ALTERNATIVE MEDIEN: Villa kunter¬bunte Vielfalt Bärbel Danneberg Bärbel Danneberg
13 April

ALTERNATIVE MEDIEN: Villa kunter¬bunte Vielfalt

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Zu Besuch in der Redaktion »Augustin«. Text und Fotos von BÄRBEL DANNEBERG.

Der Eingang in der Reinprechtsdorfer Straße 31 im 5. Wiener Gemeindebezirk ist bescheiden. Vorbei an den ausgestellten Lederwaren eines Taschengeschäfts weist das Schild in der Nische auf den »Augustin« hin, einmal läuten, Tür öffnet automatisch. Der Innenhof ist leer. Ein Mann sitzt allein mit seinem Bier unter der Pergola, der beginnende Frühling ist noch winterlich. Die buntbemalten Bänke haben Jugendliche aus dem Bauholz vom Hütteldorfer Stadion gebastelt, wird mir Jenny später erzählen.

Drinnen im Parterre rechts, im Sozialraum, ist emsiges Leben. Der neue »Augustin« ist druckfrisch da und die VerkäuferInnen holen sich ihre Packerln. Hier wird Kaffee gekocht, der Vertrieb organisiert, hierher bringt die Tafel für die VerkäuferInnen Lebensmittel, es wird getratscht, Kleidung weitergegeben. »Frauentisch jeden Diens­tag 11 bis 14 Uhr«, steht auf einem Plakat. »Man stirbt nur an zwei Sachen«, sagt eine blonde Frau, die mit anderen an dem gro­ßen Tisch sitzt und Kaffee trinkt, »an Krebs oder Herzinfarkt.« Sie sprechen über den Verlust eines Verkäufers. Eine Coloured Woman sucht sich aus einer Kiste Klei­dungsstücke aus. Überall picken Plakate, Bilder, Zettel und »Augustin«-Cover an den Wänden, der Sozialraum strahlt Wärme und lebhafte Willkommenskultur aus.

Liebenswerte Lässigkeit

Im ersten Stock ist die »Augustin«-Redak­tion. Die Stiegen hinauf sind mit sparsam vor sich hinblühenden Pflanzen und schö­nen Porträtfotos geschmückt. Die Wände der L-förmig angeordneten Redaktions­räume sind übersät mit Fotos, Bildern, Erinnerungszetteln, Covern, Ordnern, ein Wuzzler steht breitbeinig im Raum. Evi sitzt am großen Schreibtisch im »Emp­fang«, Ruth ist gerade mit dem Mittagessen beschäftigt, Reinhold eilt wichtigen hin und her und Lisa muss daheim den Kindsvater vertreten, der Zahnweh hat. Jenny bittet mich für unser Gespräch zur schwarzen Ledercouch. Eine Mischung aus Konzentra­tion, Lässigkeit, Arbeit und Liebenswürdig­keit hängt im Raum. Das rotfarbige »Stimmgewitterbild stammt von Andreas Hofer, der auch nicht mehr lebt«, sagt Jenny.

Zur Redaktion gehören Lisa Bolyos, Jenny Legenstein, Ruth Weismann und Reinhold Schachner. Sie sind für 20- bzw. 25-Wochenstunden angestellt. Evi Rohrmoser ist sozusagen die »Empfangsdame« des Vereins Sand & Zeit, wie sie lachend meint. Wie ist es möglich, mit dieser dünnen Per­sonaldecke alle 14 Tage eine so qualitäts­volle und inhaltsreiche 40-seitige Zeitung herauszubringen, frage ich. »Na ja, wir müssen gut vorplanen«, sagt Jenny beschei­den, »und sehr viele ›Freie‹ schicken uns ihre Artikel.« Es gehört viel Arbeit und Engagement dazu, nicht nur das Printpro­dukt herauszubringen, sondern auch die vielen anderen »Augustin«-Projekte mit den freiwilligen HelferInnen im jetzigen Rahmen am Leben zu halten: Radio, Fernse­hen, Stimmgewitterchor, Theater, Fußball, Radiowerkstatt, Tischtennis, Strawanzerei-Stadtführungen mit Augustin-VerkäuferIn­nen als guides, Rechtsberatung ... Öffentli­che Förderungen gibt es keine und will der der sozialen Arbeit unterstützt. Sie bringen sich im Vertrieb ein und begleiten gelegentlich die VerkäuferInnen auf Ämter und auf ihren Verkaufswegen, »denn manchmal gibt es Schwierigkeiten mit den Geschäftsinhabern«, sagt Jenny. »Augustin« auch nicht, »unsere Unabhängigkeit ist uns wichtig«, sagt Jenny. Unterstützung kommt auch von SozialarbeiterInnen, zwei Frauen und zwei Männer sind angestellt und werden manchmal durch Studierende.

Hartes Brot

Hartes Brot ist das auch für den »Augustin«, der, wie auch die »Volks­stimme«, zum Bündnis Alternativer Medien BAM (www.bam.jetzt) gehört. Denn sein Erfolg hängt von den ver­kauften und gelesenen Zeitungen ab. »Der Verkauf geht zurück«, sagt Jenny. Andere Lesegewohnheiten, soziale Medien, Umsonstblätter in den U-Bahnen, Sparprogramme, ver­stärkte Fremdenfeindlichkeit und Angriffe auf VerkäuferInnen würden sich negativ auswirken. Kam deshalb der »Notschrei« für eine »Augustin«-Supporters-Konferenz am 5. März im Wiener Albert-Schweitzer-Haus, die von Renata Schmidtkunz (Ö1) mode­riert wurde? Die sprudelnden Ideen (nachzulesen im aktuellen »Augus­tin«, also kaufen!) zeugen vom (Über)Lebenswillen dieses einzigarti­gen Projekts. Wenn von den 19.000 Exemplaren der letzten Ausgabe nur jede zweite LeserIn eine weitere andere Person als Augustinkund­schaft gewinnen würde, wäre viel gewonnen. Wie ich in meiner »Augus­tin«-Dannebergpredigt im Konjunktiv jetzt schreiben würde: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? (Markus 8:36) Durch Lektüre der ersten und besten Boule­vardzeitung die halbe Welt zu gewin­nen und Schaden abzuwehren, ist ja auch schon was.

Gelesen 466 mal Letzte Änderung am Samstag, 13 April 2019 11:41
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