19 Juni

ORANGE IS THE NEW BLACK: Massenhaft

von

Kein Land auf der Welt hat mehr Gefangene als die USA. Ein überdurchschnittlich großer Teil von ihnen sind Schwarze Menschen.

VON LEA SUSEMICHEL

2.121.600 Menschen sitzen in den USA derzeit im Gefängnis. Mit über zwei Millionen Inhaftierten sind die USA damit weltweit das Land mit den meisten Gefan­genen. Das gilt nicht nur relational (nur die Seychellen haben eine noch höhere lnhaf­tierungsrate, also einen noch größeren Anteil der Bevölkerung in Haft), sondern sogar in absoluten Zahlen: Obwohl sie nur fünf Prozent der Weltbevölkerung stellen, haben die USA 25 Prozent aller Inhaftierten global zu verantworten. Allerdings ist diese lnhaftierungsquote nicht für alle Bevölke­rungsgruppen gleich hoch. Was die US-amerikanische Bürgerrechtlerin Angela Davis, die sich zeit ihres Lebens auch für politische Gefangene einsetzt, schon vor Jahrzehnten als »Die Farbe der Gefangen­schaft« angeklagt hat, ist bis heute Realität: US-Gefangene sind unverhältnismäßig oft Schwarz bzw. hispanischer Herkunft. Die Wahrscheinlichkeit, zumindest einmal im Leben im Gefängnis zu landen, beträgt bei weißen US-amerikanischen Männern eins zu 17, bei Schwarzen liegt sie hingegen bei eins zu drei. Bei Schwarzen Frauen ist die Inhaftierungsrate immerhin noch fast dop­pelt so hoch wie bei weißen Frauen.

»Mass Incarceration«

Das Phänomen der sogenannten »Mass Incarce­ration« macht es für viele Kinder und Jugendli­che der Black Community alltäglich, dass Elternteile oder Menschen aus dem nahen sozialen Umfeld im Gefängnis sitzen – was wie­derum die Zukunftsperspektiven dieser Kinder bestimmt. Es hat seinen Ursprung in der Law-&-Order-Politik, die mit Richard Nixons Präsi­dentschaftskandidatur 1968 begann. Um damals die Widerstandsbewegungen gegen den Vietnamkrieg und die Black-Liberation-Bewe­gung zu kriminalisieren, wurden Hippies gezielt mit Marihuana und Afroamerikanerln­nen mit Heroin in Verbindung gebracht. Unter Ronald Reagan wurde dieser zuvor vor allem rhetorische Krieg gegen Drogen ab 1982 zu einem tatsächlichen: Drogenabhängigkeit wurde nicht als gesellschaftspolitisches, thera­peutisches oder sozialpädagogisches Problem betrachtet, sondern als Verbrechen. Seit den 1980ern steigen die Inhaftierungsraten als unmittelbare Folge dieser Politik rasant an. Mittlerweile sitzt fast die Hälfte (47 Prozent, Stand 2016) aller Insassinnen in Bundesgefäng­nissen wegen Drogendelikten ein.

Auch der Demokrat Bill Clinton verabschie­dete 1994 den »Violent Crime Control and Law Enforcement Act«, die mit einem Dreißig-Milli­arden-Dollar-Budget ausgestattete, größte Strafrechtsreform der US-Geschichte (er wurde dabei übrigens aktiv von Hillary Clin­ton unterstützt, wofür sie sich in ihrem Wahlkampf 2016 allerdings entschuldigte). Dazu gehörte auch das berüchtigte Three-Strikes-Law (»Drei-Verstöße-Gesetz«), das bei der dritten Verurteilung wegen einer Straftat automatisch eine lebenslange Haft­strafe vorsieht – in manchen Bundesstaaten fallen darunter sogar Delikte wie Einbrüche oder Autodiebstahl.

Kontinuität der Sklaverei

Ava DuVernays sehenswerter Dokumentar­film »Der 13.« bewertet diese rassistische Mass Incarceration als Kontinuität der Sklaverei. Denn obwohl Sklaverei seit 1865 durch den 13. Zusatzartikel der US-Verfas­sung abgeschafft ist, enthält das Sklaverei­verbot eine entscheidende Ausnahme: Die Arbeitskraft von Kriminellen darf bis heute ausgebeutet werden. DuVernays beim New York Film Festival 2016 gefeierte und inzwischen auf Netflix verfügbare Doku­mentation führt in zahlreichen Interviews mit Wissenschaftlerinnen, Expertlnnen und AktivistInnen historische Zusammenhänge dieses »Gefängnis-Industrie-Komplexes« vor Augen. Eine von ihnen ist die Bürger­rechtlerin Michelle Alexander, die in ihrem Bestseller »The New Jim Crow« den »War on Drugs« als politisches Mittel für die soziale Stigmatisierung und Segregation von Schwarzen identifiziert.

Lobbyarbeit und der politische Einfluss der Gefängnisindustrie haben zu lukrativen Privatisierungen im Strafvollzugssystem geführt, womit nun nicht nur Dienstleis­tungen und Güter wie Überwachungstech­nologie verkauft werden können, sondern auch die Ressource billiger Gefangenenar­beit geschaffen wurde, von der heute Kon­zerne wie McDonalds, Starbucks, Microsoft oder Bayer profitieren. »Viele Unterneh­men, deren Produkte wir täglich konsumie­ren, haben erkannt, dass die Arbeitskraft in den Gefängnissen genauso profitabel sein kann wie die Arbeitskraft aus der Dritten Welt«, schrieb Angela Davis schon 1998 im Magazin »Colorlines«.

»Schwarzes Verbrechen«

Dieser Ausbeutung wiederum liegt die Kri­minalisierung von Schwarzen Menschen insbesondere Männern zugrunde. Und diese beginnt nicht erst bei der alltäglichen rassis­tischen Polizeigewalt, gegen die »Black Lives Matter« aufbegehrt. Einer Gewalt, die jedes Jahr aberhunderten Menschen in den USA das Leben kostet, erneut ist ein überpropor­tional großer Teil von ihnen Schwarz. Der Ursprung für diese Polizeibrutalität, für Racial Profiling und Racial Persecution, die Afroamerikanerlnnen von Verkehrskontrol­len über Drogenfahndung bis hin zu den darauffolgenden rassistischen Verurteilun­gen massiv diskriminiert, liegt tiefer. Schließlich wird das Bild des »Schwarzen Verbrechers« seit der Kolonialgeschichte kultiviert und tradiert, weshalb sich das Motiv des »Schwarzen Vergewaltigers«, vor dem die Weiße Frau geschützt werden muss, tief eingebrannt hat – völlig unbeeindruckt von der Tatsache, dass es historisch vor allem weiße Männer waren, die Schwarzen Frauen schlimmste, auch sexuelle, Gewalt angetan haben. Selbst Schwarze Kinder und Jugendliche werden im Zuge dieser generel­len Kriminalisierung als seelenlose »Super­predators« gebrandmarkt und das US-ameri­kanische Strafrecht verfolgt sie bereits als Minderjährige und wirft sie ins Gefängnis.

Crimmigration

Auch das sogenannte »Crimmigration Law«, also die zunehmende Ineinssetzung von Strafrecht und Immigration, kriminalisiert allein die Herkunft von Menschen. Das Aus­einanderreißen von illegal in die USA einge­reisten Familien im vergangenen Sommer durch Präsident Trump sowie das Einsperren kleiner Kinder in Lager, die sich nur dem Namen nach von Gefängnissen unterschei­den, geschah ebenfalls auf dieser Grundlage. Doch skandalös sind nicht nur die Umstände, die Menschen in den USA massenhaft ins Gefängnis bringen, schlimm sind auch die Zustände in den zunehmend privatisierten Gefängnissen selbst, in denen es beispiels­weise auch weiterhin die längst als Folter klassifizierte Isolationshaft gibt. Angela Davis hat bereits vor zwanzig Jahren konsta­tiert, dass in den USA das Gefängnis als wich­tigste Antwort auf soziale Probleme gilt. Doch »Gefängnisse lassen nicht die Probleme verschwinden, sie lassen Menschen ver­schwinden«, ist Davis' Erwiderung. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Dieser Beitrag von Lea Susemichel ist erstmals im Schwerpunkt »Geschlecht und Gefängnis« in »an.schläge – Das feministische Magazin« Ausgabe VI/2018 erschienen.

Gelesen 342 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 19 Juni 2019 12:57
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