24 Juli

LITERATURBETRIEB: Das Establishment als Alternative Berührungen mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis

von

VON ALFRED GOUBRAN

In den 80er Jahren fand der Ingeborg Bach­mann Wettbewerb noch im Rahmen der »Woche der Begegnung« statt. Als direkte Gegenveranstaltung dazu wurde von einigen Kärntner AutorInnen unter Leitung von Del Verdernjak und Josef K. Uhl der »Kärntner Frühling« ins Leben gerufen. Als Gegenveran­staltung zur Gegenveranstaltung riefen wir, eine Gruppe Jungdichter, alle unter zwanzig Jahre alt, die »Woche der Entgegnung« aus. Das war meine erste Berührung mit dem Bach­mann-Preis. Natürlich gingen wir alle zum »Kärntner Frühling« – nicht nur weil die Lesungen interessant waren, sondern weil wir die Inszenierung des Bachmann-Preises als lächerlich und unwürdig empfanden. Nie­mand, dem es mit Dichtung und Schreiben ernst war, konnte diesen Abklatsch des Euro­visions-Contests mit Gerichtssaalsetting etwas abgewinnen. Abgesehen davon, dass es Estab­lishment war und nach Schule und Muste­rungskommission roch. Es wurde ja nicht nur ein/eine PreisträgerIn gekürt, sondern auch eine »Tauglichkeit« festgestellt und das war es, wogegen wir uns instinktiv, wenn auch nicht bewusst, wehrten und das wir ablehn­ten. Abstoßend auch die Selbstinszenierung der »KritikerInnen« – es war der Gegensatz zu allem, was uns lieb und teuer war, Rimbaud, Joyce, Brinkmann, Beckett, Lavant. Und die heimischen AutorInnen ärgerte es, dass diese Veranstaltung von Land und Stadt und ORF gefördert wurde, während sie nicht einmal mit Almosen abgespeist wurden. Wie es eben in der Provinz ist. Minimundus liegt nicht zufäl­lig in Klagenfurt. Hier hat ALLES Platz.

Im Jahr darauf wurde ich von Humbert Fink, der einen Text von mir gelesen hatte, ange­fragt, ob ich am Bachmann-Preis teilnehmen wolle. Ich erbat mir eine Woche Bedenkzeit und lehnte dann mit der Weisheit jugendli­cher Arroganz ab, mit der Begründung, »dass ich es zu ernst nehmen würde, wenn ich gewinnen oder verlieren sollte.«

Weitere Berührungen gab es durch mei­nen Verlag »edition selene« (1993–2010), da ich AutorInnen, die dort lesen wollten, zum Bachmann-Preis begleitete. Das gehörte zu meinen Pflichten als Verleger. Jedoch habe ich nie einem/einer AutorIn dazu geraten, daran teilzunehmen oder ihn/sie vermittelt oder ihm/ihr davon abgeraten. Im Übrigen ist die »edition selene« bis heute der ein­zige österreichische Verlag, der ZWEI Bach­mann-PreisgewinnerInnen entdeckt und erstveröffentlicht hat (Franzobel und Michael Lentz). Außerdem ist es möglich, dass ich durch einen Kommentar im »pro­fil« die inzwischen oft gehörte Bezeichnung »Betriebsausflug des Literaturbetriebs« geprägt habe. – Soweit die Berührungen.

Tja und heute: Ich nehme den Literatur­betrieb so wenig ernst wie vor dreißig Jah­ren, auch weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass es ein Überleben (ein Leben) als Dichter außerhalb des Betriebes gibt. Ich meine: Erfolg ist ja ganz schön, aber wenn man mit Qualitätslosigkeit Erfolg hat, dann ist man auf eine Weise gescheitert, von der man sich schwer erholen kann (s. Karl Moik und KonsortInnen). Dass man den Betrieb braucht, um Erfolg zu haben – ja. Aber mehr ist es dann auch nicht. Insofern gönne ich jeder Autorin und jedem Autor den Erfolg und den Preisgewinn, auch beim Bachmann-Preis, es ist deren Leben und deren Entscheidung und die Konsequenzen daraus sind die ihren, nicht meine.

Der deutschsprachige Literaturbetrieb ist ja seit Jahrzehnten dabei, sich selbst abzu­schaffen. Wer liest heute noch Rezensio­nen? – Wer glaubt, außerhalb Deutsch­lands, dass ein Glavinic oder Menasse »den besten deutschen Roman« des Jahres geschrieben hat? – In Paris niemand. Es ist ein selbstgenügsamer Betrieb, in dem inzwischen die GermanistInnen das Sagen haben – als KritikerInnen, als JurorInnen, als VeranstalterInnen. Doch einen guten Kritiker oder Verlegerin macht etwas ande­res aus. Ein Gespür, das man auf keiner Universität erlernen kann. Aber auch die DichterInnen kommen inzwischen von die­sen Universitäten … der Markt wird von den Universitäten gespeist und etwas bedenklich (aber eigentlich konsequent) ist es, dass der Staat dies unterstützt. Für ihn ist der Bachmann-Preis auch Bühne, um sich als Förderer und Kulturnation zu inszenieren. Und wenn es heißt: »Die Texte sind schlecht«, dann ist das weniger den AutorInnen als den JurorInnen anzulasten.

Noch nie waren so viele Menschen wie heute mit Literatur befasst. Man kann das in dem Gewimmel beim Bachmann-Preis beob­achten: die VerlegerInnen, LektorInnen, Ger­manistikstudentInnen, JournalistInnen, Lite­raturkursabgängerInnen, Stipendienempfän­gerInnen u.v.m. – und trotzdem hat die Lite­ratur und Dichtung in den letzten fünfzig Jah­ren KEINE neue Form hervorgebracht. Nicht eine.

Mit einem Wort: Die Suppe ist dünn. Und sie dünnt sich von Jahr zu Jahr mehr aus. Nicht nur in der Literatur.

Wer sich wirklich für Literatur und Dich­tung ein Herz bewahrt hat, der weiß, dass er sie nicht im Scheinwerferlicht finden wird. Heute weniger denn je. Oder, um mit Gil Scott-Heron zu sprechen: »The revolution will not be televised«.

Postscriptum: Als ich Anfang des Jahres von VADA (Verein zur Anregung des dramati­schen Appetits) nach Klagenfurt zu einer Lesung und einem Konzert eingeladen wurde, in Rahmen des KLoma–Festivals »Lesezei­chen«, habe ich sofort zugesagt: Zum einen, weil ich VADAs qualitätsvolle Arbeit schätze und zum anderen, weil sie sich einen anar­chischen Grund und eine Haltung bewahrt haben, die sonst in Österreich schwer zu fin­den sind. Schon die Beschreibung der »Ört­lichkeit« spricht Bände: »Das Jugendstilthea­ter Klagenfurt/Celovec, 1914 als Pissoir des nahen Künstlerhauses errichtet, wird nach einer Centre-Pomp-Idee von VADA für vier Tage in das Klagenfurt Laboratory/lavatory of Modern Art (KLoMA), im Volksmund auch Guggenberger-Museum, umfunktioniert.« Ich wusste damals nicht, dass die Veranstaltung zum »Rahmenprogramm des Bachmann-Prei­ses« stattfand. Ändert das etwas, macht es einen Unterschied? – Nun, das Pissoir steht auch im Goethepark, nur eine Straße trennt diesen vom Schillerpark … der kulturelle Rah­men ist in diesem Sinne in Österreich auf Schritt und Tritt gewahrt. Das Jugendstilthea­ter in Klagenfurt erinnert mich daran, dass eine gewisse Unverdaulichkeit auch lebens­rettend sein kann.

Alfred Goubran ist Autor und Musiker und lebt in Wien. Er hat zahlreiche Romane, Essays, Gedichtbände und Übersetzungen veröffentlicht, zuletzt »Herz. Eine Verfas­sung« (2017), »Techni­sche Tiere. Gedichte« (2018). Im Herbst 2019 erscheint der Essay »Schmerz und Gegen­wart«.
Weitere Infos: www.goubran.com
Der Titel des Artikels ist ein Zitat aus: Alfred Goubran »Der gelernte Österreicher«, Wien 2013
Infos zu VADA und KLoMA: www.vada.cc

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Gelesen 536 mal Letzte Änderung am Freitag, 26 Juli 2019 15:18
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