Die IG LektorInnen schenkt anlässlich der 650 Jahr-Feierlichkeiten der Uni Wien Prekärsuppe aus. Christian Cargnelli Die IG LektorInnen schenkt anlässlich der 650 Jahr-Feierlichkeiten der Uni Wien Prekärsuppe aus. FOTO: KK
08 Mai

WISSENSCHAFT PREKÄR: Aufstand der Jongliermasse?

von

Die Lektor_innen an der Universität Wien haben nichts zu verlieren außer ihren Kettenverträgen

CHRISTIAN CARGNELLI UND ANTON TANTNER

Mehr als 7500 Beschäftigte zählen an der Universität Wien zum wissen­schaftlichen Personal, die große Mehrheit (je nach Berechnungsgrundlage 80 bis 90 Prozent) davon arbeitet unter prekären Bedingungen und ist befristet beschäftigt: Unter den unterschiedlichen an der Uni­versität Wien tätigen Wissenschafter_innen stellen die knapp 3000 Lehrbeauftragten (Lektor_innen) die größte Gruppe. Sie bestreiten 40 Prozent der Lehre – in man­chen Fächern bei weitem mehr –, ohne sie würde der Lehrbetrieb zusammenbrechen.

Dieser Unverzichtbarkeit zum Trotz: Dau­erhafte Perspektiven hat die Universitäts­leitung den wenigsten zu bieten, sie behan­delt die prekär Beschäftigten stattdessen nur zu oft als Verschubmaterial, als »Jong ­liermasse« (so das Originalzitat eines Rek­toratsmitglieds) – und zwar ohne, dass den Betroffenen irgendeine Aussicht auf eine Beendigung dieses nervenaufreibenden Zustands offenstände. Die meisten erhalten in der Regel jeweils nur semesterweise Ver­träge und dies oft nur im Ausmaß von zwei Semesterwochenstunden, die Zuteilung eines Lehrauftrags erfolgt in manchen Fäl­len knapp vor Semesterbeginn, eine Ver­tragsunterzeichnung zuweilen erst danach.

Rütteln an der »Kette«

Dazu kommt ein schwer durchschaubares Dickicht aus arbeits- und vertragsrechtli­chen Bestimmungen, verschärft durch die so genannte »Kettenvertragsregelung«, die nach sechs beziehungsweise acht Jahren Arbeit in befristeten Verhältnissen eine Weiterbeschäftigung untersagt; in der Pra­xis bedeutet dies für viele eine einjährige Unterbrechung ihrer Tätigkeit, bevor es mit den befristeten Verträgen wieder von vorne losgeht, sofern die Begeisterung für wissenschaftliche Tätigkeit noch immer vorhanden ist und sich nicht andere, attraktivere Erwerbsalternativen eröffnet haben.

Dabei gäbe es auch kurzfristig realisier­bare Linderungen dieses skandalösen Zustands, der der Qualität von Lehre und Forschung genauso abträglich ist, wie der Gesundheit der Betroffenen: Entfristungen von Lehraufträgen etwa, die auf einem bescheidenen Niveau planbare Perspekti­ven für die betroffenen Personen ermöglichen würden und für die es nicht einmal Gesetzesänderungen bräuchte, denn sie liegen in Verantwortung der Universi­tätsleitung. Derzeit kommt an der Uni­versität Wien eine überschaubare Menge von 48 Personen in den Genuss einer sol­chen Regelung, es müssten viel mehr sein. Die mittel- bis langfristige Perspek­tive sollte ohnehin sein, an Universitä­ten bedeutend mehr unbefristete, gut dotierte Arbeitsplätze einzurichten.

Was tun?

Trotz der von Gewerkschaften beklagten Schwierigkeit, Wissenschafter_innen zum kollektiven Einsatz für die Verbes­serung ihrer Arbeitsbedingungen zu bewegen – und an manchen anderen österreichischen Universitäten ist die Situation noch schlimmer, ganz zu schweigen von der Lage in Deutsch­land –, gibt es Organisierungsversuche der intellos précaires (Anne/Marine Ram­bach), wie die bereits 1996 anlässlich eines Unistreiks gegründete IG LektorIn­nen und WissensarbeiterInnen: Ihre Aktivist_innen haben sich in jahrelanger Arbeit Expertise im Paragraphendschun­gel angeeignet, sind im Betriebsrat der Uni Wien vertreten und können als niedrigschwellige Ansprechpersonen Anfragen und Beschwerden an die zuständigen Einrichtungen weiterleiten.

Die Zusammenkünfte der IG schaffen Diskussionsräume zum Erfahrungsaus­tausch und ermöglichen es, solidarische Forderungen auf universitärer, aber auch auf allgemein politischer Ebene zu erarbeiten, wie zum Beispiel in Form der über ig-elf.at abrufbaren Leitlinien. Alli­anzen mit anderen Organisierungen des Prekariats – mit Guy Standing verstan­den als in Entstehung begriffener Klasse – sind dabei willkommen!

Christian Cargnelli und Anton Tantner sind Vor­standsmitglieder der IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen

Kanäle der IG LektorInnen:

Homepage: ig-elf.at

Twitter: @IGLektorInnen

facebook.com/IGLektorInnen

In Deutschland setzt sich das Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft für das universitäre Prekariat ein:

mittelbau.net

@NGA_Wiss

Gelesen 214 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 15 Mai 2019 12:23
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