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PFLEGE- DEMO WIEN und Flashmob am Wiener Rathausplatz, 1. Mai 2016. Manuela Juric PFLEGE- DEMO WIEN und Flashmob am Wiener Rathausplatz, 1. Mai 2016. FOTO KK und CAREREVOLUTION.WORDPRESS.COM
15 Mai

»Hier rein, da raus« – Care-Migration in der EU

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Die Zahl der in Österreich beschäftigten Per­sonen mit Migrationshintergrund steigt. In jüngster Zeit immigrieren diese überwiegend aus den osteuropäischen EU-Staaten. Gleich­zeitig entscheiden sich immer mehr Österrei­cherInnen dazu, ihre Angehörigen in osteuro­päischen Pflegeheimen versorgen zu lassen. Was aber hat Europa damit zu tun?

Eine Analyse von MANUELA JURIC

Vom Pflegenotstand zum Pflegeimport

Europa steht vor einem Pflegenotstand: Die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt im Jahr 2017 liegt derzeit bei 80,9 Jahren. Die Zahl der Hochbetagten, das heißt jener, die 80 Jahre alt und älter sind, nimmt drastisch zu. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, profes­sionelle Pflege und Betreuung in Anspruch nehmen zu müssen und damit auch der Bedarf an ausgebildeten Personen in den Pflegeberufen. Auf der österreichischen Mangelberufsliste 2019 ist der Beruf der Diplomierten Gesundheits- und Kranken­pflege seit Jahren unverändert aufgelistet. Aussagekräftige Studien, welche Auswir­kungen der bestehende Personalmangel zukünftig auf den gesamten Pflegesektor haben wird, liegen bis dato nicht vor.

Aber nicht nur in Österreich fehlen Fach­kräfte. In vielen EU-Staaten erschweren schlechte Arbeitsbedingungen die perso­nelle Besetzung in der institutionellen Pflege und betroffene Pflegebedürftige können sich einer qualitativ hochwertigen Pflege nicht sicher sein. Wenngleich sich bereits zahlreiche Mitgliedsstaaten der EU öffentlich mit der Frage beschäftigen, wel­che Strategien langfristig aus dem Pflege­notstand führen können, scheitert es oft an umsetzbaren Lösungen.

Derzeit wird das Problem vor allem in den westlichen EU-Ländern mit dem Instrumentarium der Arbeitsmigration gelöst. Diese liegt immer dann vor, wenn Menschen ein- und auswandern, um in einem anderen als ihrem Herkunftsland einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. In Österreich haben 20 Prozent der Beschäf­tigten in Gesundheitsberufen einen Migra­tionshintergrund, bei den Betreuungsberu­fen liegt der MigrantInnenanteil bei knapp 28 Prozent. Waren in den 70er-Jahren noch Jugoslawien und Philippinen die Haupther­kunftsländer der in Österreich tätigen Pfle­gekräfte mit Migrationshintergrund, wer­den aktuell immer mehr pflegerische und betreuerische Dienstleistungen in Öster­reich von Personen aus dem osteuropäi­schen Ausland erbracht. Die zumeist weibli­chen Pflegekräfte kommen hauptsächlich aus der Slowakei, Rumänien, Bulgarien oder Ungarn. Sie arbeiten – oft gut ausge­bildet – in Pflegeheimen und in der Haus­krankenpflege und akzeptieren die dort herrschenden prekären Arbeitsbedingun­gen oder als sogenannte »Laien« in der 24-Stunden-Betreuung in arbeitsrechtlich höchst fragwürdigen Vertragskonstellatio­nen. Die österreichische Pflege wird impor­tiert, das Problem scheint kurzfristig gelöst zu sein.

Arbeitsmigration aus Sicht der Herkunftsländer

Betrachtet man nun die Situation aus Sicht der Herkunftsländer, stellt sich die Situa­tion folgendermaßen dar: Viele junge, oft überdurchschnittlich gut ausgebildete, überwiegend weibliche Fachkräfte emigrie­ren, um in Österreich Pflege- und Betreu­ungstätigkeiten zu verrichten. Diese fehlen sodann vor Ort in der Altersversorgung. Parallel dazu altert die Bevölkerung Osteu­ropas demographisch ebenso wie in West­europa. Wenn immer mehr junge Men­schen ihre Herkunftsländer verlassen und der Altersdurchschnitt steigt und damit auch der Bedarf an professionellen Pflege­kräften, durch wen und in welcher Form kann eine Versorgung der vor Ort lebenden Pflegebedürftigen sichergestellt werden? Die Frage stellt sich sowohl im institutio­nellen Bereich der professionellen Pflege, als auch im Zusammenhang mit unbezahl­ter Reproduktionsarbeit. Es kommt zu einem Care-Defizit, in welchem emigrierte Frauen für die unbezahlte Care-Arbeit in ihren Heimatländern nicht mehr zur Verfü­gung stehen und die Versorgung Pflegebe­dürftiger weder institutionell noch innerfa­miliär gesichert werden kann.

Die Skandalisierung der Frauenmigration

Die Migration in den östlichen EU-Ländern ist in den letzten Jahren stark feminisiert (weiblich geprägt). Waren es zuvor noch mehr Männer als Frauen, welche zu Guns­ten der finanziellen Sicherheit ihrer Fami­lien abwanderten, migrieren aktuell mehr Frauen als Männer. Die Gründe hierfür sind überwiegend finanzieller Natur. In den meisten Herkunftsländern der Migrantin­nen wurden die Bildungssysteme privati­siert. Die Finanzierung einer Ausbildung für die eigenen Kinder wird dadurch nahezu unmöglich gemacht, wenn kein sicherer Job in einem anderen EU-Staat mit höherem Lohnniveau gegeben ist, insbe­sondere für Alleinverdienerinnen. Frauen­migration wird jedoch im Gegensatz zur männlichen Abwanderung negativ gesehen. Migrantinnen werden dem gesellschaftli­chen Vorwurf ausgesetzt, ihre Kinder zurückzulassen und geraten so unter Leg­imitationsdruck ihres transnationalen Lebens. Hinzu tritt, dass oft staatlich gesi­cherte Möglichkeiten der Kinderbetreuung fehlen und Frauen auf Hilfe Privater ange­wiesen sind, um ihrer Erwerbstätigkeit im Ausland nachgehen zu können, was wieder­rum mit finanziellen Belastungen verbun­den ist. Es entsteht ein Dilemma, in wel­chem weder das Verbleiben im Herkunfts­land noch die Abwanderung ins Ausland zu einem für die Frauen befriedigendem Ergebnis führt. Wenn die handelnden AkteurInnen die eigene Emigration als Widerspruch zur Realisierung ihrer Lebens­interessen empfinden und dadurch Wider­ständigkeiten entwickeln, wird das Modell eines innereuropäischen Transfers von pflegerischen Dienstleistungen zwangsläu­fig scheitern.

Emigration in osteuropäische Pflegeheime als Lösung?

Gleichzeitig mit der steigenden Emigration von Pflegekräften nimmt die Zahl jener Menschen, die sich im Alter selbstbestimmt für eine Abwanderung entscheiden, konti­nuierlich zu. Unter dem Begriff der »Life­style Migration« wird das Phänomen beschrieben, dass finanziell gut situierte Personen sich für einen Lebensabend an solchen Orten entscheiden, an denen sie sich ausschließlich aus Gründen der Selbstverwirklichung oder auf Grund des Versprechens einer höheren Lebens­qualität niederlassen. Soziale und kultu­relle Aspekte stehen hierbei im Vorder­grund. Auch Pensionsmigrationen ehe­maliger GastarbeiterInnen in ihre Her­kunftsländer stellen einen Wohnort­wechsel dar, welcher selbstbestimmt und aus dem Bedürfnis, die Pension im ehemaligen Heimatland verbringen zu wollen, entschieden werden.

Problematisch wird dies jedoch, wenn Armut, widrige Lebensumstände oder strukturelle Gegebenheit im Pflegesek­tor Pflegebedürftige zur Migration zwin­gen: niedrigere Pflegeheimkosten, geringe Lebenserhaltungskosten, kür­zere Wartezeiten auf einen Pflegeheim­platz und die Hoffnung auf bessere Pfle­geleistungen bei gleichen oder niedrige­ren Kosten sind Gründe, die dazu füh­ren, dass es zu einem Export der eigenen Pflegebedürftigkeit in ein osteuropäi­sches Pflegeheim kommt. Derzeit leben in Österreich etwa 201.000 PensionistIn­nen unter der Armutsgrenze. Der Anteil jener Personen, welche sich aus finan­ziellen Gründen für eine Pflegeversor­gung im Ausland entscheiden, liegt noch im Promillebereich. Die steigende Altersarmut hier kann aber dazu führen, dass dies als letzter Ausweg aus ökono­mischen, strukturellen und sozialen Drucksituationen wahrgenommen wird. Sichtbar ist der Trend daran, dass zunehmend Agenturen entstehen, wel­che sich auf die Vermittlung eines Pfle­geheimplatzes in osteuropäischen Län­dern spezialisiert haben. Die Tatsache, dass Vermittlungsleistungen dieser Art in Anspruch genommen werden (müssen) zeigt bereits, dass ein gesamteuropäisches Umdenken hinsichtlich der Pflegeversor­gung stattfinden und nach langfristigen Lösungen gesucht werden muss, welche die adäquate Pflegeversorgung nicht von sozialen und finanziellen Ressourcen der Pflegebedürftigen abhängig macht. Hinzu kommt, dass durch die steigende Zuwan­derung das Preisniveau für Pflegeleistun­gen in den Zielländern kontinuierlich steigt und Pflege dadurch für Einheimi­sche zu einem unleistbaren Luxusgut wird. Das Gefälle zwischen Osteuropa und Westeuropa wird dadurch weiter zuneh­men, die Pflege wird ein immer größerer Bereich, in dem sich die europäische Zweiklassengesellschaft abzeichnet.

Fazit

Unter Berücksichtigung der geschilderten Aspekte stellt sich die Frage, wie lange das Modell der Ost-West-Arbeitsmigration als Lösung des Pflegenotstandes herangezo­gen werden kann. Regionale Probleme werden durch Care-Migration nur kurz­fristig gelöst, tatsächlich aber führt sie zu einer Verstärkung des gesamteuropäi­schen Pflegenotstandes. Der Pflegenot­stand wird so zum Pflegekollaps, die feh­lende gesamteuropäische Lösung zu einer Zwei-Klassen-Ghettoisierung Europas. Ebenso müssen regionale Lösungen entwi­ckelt werden, welche dazu führen, dass Pflegebedürftige das Recht auf einen Pfle­geplatz in der Nähe ihres Lebensmittel­punktes gewährt bekommen. Die Armuts­gefährdung für PensionistInnen innerhalb der gesamten EU steigt kontinuierlich. Leistbare Pflege vor Ort muss als materia­lisierbares Grundrecht eines jeden altern­den Menschen politisch gesichert werden.

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Manuela Juric ist Juristin und arbeitet und forscht im Bereich des Pflege- und Medizinrechts und der Grund- und Menschenrechte im Alten-, Behinderten-, Kinder- und Jugendbereich

Gelesen 405 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 15 Mai 2019 13:40
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