Diese Seite drucken
13 April

Menschen – die Gestalter der Erde?

von

Klimawandel, Luftverschmutzung, Wasser­knappheit, Versagen großtechnischer Sys­teme, radioaktive Verseuchung, Artensterben und andere Katastrophen werden für uns immer mehr zum Alltag. Die Erde, auf der sich die Menschheit entwickelt und die uns von Anfang an getragen und ernährt hat, zeigt sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr von ihrer bedrohlichen Seite. Rächt sie sich an uns?

VON PETER FLEISSNER

Holozän

Um zu überleben und ihre Lage zu verbes­sern, haben die Menschen schon vor 2,6 Millionen Jahren, seit der Altsteinzeit (Paläo­lithikum) auf die Erde Einfluss genommen. Als Nomaden jagten sie Tiere, später zähm­ten sie diese und wohnten in Dörfern. Vor rund 12.000 Jahren begannen sich die öko­logischen Bedingungen zu verbessern: Auf der Erde wurde es wärmer. Diese neue erd­geschichtliche Phase, das Holozän (auch Nacheiszeitalter genannt), brachte uns ein relativ stabiles Klima. Die Menschen wur­den sesshaft, entwickelten die Landwirt­schaft, formten Metalle, bauten Städte und schufen Hochkulturen. Wie frühe Kulte und Naturgottheiten bezeugen, waren die Men­schen weitgehend von ihrer natürlichen Umwelt abhängig und fühlten sich auch als Teil von ihr.

Anthropozän

Anders im Anthropozän, der jüngsten erdge­schichtlichen Periode. Bedingt durch eine Zunahme der Weltbevölkerung und durch ausgedehnte Produktions-, Handels- und Konsumaktivitäten sind die Menschen zum wichtigsten globalen Einflussfaktor auf die Natur, auf Tiere und Pflanzen, auf das Meer, auf den Erdboden, auf die Luft und auf das Klima geworden. Noch im Holozän waren die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die lokale oder maximal regionale Ebene beschränkt und reversibel. Nun, im Anthropozän, erstreckt sich der Einfluss der Menschen auf den ganzen Pla­neten. Wie weit die Folgen ihres Handelns reversibel sind, wissen wir nicht.

Die ExpertInnen streiten darüber, wann diese neue geologische Periode begonnen hat. Manche sehen den Anfang des Anthro­pozäns im Abholzen der Wälder in Südost­europa für den römischen Schiffsbau, andere verlegen den Beginn ins 17. Jahr­hundert, als durch die Kolonisierung Ame­rikas dort bisher unbekannte Krankheiten eingeschleppt wurden. Eine dritte Position lässt das Anthropozän nach dem Zweiten Weltkrieg beginnen, mit der weltweiten radioaktiven Verseuchung durch die Atom­waffentests.

Wie dem auch sei, sicher ist jedenfalls, dass seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Kohlendioxidkonzentration, ein wichtiger Indikator für den Treibhauseffekt, kontinu­ierlich zugenommen hat. Sie lag 2017 bei etwa 405 ppm, und damit um 40 Prozent oberhalb des vorindustriellen Werts von 280 ppm und um 33 Prozent über dem höchsten in den vergangenen 800.000 Jah­ren jemals erreichten.1 Hauptursachen für den Anstieg sind die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle und Erdöl, aber auch die zunehmende Abholzung der Regenwälder. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist der Einfluss der Menschen unübersehbar und global geworden. Die »Störungen« der Erde durch menschliches Zutun sind nicht mehr lokal, sondern zei­gen sich auf der ganzen Erdoberfläche. Damit löst das Anthropozän die Epoche des Holozäns ab, die fast ausschließlich von natürlichen Kreisläufen und Ressourcen bestimmte geologische Entwicklungsperi­ode unseres Planeten.

Biosphäre und Noosphäre

Der Begriff Anthropozän wurde in den 1920er Jahren vom sowjetischen Geologen Aleksei Pavlov geprägt. Er arbeitete mit dem Geochemiker Vladimir I. Vernadskij2, dem Autor des Buches »Die Biosphäre« eng zusammen. Letzterer sah die »lebende Materie« als integralen Bestandteil der Oberfläche unseres Planeten. Unter dem Einfluss des Theologen und Naturforschers Teilhard de Chardin und des katholischen französischen Philosophen Le Roy 1937/38 entwickelte Vernadskij seine Ideen weiter, indem er meinte, dass es bereits einen »Übergang der Biosphäre in die Noo­sphäre«3 gibt. Er folgte damit dem Vorbild des objektiven Idealismus. Analog zu Hegel, der annahm, dass sich der Weltgeist in der Geschichte materialisiere, sah Vernadskij die Natur zu einer Sphäre der menschli­chen Vernunft werden. Er drückte damit das Richtige im Falschen aus, denn richtig ist, dass sich die Stellung der Gesellschaft gegenüber der Natur verändert hat, jedoch lässt leider die Vergegenständlichung der menschlichen Vernunft in der Natur– wie wir angesichts immer zahlreicher werden­den Umweltkatastrophen sehen können – auf sich warten. Anfangs wurde der Begriff »Biosphäre« im Westen völlig übergangen, aber schließlich erreichte er doch die angel­sächsische Welt und verbreitete sich so sehr, dass er im Jahr 1970 Gegenstand einer Sonderausgabe des Scientific American4 wurde.

Das Verdienst des neuen geologischen Begriffs Anthropozän liegt darin, dass er über den Begriff der UmweltschützerInnen hinausweist, die vor allem »Nachhaltigkeit« erreichen wollen. Dies würde aber bedeuten, dass es ein Zurück zu früheren Verhältnis­sen geben könnte, was aber bei der zu erwartenden Beeinflussung der Natur durch die Menschen unmöglich geworden ist.

Die Menschen sind nun für ihre eigene Zukunft verantwortlich, nicht nur für das Leben in der von ihnen aufgebauten Gesell­schaft, sondern auch für den Stoffwechsel mit ihrer natürlichen Umwelt. Es ist nicht mehr allein die ursprüngliche Natur, die den Menschen die ökologischen Rahmenbedin­gungen ihres Lebens diktiert. Die Bedingun­gen sind immer mehr hausgemacht. Ande­rerseits leistet der Begriff Anthropozän der unscharfen Vorstellung Vorschub, dass »Anthropos«, der abstrakte Mensch, die Veränderungen in der Natur hervorbringen würde, oder – anders ausgedrückt, dass alle Menschen gleichermaßen für die Schäden an der Natur verantwortlich wären.

Marxistische Positionen

Was sagen MarxistInnen zum Anthropozän? Tatsächlich haben sich sozialistische Denker Innen von Anfang an mit dem Ver­hältnis Mensch-Natur auseinandergesetzt. Bereits in den vierziger Jahren des 19. Jahr­hunderts erklärte Karl Marx, dass der Naturbegriff einem Wandel unterliegt: »Übrigens ist diese der menschlichen Geschichte vorhergehende Natur ja nicht die Natur, in der Feuerbach lebt, nicht die Natur, die heutzutage, ausgenommen etwa auf einzelnen australischen Koralleninseln neueren Ursprungs, nirgends mehr exis­tiert, also auch für Feuerbach nicht exis­tiert.«5

Ähnlich wie Marx sah Engels das Verhält­nis der Menschen zur Natur nicht als zwei voneinander unabhängige Sphären. Er betonte, dass die Menschen Teil der Natur sind: »Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. ... Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht – sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehö­ren und mitten in ihr stehn, und daß unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.«6 Damit wandte er sich als früher Grüner gegen einen instrumentellen Umgang mit der Natur, der die natürlichen Ressourcen der Erde als Reichtümer sieht, den sich die Menschen als Herrscher ein­fach aneignen könnten.

John Bellamy Foster7, einer der marxisti­scher Denker auf dem Gebiet des Öko-Sozialismus, spricht im Sinne des Anthro­pozän von einer »zweiten kopernikani­schen Revolution«. So wie sich die Planeten nach Kopernikus nicht mehr um die Erde, sondern um die Sonne drehen, würde die Menschheit nicht so sehr von der Natur beeinflusst, sondern selbst zur wesentli­chen Naturkraft werden. Er ist davon über­zeugt, dass die Menschen ihr Verhältnis zur Erde bereits grundlegend verändert haben.

Kapitalozän

Der marxistische Politikwissenschaftler Elmar Altvater8 wurde noch konkreter. Er sprach nicht von Anthropozän, sondern gab der gegenwärtigen geologischen Phase den Namen Kapitalozän. Damit betonte er, dass nicht »die Menschen« im Allgemeinen das Verhältnis zur Natur gestalten, sondern dass es bestimmte Regierungen und inter­nationale Organisationen, große Banken, Unternehmen, Investmentfonds, Ölkon­zerne usw. wären. Altvater kann sich auf die tatsächliche Lage stützen: »Nach Oxfams Berechnungen aus dem Jahr 2014 verfügen die reichsten 85 Menschen über denselben Reichtum wie die ärmere Hälfte der Erdbevölkerung zusammen.«9 Das Schicksal der Welt entscheiden nicht die Menschen gemeinsam, sondern eine Min­derheit, die sich auf das knechtende System der Ausbeutung anderer Menschen stützt. Diese Minderheit steigert zwar die mensch­lichen und technischen Produktivkräfte, aber eigennützig und auf sich bezogen. Sie bemächtigt sich der Natur, aber auch der Menschen, die ihr unterworfen sind, und gestaltet durch Werbung deren Konsum­verhalten. Es geht dem Kapital tatsächlich nicht um das gute Leben, das die Menschen anstreben, sondern um Extraktion und Aneignung von Profit.

System Change, not Climate Change!

Durch den Begriff Kapitalozän stellt Altvater die Systemfrage in den Mittelpunkt. Nicht bloß eine gesunde Umwelt ist anzustreben, sondern eine durchgängig humane Gestal­tung aller Lebens- und Arbeitsbedingun­gen. Das ist durch ökologische Forderungen allein nicht zu erreichen. Werden die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen als Ziel der Veränderung nicht einbezogen, besteht zusätzlich die Gefahr, dass der Wunsch nach einer menschenfreundliche­ren Umwelt zu einer unerfüllbaren, rein emotionalen Forderung wird, der keine Kraft zur Veränderung innewohnt.10

1) 1 ppm = 1 CO2-Molekül auf eine Million Teilchen der Atmo­sphäre = CO2-Dichte von 0,01 Prozent https://de.wikipedia.org/wiki/Kohlenstoffdioxid_in_der_Erd­atmosph%C3%A4re#Anthropogener_Anstieg_der_CO2-Kon­zentration

2) Vladimir I. Vernadskij, Der Mensch in der Biosphäre –Zur Naturgeschichte der Vernunft (Hg. Wolfgang Hofkirchner), Lang, Frankfurt 1997: 34.

3) The Begriff Noosphäre wurde schon 1927 von Le Roy verwen­det.

4) https://www.scientificamerican.com/magazine/sa/1970/09-01/

5) Karl Marx, Die Deutsche Ideologie, MEW 3, 1969: 44

6) http://www.mlwerke.de/me/me20/me20_444.htm: 452/453.

7) John Bellamy Foster, Marxism in the Anthropocene: Dialecti­cal Rifts on the Left, International Critical Thought, 2016, Vol. 6, No. 3: 393-421; 393

8) 1938-2018; https://jasminrevolution.wordpress.com/ 2018/03/08/altvater-kapitalozan-der-kapitalismus-schreibt-erdgeschichte/

9) https://de.wikipedia.org/wiki/Verm%C3%B6gensverteilung

10) Herbert Hörz, Ökologie, Klimawandel & Nachhaltigkeit – Herausforderungen im Überlebenskampf der Menschheit, trafo Verlag, Berlin 2018: 97.

Gelesen 702 mal Letzte Änderung am Samstag, 13 April 2019 12:00
Artikel bewerten
(0 Stimmen)
Peter Fleissner

Das Neueste von Peter Fleissner

Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten