08 Mai

Dialog über ideologische Grenzen hinweg

von

Ein christlich-marxistischer Arbeitskreis versucht auszuloten, welche Wege man gemeinsam gehen kann für eine bessere Welt.

Ein Portrait von PETER FLEISSNER

Seit mehr als 10 Jahren wird im Rahmen des christlich-marxistischen Arbeits­kreises, der im Albert-Schweitzer-Haus der Evangelischen Kirche in der Evangelischen Akademie stattfindet, der Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher Weltanschau­ung erprobt und geübt. Der Arbeitskreis setzt Versuche fort, die bereits in den 1960er Jahren begonnen haben. Promi­nente Vertreter dieses Dialogs waren etwa der evangelisch-lutherische Theologe Johannes Dantine und der Historiker Ulrich Trinks, beide langjährige Leiter der Evange­lischen Akademie Wien, der Wiener Philo­soph Walter Hollitscher, Mitglied des Zen­tralkomitees der KPÖ, und der Theologe Rudolf Weiler, Professor für Sozialethik an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien. Damals war allein schon die Vorstellung einer Annäherung zwi­schen ChristInnen und MarxistInnen für viele ein Sakrileg, und das nicht nur von christlicher Seite. Mit dem Ende des Real ­sozialismus, der für manche KatholikInnen als Inbegriff des Bösen angesehen und von einzelnen katholischen Gruppen durch Gebet und Spenden bekämpft worden war, entspannten sich die Voraussetzungen für den Dialog. Auch die Theologie der Befrei­ung erhielt in den letzten Jahrzehnten in kirchlichen und linken Kreisen verstärkte Anerkennung.

Der christlich-marxistische Arbeitskreis ist offen für TeilnehmerInnen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Er will weniger hochtheologische und philoso­phische Auseinandersetzungen führen, sondern versucht auszuloten, wie die auf weite Strecken gemeinsamen Vorstellun­gen von einer besseren Welt entwickelt und Praxis werden könnten. Zunächst wurden Kerntexte christlicher oder linker Prove­nienz gemeinsam gelesen und diskutiert. TheologInnen und MarxistInnen brachten ihre Einsichten in den Diskurs ein. Im Lauf der Jahre beschäftigte sich der Arbeitskreis stärker mit politischen und ökonomischen Fragen unserer Zeit. Immer wieder wurden und werden VertreterInnen von Initiativen für ein besseres Leben in Österreich einge­laden, die über ihre Arbeit sprechen und ihre Ergebnisse zur Diskussion stellen. Wie­derholt befasste sich der Arbeitskreis mit dem Für und Wider zu einem bedingungslo­sen Grundeinkommen und Ansätzen zu sei­ner Verwirklichung. Große Aufmerksam­keit fanden das Handschreiben Evangelii Gaudium und die Umweltenzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus, der in deutlichen Worten die Verzerrungen unserer Gesell­schaft in Bezug auf Menschlichkeit, Umwelt, Gesundheit und Soziales aufzeigt. Trotz unterschiedlicher theoretischer Grundlagen führen die Formulierungen aus dem Kommunistischen Manifest und den Tex­ten von Papst Franziskus zu ähnlichen kon­kreten Schlussfolgerungen. Viele Mitglie­der des Arbeitskreises beteiligten sich an den Diskussionsprozessen zum »Sozial­wort« und »Sozialwort 10+«, zu dem der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich eingeladen hatte. Viel bleibt in diesem Dia­log noch zu tun, und der ArbeiterInnen sind wenige.

Gelesen 368 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 08 Mai 2019 16:35
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