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Katarina Anastasiou, eine Griechin aus Wien. Volksstimme Redaktion Katarina Anastasiou, eine Griechin aus Wien. Jörg Stefke
10 März

EU-WAHL Eine Griechin aus Wien

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Politisiert hat sich Katerina im Athener Gymnasium. Die damalige Regierung hatte die geniale Idee, den Platzmangel an den Universitäten durch verschärfte Aufnahmsprüfungen zu lindern. Die Schüler Innen, schwer engagiert in Bildungsfragen, wehrten sich mit Schulbesetzungen. Katerina war mitten drin und dabei, sowohl in der Unter- als auch in der Oberstufe. An der Athener Universität organisierte sie sich für kurze Zeit in der kommunistischen Jugendorganisation, war da aber schon am Sprung nach Österreich. Hier belegte sie an der Wiener Uni Biologie. Jobte, verdiente ihr Geld als Kellnerin und Bademeisterin, Rezeptionistin, gab Englisch-Nachhilfe unterricht, arbeitete am Naturhistorischen Museum.

Politisch organisierte sie sich zunächst in der Sozialistischen Jugend Ottakring; verabschiedete sich aber nach kurzer Zeit von dort, als ihr der Umgang der SPÖ mit der Linken »am Oasch« ging; warf zunächst ein interessiertes Auge auf autonome Strömungen, engagierte sich dann aber mit ganzer Kraft in sozialen Bewegungen. 2012 näherte sie sich Syriza an, ohne Mitglied zu werden, und arbeitete in Solidaritätsinitiativen mit. 2013 begründete sie mit anderen AktivistInnen eine eigene transnationale Gruppe mit dem Namen »Precarity office«. Den Anstoß dazu gaben ihr die »Herrschenden der EU, die zu dieser Zeit dem Süden Europas technokratische Regierungen aufzwangen und das Leben der Bevölkerung rapide verschlechterten«.

Gegen diskriminierende Mythen

Sie knüpfte europaweite Kontakte und wirkte gemeinsam mit SpanierInnen, ItalienerInnen und anderen »gegen die diskriminierenden Mythen, die über den Süden Europas verbreitet wurden«. Bemühte sich um Gegenöffentlichkeit, wollte »durch die korrekte Darstellung der Situation in den Ländern des europäischen Südens in die österreichische Gesellschaft hineinwirken«. Organisierte Proteste, Informationsveranstaltungen, fühlte sich dabei »von Grünen und SPÖ immer alleine gelassen«.

Als dann die Erpressungspolitik gegen die Syriza-Regierung voll durchschlug, erlebte sie bei ihren Aufenthalten in Griechenland hautnah mit, was es heißt, »wenn eine ganze Gesellschaft und ihr Wille zur Veränderung durch das Diktat der neoliberalen Eliten auf die Knie gezwungen wird«; sie organisierte konkrete Hilfe für soziale Initiativen und Bewegungen in Griechenland, und zwar »voller Zorn«, wie sie sagt, »über die Brutalität, mit der Griechenland niedergedrückt wurde, um die Banken zu retten«. Ob sich der Zorn nicht mit Enttäuschung paarte? »Natürlich«, meint Katerina Anastasiou, »denn viele, wie ich, lebten bis Juli 2015 mit der Hoffnung, dass wir anhand des griechischen Beispiels ganz Europa verändern könnten. Dass die Kräfteverhältnisse in Europa nicht zu unseren Gunsten waren, wussten wir. Aber wir dachten, dass die Demokratie eine Schutzwand sein würde gegen die Austeritätspolitik. Als wir dann in dieser politischen Schockstarre waren, begann die Schließung der Grenze und die forcierte Militarisierung der EU«.

Für alle EuropäerInnen im Land

Katerina arbeitet seit 2015 im Wiener Büro von transform!europe, und heute ist sie die Spitzenkandidatin der EU-Wahlliste KPÖ PLUS – European Left – Offene Liste. Ihre Erfahrung und ihre Beziehung zum Süden Europas nimmt sie mit in den Wahlkampf. »Ich kandidiere für alle in Österreich Lebenden EuropäerInnen«, betont sie, das heißt auch »für jene 700.000 EU-BürgerInnen, die oft gar nicht wissen, dass sie wahlberechtigt sind«. Darum will sie auch diese Menschen ansprechen und sie zur Beteiligung an der Wahl motivieren. »Die schwarz/blaue Regierung hat auch die ArbeiterInnen, die aus verschiedenen Staaten der EU kommen und hier leben, zur Zielscheibe ihrer Spaltungspolitik gemacht. Sie ist sogar bereit, bestehende EU-weite Regelungen zu brechen, z. B. mit dem Gesetz der sogenannten Familienindexierung. Menschen, die aus ärmeren EU-Staaten kommen, hier arbeiten und dieselben Steuern und Abgaben zahlen, sollen weniger Familienbeihilfe für ihre im Herkunftsstaat verbliebenen Kinder bekommen, jene aus reicheren EU-Staaten dagegen mehr – obwohl, ich sage es noch einmal, die einen und die anderen EU-BürgerInnen dieselben Beiträge in den österreichischen Steuertopf einbringen. Auch darum will ich mitsamt den Freunden und Freundinnen, die mit mir kandidieren, eine Stimme sein für die Interessen aller in Österreich lebenden Menschen«.

Es sind die Kräfteverhältnisse

Den Rechtsextremen werden beim kommenden EU-Wahlgang Gewinne prognostiziert, den Konservativen und den SozialdemokratInnen dagegen Verluste. Anastasiou schreibt das vor allem auf das Konto der neoliberalen Kürzungspolitik, »die viele Menschen wütend macht, in die Armut und die soziale Isolation treibt. Rassismus war zwar immer da, mit Hilfe nicht nur der Rechten wird er jetzt normalisiert. So wie bisher kann es nicht weiter gehen. Schwarz-Blau auf europäischer Ebene muss verhindert werden«.

Und die Linksparteien, die bunte Fraktion der Linken im EU-Parlament, in der auch das Parteienbündnis European Left vertreten ist? »Die GUE/NGL wird ihre Mandate wohl halten und ein wenig dazugewinnen, aber insgesamt ist auf der Linken noch Einiges aufzulösen. Ich tausche mich sowohl innerhalb und mit der Europäischen Linken aus als auch mit Zusammenschlüssen wie Diem25. Ich bin entschieden für Zusammenarbeit der Linken auf europäischer Ebene; die Politik der Linken muss ebenso internationalistisch und europäisch-integrativ sein, wie es die internationale Verflechtung von Wirtschaft, Politik und Umweltproblemen ist. Wir dürfen Europa weder den Neoliberalen noch den Rechtskonservativen und Rechtsextremen überlassen«. Auch unter Linken gibt es Stimmen, sich auf den nationalen Rahmen zurückzuziehen; die EU sei nicht reformierbar, wer holt uns da raus usw. Katerina Anastasiou dazu: »Dass es in der EU so aussieht wie es aussieht, liegt an den Kräfteverhältnissen der nationalen AkteurInnen auf europapolitischer Ebene. Und genau dieses Kräfteverhältnis wollen wir, die Linke Europas, ändern. Darum trete ich an«. Und Punkt.

Gelesen 1056 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 21 März 2019 10:49
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