noch so menschenverachtende Konzept – wie eben die »Endlagerung« der Flüchtlinge – finanziell schmackhaft zu machen. Genug finanziellen Druck und Inseln gäbe es also, um diese Form der »Flüchtlingspolitik« auch in Europa umzusetzen. Dass hinter dem Begriff »erfolgreiches Modell« in diesem Fall eigentlich die Begriffe »finanzielle Erpressung« und »Menschenhandel« stehen, wird man im nach rechts driftenden Europa gewissenhaft ausblenden. Oder damit beantworten, dass Menschenhandel ja nur dann wirklich Menschenhandel ist, wenn derjenige, der die Menschen bekommt, zahlt, und nicht umgekehrt.

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