v.l.n.r: Heidi Ambrosch, Nikita Dhawan - Heidi Hartmann, Catia Gregoratti - Frigga Haug, Nora Räthzel - Gruppendiskussion Hilde Grammel v.l.n.r: Heidi Ambrosch, Nikita Dhawan - Heidi Hartmann, Catia Gregoratti - Frigga Haug, Nora Räthzel - Gruppendiskussion FOTOS: KÄTHE KNITTLER CC BY 2.0 ROSA LUXEMBURG-STIFTUNG / FLICKR
08 Mai

»Sich selbst verändern. Die Welt verändern!«

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Von 5. bis 7. Oktober 2018 fand unter dem Motto »Sich selbst verändern. Die Welt verändern!« die nunmehr 3. Marxismus-Feminismus-Konferenz in Lund in Schwe­den statt. Etwa 250 Teilnehmer_innen, Theoretiker_innen und Aktivist_innen aus allen Teilen der Welt fanden sich ein, um die im Jahr 2015 mit der 1. MF-Konfe­renz (damals in Berlin) von Frigga Haug und ihren Mitstreiterinnen im Institut für kritische Theorie begründete Tradition weiterzutragen. Als Hauptrednerinnen konnte die Konferenz, neben Frigga Haug selbst, mit Gayatri Spivak, Heidi Hart­mann und Nikita Dhawan aufwarten. Außerdem wurde eine Fülle an interessanten Workshops – viele davon parallel – geboten. Der Bericht von HILDE GRAMMEL kann freilich nur eine Auswahl davon näher besprechen.

Neben dem Motto der Konferenz »Sich selbst verändern. Die Welt verändern!« waren die Workshops den Themen »Soziale Reproduktion und Care«, »Alternativen«, »Feministische Kämpfe und Solidarität«, »Orte der Unterdrückung und Mittel zur Emanzipation«, »Frauenbewegungen, -organisationen und Widerstand«, »Verge­schlechtlichte und rassifizierte Körper bei der Arbeit« sowie »Sozialer Reproduktions­feminismus: die Verbindungen zwischen Unterdrückung und Ausbeutung« gewid­met. Gesponsert und organisiert wurde die Konferenz von transform! europe, der Rosa Luxemburg-Stiftung, der Universität Lund, der dortigen Genderabteilung und durch eine Privatspende von Gayatri Spivak.

Gleich vorweg: Was die schwedische Kon­ferenz von den bisherigen unterschied, ist das große Augenmerk, das auf partizipative didaktische Methoden (zum Beispiel Welt­café, Fischbowl, Erinnerungsarbeit, kollek­tives Mapping, Kleingruppendiskussion) bei der Workshop-Gestaltung gelegt wurde, sodass es leicht fiel, sich einzubringen. Ein Unterschied zu den vorherigen Konferen­zen war außerdem, dass die Vorträge nicht aufgezeichnet wurden, weshalb sie auch nicht online zur Verfügung stehen.

Gayatri Spivak, Verkörperung der kriti­schen Weltbürgerin par excellence, sprach unter anderem die Empfehlung aus, dass Migration im Zusammenhang mit Umver­teilung diskutiert werden muss und nicht wie bisher in der EU üblich, unter den Aspekten von Kultur und Rassismus. Man kann nicht über Menschenwürde sprechen, wenn es keine soziale Sicher­heit gibt. Wäh­rend das echte Problem der Subalternität darin besteht, dass die Betroffenen meinen, ihr Elend sei »normal«, gilt es ihren Willen zu sozialer Gerechtigkeit zu ent­zünden, was nur durch Bildung und intel­lektuelle Anstrengung geschehen kann. Sonst würden Menschen bloß als Stimm­vieh missbraucht, was ein echtes Problem von Demokratie darstellt, wobei Spivak die Vorenthaltung von Bildung (für Arbei­tende, für Frauen) als Herrschaftsstrategie identifiziert.

Heidi Hartmann, vor 32 Jahren Mitbe­gründerin des »Institute for Women’s Policy Research« in Washington, D.C. (www.iwpr.org), einer Einrichtung, die die ökonomische Situation von Frauen unter­sucht, berichtete über die Anfänge ihrer Institution und den Einfluss von dort gefer­tigten Studien (etwa zur Erwerbsarbeit von Frauen) auf konkrete Politik. Beispielsweise würde es in den USA ohne eine bahnbre­chende Studie des IWPR keinen bezahlten Elternurlaub geben. Interessant auch, dass US-amerikanische Frauen, oftmals mit höherer Bildung, weniger Stunden lohnar­beiten, damit sie nicht mehr verdienen als ihre Ehemänner, was deren Männlichkeit unterminieren würde. Bereits 1979 hatte Hartmann mit ihrem Essay »The Unhappy Marriage between Marxism and Feminism: Towards a More Progressive Union« auf die blinden Flecken beider Analyseinstrumen­tarien hingewiesen.

Nikita Dhawans Vortrag, sowohl in per­formativer als auch inhaltlicher Hinsicht ein Höhepunkt der Konferenz, befasste sich mit der Frage, wie unter den neuen globa­len Gegebenheiten und vor dem Hinter­grund von »Empathie-Erschöpfung« so etwas wie feministische Solidarität entste­hen könnte. Schließlich gibt es ja inzwi­schen eine, wenngleich noch immer aus höchst selektiv präsentierten Nachrichten bestehende »globale Öffentlichkeit« und frau sollte meinen, dass eine Verletzung von Grundrechten in einem Teil der Welt die ganze Welt betrifft. Unsere Komplizen­schaft mit den Strukturen anzuerkennen, die wir bekämpfen, ist ein erster Schritt, ein nächster aber, den Staat und seine Institutionen für die eigene Politik der Ver­änderung zu besetzen und nutzbar zu machen, damit der Staat zur »Medizin« für die Gesellschaft werden kann und nicht wie jetzt, weiterhin ein »Gift« ist.

Der Vortrag von Frigga Haug erläuterte die drei ersten ihrer insgesamt 13 Thesen des Marxismus-Feminismus, die sie bereits in den früheren Konferenzen vorgelegt hatte. Das betreffende Papier soll weiter geschrieben und zu einem Grundlagentext des MF verdichtet werden. Zentral für Haug ist die Weiterentwicklung des Marxschen Begriffs der Produktionsverhältnisse, wobei die »Produktion des Lebens« mit der »Pro­duktion der Lebensmittel« als zusammen­wirkend gedacht werden muss (im Gegen­satz zur traditionell einseitigen Gewichtung auf die Produktion der Lebensmittel durch die Arbeiterbewegung). Eingehend unter­suchte sie, unter Bezugnahme auf Brecht und Christa Wolf, die Frage, ob aus den sor­genden und Leben bewahrenden Praxen von Frauen, Schritte für eine neue Gesell­schaft gewonnen werden können, oder ob Frauen sich nicht von diesen Praxen verabschieden müssen, wollen sie ihr Subjekt entwickeln, finanziell auf eigenen Füßen stehen oder sich gleichberechtigt am revo­lutionären Kampf beteiligen. Die Methode der Erinnerungsarbeit machte Frauen als an ihrer eigenen Unterwerfung Mit ­wirkende sichtbar, die schöne Literatur bie­tet Frauen Formen für ihre Subjektbildung an, die auf ihre Tauglichkeit für Emanzipa­tion hin untersucht werden müssen. Voraussetzung für jeden Prozess der Neukonstruktion des Subjekts ist die schmerzhafte Zerstörung des Alten, die Verabschiedung von Liebgewonnenem und Vertrautem, Krise als Chance. Für die not­wendige Humanisierung der Gesellschaft braucht es eine Verkürzung der Lohn ­arbeitszeit und eine Aufteilung der Sorge­arbeit auf alle Geschlechter.

In einem eigenen Workshop wurde die Methode der Erinnerungsarbeit vorgestellt, deren zugrundeliegende Annahme ist, dass wir ein Ensemble aus gesellschaftlichen Beziehungen sind. Frau zu werden ist eine Tätigkeit, nicht nur Folge einer Viktimisie­rung, weil wir selbst es sind, die sowohl die Gesellschaft als auch (Vorstellungen von) uns selbst re/produzieren. Es geht darum, im Kollektiv Inventare von sich selbst zu erstellen, um sich selbst und die eigene Geschichte zu erkennen, die mit der Geschichte der Gesellschaft verbunden ist, in der wir leben.

Nennenswert auch der Workshop zu Prä­figuration, zur Vor-Stellung dessen, was sein könnte im Sinne einer gesellschaftli­chen Utopie und von einzelnen Gemein­schaften auch realisiert wird. Jede Vorstel­lung von Zukunft wurde dabei als eine in der Gegenwart verankerte gesehen, aber nicht bloß im Sinne einer einfachen Nega­tion des Gegebenen.

Im Workshop über Verletzlichkeit und Empathie wurde der Frage nachgegangen, ob es eine feministische Vorstellung von Empathie gibt, die es wert ist, bewahrt zu werden – im Gegensatz zu Brechts Mitleid mit den Leidenden, das, laut ihm, in das produktive Gefühl von Wut über die das Leid produzierenden Verhältnisse transfor­miert werden soll. Wie Wut ist auch Empa­thie leidenschaftlich, meinte hingegen Audre Lorde. Andererseits wurde Verletz­lichkeit als Teil der conditio humana kon­statiert und die Frage aufgeworfen, wie Gesellschaften und die Menschengesell­schaft global heute damit umgehen.

Diese Konferenz hat, wie ihre beiden Vor­gängerinnen, einmal mehr deutlich gezeigt hat, welch kräftiges und umfassendes Ana­lyseinstrument der Marixismus-Feminis­mus ist, da er die Untersuchung von Geschlechter-, Rassen- und Klassenverhält­nissen miteinander verbindet und beides in historisch gewordenen Verhältnissen, mitt­lerweile einer Weltgesellschaft, verankert. Und das ist gut so, denn Frauen können für linke und feministische Politik nicht gewonnen werden, wenn sie und ihre Lebensverhältnisse und -erfahrungen in der politischen Theorie nicht vorkommen.

 

Gelesen 166 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 08 Mai 2019 17:42
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