Hans Hautmann (1943–2018) Benjamin Birnbaum Hans Hautmann (1943–2018)
25 Juli

ZEITGESCHICHTE: Das Rätesystem bleibt eine Alternative

von

Der österreichische Zeithistoriker Hans Hautmann starb am 3. Juli 2018. Während Österreich heute vor allem als Vorreiter des extremen Rechtsrucks gilt, stand die ArbeiterInnenbewegung hier einst für eine alternative gesellschaftliche Entwicklung, die auf Solidarität und demokratische Selbst ­bestimmung baute. Eine Geschichte, die Hans Hautmann besonders interessierte. Als kommunistischer Historiker verstand Hautmann seine Arbeit nicht als reine intellektuelle Angelegenheit. Vielmehr sollte sie dazu dienen, neuen Generationen von SozialistInnen und KommunistInnen über vergangene Erfahrungen aufzuklären und damit auch Anregungen und Inspirationen für die heutige Praxis anstoßen.

BENJAMIN BIRNBAUM hat 2017 mit HANS HAUTMANN dieses Interview geführt.

1987 erschien Ihre Geschichte der Räte­bewegung in Österreich. Auf welche Reaktionen stieß dieses Buch zum Klas­senkampf und zur Revolutionsge­schichte, das gerade zum Zeitpunkt des vermeintlichen Siegeszugs der Neolibe­ralismus veröffentlicht wurde?

HANS HAUTMANN: Das Echo auf das Buch war zum Zeitpunkt des Erscheinens gering, obwohl es mit 815 Seiten Umfang die bis dahin gründlichste Studie der Rätebewe­gung und der österreichischen Revolution darstellte. Es gab nur wenige Rezensionen, und auch die nur von linker Seite.

Abgesehen von diesem Werk haben Sie als Historiker umfassend zum Thema Arbeiterinnenbewegung veröffentlicht. Wie kam es zum Fokus auf die soziale Frage und wie schätzen Sie die aktuellen Perspektiven der marxistischen Geschichtsschreibung ein?

HANS HAUTMANN: Ich stamme aus einem kommunistischen Elternhaus, was sicher­lich dazu beitrug, mich als Historiker der Geschichte der Arbeiterbewegung zuzu­wenden. Auch das Thema meiner Disserta­tion 1968 (»Die Anfänge der linksradikalen Bewegung und der Kommunistischen Partei Deutschösterreichs 1916–1919«) und meine Tätigkeit als Assistent am Institut für Zeit­geschichte an der Universität Linz, an dem auch das Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung beheima­tet war, zielten in diese Richtung.

Die aktuellen Perspektiven einer marxis­tischen Geschichtsschreibung schätze ich als gut ein, weil unter den gegenwärtigen Bedingungen der hemmungslosen kapita­listischen Globalisierung Bedarf an herr­schaftskritischen Herangehensweisen besteht.

Wodurch unterscheidet sich die Räte ­republik radikal von der bürgerlichen Demokratie? Hier könnte man auch auf die Frage des Wahlrechts eingehen, die in der Arbeiterinnenbewegung zu Dis­kussionen geführt hat. Man denke an die Entscheidung der Bolschewiki unmittel­bar im Laufe der Oktoberrevolution, das Wahlrecht nur jenen zu geben die von ihrer eigenen Arbeit lebten, was Rosa Luxemburg kritisierte.

HANS HAUTMANN: Die Rätedemokratie ist eine direkte Demokratie mit einer neuen, nur bei ihr zu beobachtenden Art der Willensbildung. Ihr Kernstück ist das imperative Mandat, die Maxime permanen­ter Kontrolle der Gewählten seitens der Wähler, ihrer ständige Rechenschafts­pflicht gegenüber den Wählern und ihrer jederzeitigen Abberufbarkeit durch die Wähler.

Beratend und beschließend zugleich sollte die Rätedemokratie engste Verbin­dung zwischen Basis und Mandatsträgern herstellen und einen ständigen Willensbil­dungs- und Kontrollprozess »von unten nach oben« ermöglichen. Die Räte empfan­den sich als Gegenpol zum parlamenta­risch-demokratischen Repräsentativsystem und als potenzieller Ablöser des »bürgerli­chen Staates«. Die an seine Stelle tretende Alternative, die »Räterepublik«, sollte auf der Basis einer sozialisierten Wirtschaft die rätedemokratischen Prinzipien verwirkli­chen.

Die reformistische Sozialdemokratie in Österreich fasste ebenso wie die Bolschewi­ki in Russland die Räte als Klassenorganisa­tion der manuellen und geistigen Arbeiter auf und schloss Privateigentümer eines Be­triebes vom Wahlrecht ausdrücklich aus. In die Räteorgane konnten in Österreich wei­ters nur solche gewählt werden, die »in der Beseitigung der kapitalistischen Produkti­onsweise das Ziel und im Klassenkampf das Mittel der Emanzipation des arbeitenden Volkes erkennen, ihrer Berufsorganisation (Gewerkschaft) angehören und das 20. Le­bensjahr überschritten haben«.

Wie erklären Sie den internationalen Charakter der Rätebewegung, die am Ende des Ersten Weltkriegs in mehreren Ländern Europas gleichzeitig auftrat?

HANS HAUTMANN: Der internationale Charakter der Rätebewegung erklärt sich aus den gleichen Erfahrungen und gleichen Interessen des europäischen Proletariats unter den Bedingungen des imperialisti­schen Krieges, der verschärften kapitalisti­schen Ausbeutung und Unterdrückung und dem Streben nach einer neuen, sozialisti­schen Gesellschaftsordnung.

Innerhalb der Rätebewegung zeichnete sich Österreich dadurch aus, dass dort die Räte am längsten existierten, und aufgrund ihres soliden Fundaments aktiv in wirtschaftliche und soziale Belange eingriffen. Könnten Sie die Besonderheiten der Räte in Österreich genauer erläutern, und ausführen in welchen Bereichen ihre Eingriffe besonders weit gingen?

HANS HAUTMANN: Eine Besonderheit war, dass das Rätesystem in Österreich bezüglich Aufbau, Wahlmodus, Wahlbetei­ligung und Klarheit der innerorganisato­rischen Spielregeln die Rätebewegung in Deutschland und Ungarn übertraf. Die zweite bestand darin, dass die Räteorgane grundlegende Umgestaltungen bei der Lebensmittelversorgung, im Wohnungs-, Gesundheits-, Erziehungs- und Bildungs­wesen anstrebten und auf örtlicher Ebene, an der Basis, in Angriff nahmen.

So gesehen waren die nach gehorteten Lebensmitteln fahndenden, die Schleich­handelsbestände an die Notleidenden ver­teilenden, freien Wohnraum zur Anzeige bringenden, willkürliche Delogierungen durch die Hausherren verhindernden, hungernde Kinder tatkräftig unterstüt­zenden, Waffen- und Munitionslieferun­gen an konterrevolutionäre Staaten hint­anhaltenden, jeden Auskunftssuchenden und Bittstellenden in sozialen Angelegen­heiten kostenlos beratenden Räteorgane der österreichischen Revolution einen wahrlich einzigartige Erscheinung in der österreichischen Geschichte, die sich in die beste Tradition dessen einreiht, was man gesunde Initiative erwachter und selbstbewusster Arbeitermassen nennen kann.

Wie war das Verhältnis der österrei­chischen Sozialdemokratischen Partei zu den Arbeiter- und Soldatenräten? Immerhin war laut Statuten der Räte die »Beseitigung der kapitalistischen Produktionsweise das Ziel« und der »Klassenkampf das Mittel«.

HANS HAUTMANN: Die österreichische Sozialdemokratie verfolgte gegenüber den Arbeiter- und Soldatenräten wie auch gegenüber den Kommunisten eine politi­sche Linie, die sich von der in Deutsch­land deutlich abhob: die Strategie der mög­lichst gewaltlosen Bändigung der Gefahr von links.

Deshalb baute sie den Arbeiterrat im März 1919 zu einem »Parlament des gesam­ten Arbeiterklasse« aus, um mit den Kom­munisten Kontakt zu halten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, sie, wenn möglich, auf die sozialdemokratische Linie des »Abwartens« und »Gewehr-bei-Fuß-Ste­hens« zu bringen, sie von der Perspektiv ­losigkeit des Experiments einer Räterepu­blik zu überzeugen, und, wenn dies nicht gelang, mit Mehrheitsbeschlüssen nieder­zustimmen.

Weil es der KPÖ aus einer Reihe von objektiven und subjektiven Gründen nicht gelang, die sozialdemokratischen Arbeiter und Arbeiterinnen für sich zu gewinnen und die Majorität im Arbeiterrat zu erobern, sah sie sich mit einer Situation konfrontiert, in der jeglicher Versuch, die Schwelle des sozialdemokratischen Refor­mismus zu überschreiten, vor den Massen als »Missachtung der Beschlüsse des Arbei­terrats« und »Bruch der proletarischen Disziplin« gebrandmarkt werden konnte. Dieses Dilemma wurde von den austro ­marxistischen Führern bis zum letzten ausgenutzt.

Gelingen konnte diese Taktik aber nur, weil die Sozialdemokratie ihr Endziel als mit dem der Kommunisten deckungsgleich hinstellten, weil auch sie den radikalisier­ten Arbeitermassen 1918/19 versprachen, sie zum Sozialismus zu führen.

Auf welche Weise versuchte die herr­schende Klasse die Macht der Räte zu brechen, und inwiefern hatten die Arbei­terräte mit Repression zu kämpfen?

HANS HAUTMANN: Die österreichische Bourgeoisie war 1918/19 ökonomisch und politisch sehr geschwächt und außer­stande, der Rätebewegung mit Gewaltme­thoden entgegen zu treten. War der Autori­tätsverlust herkömmlicher staatlicher Machtmittel wie der Polizei schon schlimm genug, so wog noch schwerer, dass der Zer­fall der k.u.k. Armee mit sich gebracht hatte, dass es keine geschlossenen Einhei­ten mehr gab, mit denen man ähnlich wie in Deutschland Freikorps, »Baltikumtrup­pen«, »Orgesch«- und »Orka«-Verbände für den Kampf gegen die Arbeiterklasse auf­stellen hätte können.

Das reguläre Militär der Republik, die »Volkswehr«, war für einen konterrevolu­tionären Kampf ebenfalls nicht zu benüt­zen, weil in ihr die Soldatenräte eine ent­scheidende Machtposition innehatten. Das taktische Vorgehen des bürgerlichen Lagers beschränkte sich zu dieser Zeit darauf, die Rätelosung aufzugreifen, »Bür­ger- und Ständeräte« bzw. »Bauernräte« zu gründen, die mit dem Verlangen nach »Gleichstellung« den »marxistischen« Räten entgegentraten. Sie waren aber nur ein kurzlebiges Intermezzo und verschwan­den mit dem Abflauen der revolutionären Welle nach dem Ende der ungarischen Räterepublik im August 1919 bald wieder von der Bildfläche.

Da zu diesem Zeitpunkt auch die Macht­einbuße der Arbeiter- und Soldatenräte sichtbar zu werden begann, setzte die Bourgeoisie auf diesen Trend und verzich­tete auf offen gegen die Räteorgane gerich­tete Provokationen und Niederwerfungs­methoden.

Welchen Einfluss konnte der revolutio­näre Flügel der österreichischen Arbei­terinnenbewegung innerhalb der Räte ausüben? Immerhin vertrat die Kommu­nistische Internationale die Ansicht, der Machtergreifung der Kommunisten müsse die Mehrheit in den Räten voraus­gehen.

HANS HAUTMANN: Die Kommunisten erreichten bei den Arbeiterrätewahlen im Frühjahr 1919 österreichweit etwa fünf Prozent, in Wien zehn Prozent der Mandate in den Rätegremien. Unter den Soldatenrä­ten hatten sie in Wien eine gewisse Position im »Volkswehrbatallion 41«, hervorgegan­gen aus der »Roten Garde« der November­tage 1918. Die überwiegende Mehrheit der Soldatenräte stand aber ebenfalls fest auf dem Boden sozialdemokratischen Gedan­kenguts.

Das Dilemma der KPÖ bestand darin, dass Lenin und die Komintern es den Kommu­nistischen Parteien ausdrücklich zur Hauptaufgabe gemacht hatten, zuerst die Mehrheit in den Räten zu erobern, weil nur unter dieser Voraussetzung eine Machter­greifung denkbar sei.

Vor dem Hintergrund des rapiden Macht­verfalls der Räte 1921/22 zog sich die KPÖ schrittweise aus dem Arbeiterrat zurück und nahm an den letzten Rätewahlen im Sommer 1922 nicht mehr teil.

Inwiefern kann der Rätemoment, trotz seiner Auflösung durch die Sozialdemo­kraten anfangs der 1920er, als grund ­legender Beitrag zum Klassenbewusst­sein und zum Antifaschismus der Arbei­tenden in Österreich gesehen werden? Obwohl die Sozialdemokraten die Räte abwürgten und sie in den Republikani­schen Schutzbund überleiteten, so waren es doch oft die Mitglieder des letzteren, die 1934 als erste in Europa die Waffen gegen den Faschismus, gegen das austro­faschistische Regime, ergriffen.

HANS HAUTMANN: Die Periode, in der die österreichischen Arbeiter in der Rätebewe­gung wirkten, war sehr wichtig und hatte tiefgreifende Folgen. Man muss sich verge­genwärtigen, dass die österreichische Arbeiterbewegung der Jahre bis 1934 in vieler Hinsicht eine Ausnahmestellung in Europa innehatte.

Die Sozialdemokratische Partei Öster­reichs war in den 1920er Jahren die größte und bestorganisierte Arbeiterpartei aller kapitalistischen Länder. Die österreichische Arbeiterklasse war seit dem November 1918 bewaffnet und blieb es als einzige auch über das Ende der revolutionären Nach­kriegskrise hinaus. Eine dem Republikani­schen Schutzbund vergleichbare Organisa­tion gab es zur selben Zeit in keinem ande­ren Land der kapitalistischen Welt.

In Österreich erreichte die Herausbildung einer eigenständigen Arbeiterkultur eine Höhe wie nirgendwo anders. Kommunale Initiativen wie Arbeiterwohnbau, soziale Steuerpolitik, Fürsorge- und Gesundheits­wesen, Schulreform, allesamt verkörpert im »Roten Wien«, suchten ihresgleichen in Umfang und Qualität bei anderen sozialde­mokratischen Parteien vergeblich. Die österreichische Arbeiterklasse war neben der spanischen die einzige, die die Macht­übernahme des Faschismus mit der Waffe in der Hand zu verhindern suchte.

Österreich ist schließlich auch das welt­weit einzige Beispiel für eine schlagartige, umfangreiche Übertrittsbewegung sozial­demokratischer Mitglieder in die Kom­munistische Partei – ein Schritt, der nicht momentaner Verwirrung ent­sprang, sondern von den Beitretenden nach dem Februar 1934 bewusst und unwiderruflich vollzogen wurde.

Gewiss können nicht alle aufgezählten Phänomene als direktes Resultat der Rätebewegung angesehen werde. Was ihr aber als Verdienst angerechnet wer­den muss, ist, dass die Erfahrungen, die die österreichischen Arbeiter zu Zehn­tausenden in der Schule der Rätedemo­kratie sammelten.

Inwiefern scheint Ihnen heutzutage das Prinzip der Organisation von unten durch Räte als relevant in sozialen Kämpfen? In jüngerer Ver­gangenheit schien es in Griechenland während der ersten, reformorientier­ten Regierung von Syriza keine von der Regierung autonome Organisation zu geben. Umgekehrt, beschrieb der Politologe George Ciccariello-Maher die ersten Jahre der Regierung von Chavez in Venezuela als stark geprägt durch lokale Selbstverwaltung, die in einem gewissen Spannungsverhältnis zur Regierung stand und anfangs zur Vertiefung der Bolivarischen Revolu­tion beitrug.

HANS HAUTMANN: Die Idee vom Räte­system als einer Alternative zum bür­gerlichen Parlamentarismus wird auch künftig lebendig bleiben.

Um sie zu realisieren, bedarf es aber meiner Überzeugung nach Vorausset­zungen, von denen man gegenwärtig lei­der noch weit entfernt ist: eines gesamt­gesellschaftlichen revolutionären Auf­schwungs mit Massenbeteiligung der arbeitenden Menschen, ihrer Organi­siertheit, Disziplin, Solidarität, Durch­haltekraft, Klassenbewusstheit, verbun­den mit dem Bestreben, an die Stelle der kapitalistischen eine sozialistische Ord­nung zu setzen.

Benjamin Birnbaum hat das Interview 2017 für die französische Zeitschrift für marxistische Theorie, Période, geführt. Im Ada Magazin (www.adamag.de) ist das Interview unter dem Titel »Wien schlägt Berlin« in deutscher Übersetzung erschie­nen. Für die Volksstimme wurde das Inter­view leicht gekürzt.

Gelesen 1855 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 25 Juli 2019 10:58
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