13 Juni

DIGITALISIERUNG: Wischen fürs Kapital

von

Unabhängige Medien stehen durch den digitalen Wandel vor großen Herausforderun­gen. Es fällt zunehmend schwer, eine kriti­sche Öffentlichkeit aufrechtzuerhalten. Versuchen sollte man es dennoch.

Ein Essay von FRANK JÖDICKE

Wer heute einen U-Bahnwaggon betritt, sieht ein anderes Bild als vor zehn Jahren. Die Anwesenden wischen. Geradezu unaufhörlich wird über die Bild­schirme der Smartphones mit dem Finger gefahren und werden Informationen verar­beitet. Die ästhetische Urteilskraft wird hierbei am Binären geeicht. Interessiert mich das? Ja/Nein. Bei »Nein« wegwischen, bei »Ja« kurz anglotzen. Studien bestätigen, was beim Blick in U-Bahnzügen offenkun­dig zu sein scheint: Die Menschen werden mit dem ununterbrochenen medialen Angebot nicht glücklicher. Einer der Gründe dafür könnte darin liegen, dass sie zu ununterbrochener Arbeit genötigt wer­den, zu jener des Auswählens.

Gratisarbeit für Netzgiganten

Diese Arbeit ist natürlich unbezahlt. Sie wird angeblich zum eigenen Vergnügen abgeleistet, nur sehen die wischenden Nah­verkehrsteilnehmer*innen nicht vergnügt aus. In der Digitalisierung ist viel mensch­liche Arbeit versteckt. Socialmedia ist ein erfolgreiches Geschäftsmodell, um unbe­zahlte Arbeit zu ergattern. Die Kids filmen und schneiden ihre Skatebordvideos, sie wählen aus tausenden Bildern die schöns­ten aus, um diese zu posten. Sie schreiben Texte und durchforsten die unterschied­lichsten Publikationen nach den passenden Informationen und versuchen alles mög­lichst ansprechend aufzuarbeiten. Das ist nichts anderes als (bild-)redaktionelle Arbeit. Die großen Internetunternehmen erhalten diese Arbeiten unentgeltlich und verdienen daran, indem sie die Werke an all jene im U-Bahnwaggon liefern, die daran nicht sonderlich interessiert zu sein scheinen. Da aber aller Content mit Wer­bung angereichert wird und weil sich Benutzer*innenprofile als die effizienteste Form des Marketings verkaufen lassen, sind die Gewinne für einige wenige Konzerne enorm.

Der Gedanke, die Maschinen würden heute die Arbeit für »uns« übernehmen (und sie uns sogar »rauben«), ist nicht ganz schlüssig. Die Lage ist komplexer. Apparate übernehmen viele Eselsarbeiten, aber sie müssen auch Menschen in ihren Dienst nehmen. Die Algorithmen können bei­spielsweise keine Gesichter erkennen. Die Gesichtserkennungssoftware, die jede/r aus dem Kamerasucher heute kennt, funktio­niert nur deswegen, weil zuvor Menschen Millionen von Gesichtern erkannt haben und per Mausklick den Maschinen gemel­det haben. In vielen Bereichen machen Menschen diese Datenerhebungsarbeit, ohne dies zu wissen – wie beispielsweise im U-Bahnzug –, oder sie werden zu gehirnto­ter Klickarbeit gezwungen, wie jene Arbei­ter*innen in Nordkorea, die jeden einzelnen Bildkader der Hollywood-Animationsfilm durchschauen und retuschieren müssen. Hier ist Digitalisierung menschliche Arbeit, häufig unbefriedigende und nicht selten sogar sklavenartige.

Die Masse beliefert sich selbst

Das Medium und dessen Anforderungen wandeln die Menschen. Die Mediennutzer* innen entwickeln ein neuartiges Selbstbild, das erst unzureichend reflektiert wurde. Nicht zuletzt, weil die Profiteur*innen der Digitalisierung daran kaum ein Interesse haben dürften. Die unbezahlte Datenerhe­bungsworkforce befindet sich in ununter­brochener Zeitnot. Der je bessere sinnliche Reiz ist nur einen Wisch oder Klick ent­fernt, wodurch jeder Aufenthaltsort im Netz ein enervierend vorläufiger ist. Der Gedanke, »noch ein Wisch und endlich sehe ich, was ich immer sehen wollte«, scheint die Wischarbeiter*innen anzutreiben. Da jede Fingerbewegung sorgfältig vom Appa­rat protokolliert wird, speichern die Maschinen den Verlauf der Gelüsterally und ziehen daraus klandestin ihre Schlüsse. Es werden Vorschläge verkettet, die Mons­tren im Netz entstehen lassen. Enorme Rau­penschlangen wuseln in den virtuellen Räu­men herum. Sie haben teilweise Millionen Beinpaare, die unaufhörlich marschieren. Ihre Leiber bestehen aus ineinander gewachsenen Rümpfen, denn die Köpfe der Teilwesen sind verschwunden. Ein Ärm­chen pro Rumpf und Beinpaar steht aller­dings noch hinaus, an seiner Spitze wackelt ein in die Höhe gestreckter Daumen. »Ja, wir finden das alles super, weil wir das alles super finden!«, murmelt die Raupen­schlange vor sich hin und scheint immer ihr nächstes Ziel zu kennen.

Paradoxerweise erfahren die User*innen heute diese Art der Vermassung des Emp­findens in der Abgeschiedenheit der klei­nen Leuchtkegel, die ihnen ihre Smartpho­nes ins Gesicht werfen. Sie sind ganz offen­sichtlich allein und isoliert, da sie aber von der Raupenschlange im Netz einverleibt werden, nehmen sie diesen virtuellen Anklang bereitwillig wahr und marschieren mit. Auf Ziele zu, die sie nur mehr bedingt aus eigenem Willen oder Wunsch ansteu­ern. Der Frust, der sich zuverlässig ein­schleicht, liegt nun darin, dass das digitale Medium, das angeblich alles bietet, in die immer gleichen und von den User*innen nicht eigentlich gewählten Kanäle steuert. Dabei spüren sie, wie ihnen jene Zeit geraubt wird, die sie nicht mehr haben. Sie merken, dass sie dauernd auf eine bunt flimmernde Fläche starren, die ihnen Lust verschaffen soll und diese dann doch fast nie liefert. Alles ist Ablenkung und alles ist ein hintertriebenes Spiel. Wer sich vom überwiegenden Medienangebot im Netz »verarscht« vorkommt, irrt nicht. Das meiste ist eine Art um Aufmerksamkeit grölender Betrug. Dass dieser nun immer umfassender von den Nutzer*innen selbst hergestellt wird, ist eine Pointe, die Walter Benjamin die Augenbrauen in die Höhe hät­ten schnellen lassen. Erlebte sich die kul­turindustriell abgespeiste Masse immer bereits als Masse, dann übernimmt sie die Massenproduktion, die zu ihrer eigenen Vermassung führt, als Wischarbeiter*innen nun gleich selbst. Individuelle Sichtweisen sind natürlich nicht verboten, sie stehen nur im Netz hilflos stumm neben den Trampelpfaden der Raupenschlangen.

Meister der digitalen Manipulation

Das hat gewisse Konsequenzen dafür, wie Öffentlichkeit erzeugt wird und wie politi­sche Entscheidungsprozesse noch allge­mein verhandelt werden können. So wie in einer industrialisierten Welt die Schönheit Ergebnis eines Normierungsprozesses ist, soll die Wahrheit einer Statistik folgen. Bei­des ist falsch, alle Beteiligten wissen dies und akzeptieren die Ergebnisse dennoch. Mehr noch, vor den quantitativ belegten »Erfolgen« sind alle kusch. Wenn zum Bei­spiel Ben Shapiro ein Millionenheer an Fol­lower*innen hat, dann hebt dies die Kläg­lichkeit seiner Argumente und deren ekel­erregende Hässlichkeit auf. Bei ihm zeigt sich der typische Netzzirkelschluss, der unsere Öffentlichkeit mehr und mehr bestimmt: Er wurde immer größer, weil er immer größer wurde. Internetphänomene wie Shapiro werden ehrerbietig von den »alten« Medien eingeladen und befragt, obwohl die ihn befragenden Journalist* innen sehr wohl erkennen, dass sie ein bloßes rhetorisches Aufheizprogramm geladen haben, bei dem jeweils jene Worte gemixt werden, um die nächste Welle durch die Raupenbeine zu schicken. An den rechten US-Netzdemagogen wie Shapiro haben sich die europäischen Polit-Demagogen geschult, wie beispiels­weise Nigel Farage oder HC Strache. Die Furcht der Medienmacher ist leider längst zu groß vor den in Marsch gesetzten Mas­sen des Netzes. Es bräuchte intellektuell nicht viel, um die eben genannten abzu­tun, ihre simplen Maschen (Opfermythos, falsche Behauptungen, strategischer The­menwechsel, etc.) zu durchschauen und ihnen am besten keine Bühne mehr zu bieten. Nur, dafür sind sie längst zu groß, und das mehrt ihre Macht unaufhörlich.

Diese Manipulatoren (es sind fast aus­schließlich Männer) wurden tausendfach der Lüge überführt, sie widersprechen sich unaufhörlich, aber all dies schadet ihnen nicht. Es ist längst Teil ihres Spiels geworden, das zu möglichst ununterbro­chener Aufmerksamkeit führen soll. Skan­dale größeren oder kleineren Kalibers helfen dabei. Eine am Binären geschulte Öffentlichkeit bewertet Argumente gerne im Schema »Wir gegen die«. Das Licht der Aufklärung kann irgendwann den Keim absichtlicher Irreführung nicht abtöten, sondern lässt ihn in den digitalen Medien gedeihen. Die Follower*innen reagieren auf Widerlegung mit intensivierter Gefolgschaft. »Man will uns mundtot machen!« Die alte Schule des öffentlichen Diskurses, die hoffte, durch das bessere Argument zu überzeugen und umzustim­men, beißt deswegen längst auf digitalen Granit.

Und dennoch …

Allerdings, keine der Veränderungen der öffentlichen Debatte, die mitbedingt ist durch die Form digitaler Medien, sind Abbilder von Naturkräften. Nichts hat so kommen müssen wie es kam und kann folg­lich auch heute noch geändert werden. Auch wenn es zuweilen unendlich schwer erscheinen mag, unabhängige Medien müs­sen unabhängig sein von dem Wischen, von den Raupenschlangen und ihren Erre­gungswellen und sollten dem binären Code einer verkürzten Urteilskraft widerstehen. Ihre Leser*innen sollten sie nicht als Daten­kollektoren missbrauchen, sondern ihnen gegenüber eine glaubwürdige Einladung zum Lesen aussprechen und damit zur Aus­einandersetzung mit komplexen und in sich widersprüchlichen Sachverhalten. Es ist nämlich ein großer Unterschied zwi­schen dem Aufzeigen von Widersprüche und dem sich Widersprechen, das von den Demagog*innen praktiziert wird, um Auf­merksamkeit zu generieren. Es gilt, die Dif­ferenzen einer kaum mehr durchschauba­ren Welt als eben diese in der höchstmögli­chen Komplexität darzustellen, statt den Leser*innen die Köpfe aus dem Rumpf zu reißen, damit sie bereitwillig zwischen binären Optionen hin- und herwischen. Unabhängige Medien sollten ihren Leser* innen vermitteln, dass wir uns in einer Soli­dargemeinschaft derer befinden, die im Grunde alle überfordert sind. Es ist kaum mehr möglich, Auskunft zu geben, die Phäno­mene ändern sich nach jedem Blinzeln. Es ist schwierig und trotzdem müssen wir ver­suchen, dem Unüberschaubaren eine beschreibbare Gestalt zu geben, die Wirk­lichkeit einfängt und nicht verstellt. Das ist bei allen Schwierigkeiten übrigens auch eine reizvolle Aufgabe. Diese Textproduk­tion kann das Netz bereichern und seine Leser*innen. Bei skug versuchen wir dies mit teils mäandernden Essays, Erfahrungs­berichten, sorgfältigen Kritiken und sonsti­gen Analyseversuchen. Manches davon mag zuweilen misslingen, ein Betrug ist es nie. Längst wurde medial ein Kampf gegen die Wirklichkeit ausgerufen, und dieser nützt den überall in der Welt aufkeimenden auto­ritären Regimen. Unabhängige Medien müssen dagegen vorgehen.

Frank Jödicke ist Chefredakteur des Magazins für Musikkultur skug, das unter skug.at nahezu tägli­che neue Texte veröffentlicht, und er ist sehr froh, dass es BAM gibt.

Gelesen 605 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 13 Juni 2019 13:33
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