10 März

MIGRATIONSGESELLSCHAFT: Über Wertekurse und die Grenzen der Feigheit

von

Überlegungen einer Kursleiterin, die in der IG DaZDaF­Basisbildung aktiv ist. Als Verfasserin bleibt sie hier lie­ber anonym, da ihre Kolleg*innen sich gerade für eine ÖIF-Zertifizierung entschieden haben – und der ÖIF hat sich bisher kritischen Stimmen gegenüber wenig offen gezeigt.

Rückblende

Es ist Juni 2017, die SPÖ-ÖVP-Koalition ist am Ende, die Diskussionen im Natio­nalrat scheinen chaotisch. Ich verfolge den Live-Ticker zur Sitzung des Nationalrats, da für diesen Tag eine Entscheidung über das Integrationsgesetz ansteht. Die Diskussion dazu muss ich wohl verpasst haben – am nächsten Morgen entdecke ich jedoch mit einer Mischung aus Wut und Resignation, dass das Integrationsgesetz in Kraft treten wird. Für Drittstaatsangehörige bedeutet dies, dass ihr Aufenthalt in Zukunft nur noch verlängert wird, wenn sie Nachweise über die erfolgreich abgelegte Integrations­prüfung vorlegen können. Dass Aufent­haltstitel und »gelungene Integration« an den Nachweis von Sprachkenntnissen gekoppelt werden, ist leider weder in Österreich noch sonst wo in der EU etwas Neues. Neu in Österreich ist, dass nun neben Sprachkenntnissen ein weiterer Prü­fungsteil »Werte und Orientierungswissen« abfragt wird.

Warum mich das betrifft?

Zunächst einmal betrifft die Frage, wie mit Menschen umgegangen wird, die – aus wel­chen Gründen auch immer – nach Öster­reich/Europa kommen, uns alle. Aber das ist ein anderes Thema, es soll hier spezi­fisch darum gehen, was die neue Gesetzge­bung für diejenigen bedeutet, die in der Erwachsenenbildung arbeiten.

Ich bin bereits seit einigen Jahren Kurs­leiterin in der Basisbildung, ich lerne gemeinsam mit Gruppen von acht bis zehn Frauen (Migrantinnen, geflüchtete Frauen) und orientiere mich dabei an den Prinzi­pien und Richtlinien für die Basisbildung der Initiative Erwachsenenbildung. Die Basisbildung folgt unter anderem Positio­nen der kritischen Pädagogik, der Migrati­onspädagogik und der postkolonialen Theorien. Dabei steht die Handlungsfähig­keit der Lernenden im Mittelpunkt. Lernen und Lehren geschehen im Prozess, im Dia­log mit den Lernenden. Basisbildung ver­steht Lernen als dialogisch und wechselsei­tig. Basisbildung ist wissenskritisch. Basis­bildung fördert die Autonomie von Lernen­den als Akteur*innen ihrer Lernprozesse und setzt daher nicht voraus, dass Teilneh­mer*innen nach einer bestimmten Zeit im Kurs eine Prüfung absolvieren müssen.

Basisbildung ist noch einiges andere mehr und natürlich nicht frei von Wider­sprüchen – Hierarchien, Paternalismus und prekäre Arbeitsbedingungen durch nicht ausreichende Fördergelder gibt es auch hier.

Dennoch steht die Basisbildung für eine Art Gegenentwurf zu dem, was nun in Folge des neuen Integrationsgesetzes durch den Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) implementiert wird: Teaching to the test, nur abprüfbares Wissen zählt, Ziel von Kur­sen ist das rasche Absolvieren einer Prü­fung, »Lernen« ist hier gleichgesetzt mit der Fähigkeit, ein Kreuzchen bei den richti­gen, vorher auswendig gelernten Antwor­ten zu machen. Und wer richtig ankreuzt, ist »integriert«???

Was hier passiert, ist nicht vereinbar mit den Erfahrungen, die ich und andere Kol­leg*innen in unserer Arbeit gemacht haben. Es widerspricht den genannten Prinzipien und Richtlinien der Basisbildung. Es wider­spricht ebenso aktuellen Theorien und For­schungen aus dem Bereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (DaF/DaZ) wie auch fundierten Grundsätzen der Politi­schen Bildung. Kritische Stimmen aus der Forschung und aus der Praxis wurden bereits lange vor der Entscheidung im Nationalrat eingebracht, vielstimmig, über Jahre, in Form von Stellungnahmen und Protesten – das Integrationsgesetz wurde dennoch verabschiedet. Denn all das geschieht in einem politischen Kontext, in dem ständig neue Maßnahmen gefordert werden, die den Druck auf Migrant*innen und Geflüchtete verschärfen: Strafen für diejenigen, die die Integrationsprüfungen nicht fristgerecht absolvieren, Kürzung von Sozialleistungen, »Asyl auf Zeit« und ver­mehrte Abschiebungen (nach Vorstellung von Innenminister Kickl gerne auch in »gewisse sichere Gebiete« Syriens). Das Integrationsgesetz ist Teil einer Politik, die auf Nationalismus und Populismus setzt, die Angst schürt und die das Thema »Inte­gration« nutzt, um zu polarisieren – und so das Feld der Bildungsarbeit und Beratung von/für/mit Migrant*innen und Geflüchte­ten massiv vereinnahmt und kontrolliert.

Viele private, profitorientierte Sprach­schulen haben die neuen Prüfungsformate sofort angeboten – ein neues Produkt im Sortiment, das sich auf Grund der hohen Nachfrage gut verkauft. Vereine, Bera­tungsstellen und NGOs, die im Feld arbei­ten, müssen sich früher oder später positio­nieren. Klar ist, dass für sehr viele Kursteil­nehmer*innen ein positiver Prüfungsab­schluss entscheidend ist. Klar ist auch, dass die Zusammenarbeit mit dem ÖIF Vorteile und Sicherheit bedeutet – denn der ÖIF ist durch das neue Integrationsgesetz zum großen Player geworden. Es ist zu erwar­ten, dass Projekte in Zukunft zunehmend (wenn nicht ausschließlich) über den ÖIF finanziert werden. Aber wer mit dem ÖIF zusammenarbeitet, wird auch die Bedin­gungen des ÖIF akzeptieren müssen. Und das bedeutet: Deutschkurse haben das Ziel, die Teilnehmer*innen auf die Integrations­prüfung vorzubereiten. Punkt. Da bleibt kein Raum mehr für Wechselseitigkeit, für Austausch und Dialog, für gemeinsames Lernen, für Autonomie, für Reflexion, für kritische, politische Bildungsarbeit. Wer sich die Prüfungsformate und Unterrichtsma­terialien des ÖIF anschaut, wird feststellen, dass all das auch gar nicht vorgesehen ist.

Der Druck auf alle – Kursleiter*innen, Bera­ter*innen, Projektleitungen und Teilnehmer* innen – ist immens. Immer mehr entschlie­ßen sich doch dazu, sich vom ÖIF zertifizie­ren zu lassen und die neuen Prüfungsfor­mate anzubieten. Von vielen Kolleg*innen höre ich den Satz »Ich bin ja auch gegen das alles, aber ...« gefolgt von dem Argument, dass es darum gehe, die Teilnehmer*innen möglichst gut zu unterstützen oder auch die Arbeitsplätze der Kolleg*innen in Zukunft sichern zu können. Beides ist auch mir wich­tig, aber ich frage mich: Welchen Preis sind wir bereit, dafür zu zahlen? Wer die Integra­tionsprüfung anbietet, trägt diese Politik mit – wenn auch unter Protest. Solange es noch Projekte gibt, die nicht über den ÖIF finan­ziert und kontrolliert werden, gibt es die Möglichkeit (und auch die Verantwortung), als Kursinstitut, Verein oder NGO bewusst Position zu beziehen. Wenn Widerstand und Proteste aus der Praxis, aus den Kursen, von Kursleiter*innen und Berater*innen laut, zahlreich, kollektiv, solidarisch und ent­schlossen gewesen wären, dann hätten wir dieses Gesetz vielleicht noch verhindern können. Und selbst jetzt könnten wir noch ein Zeichen setzten, wenn wir uns zusam­menschließen und diese Prüfung gemeinsam nicht anbieten. Natürlich müssen viele unse­rer Teilnehmer*innen die Prüfung ablegen – aber Prüfungen können schließlich auch unabhängig vom Kurs extern gemacht wer­den. Es schließt sich nicht gegenseitig aus, ein Zeichen zu setzen und die Teilnehmer*innen dennoch zu unterstützen. Beides scheint mir gleichermaßen wichtig und notwendig.

Vor ein paar Wochen habe ich bei einem Besuch im Haus der Geschichte eine Karte mit einem Zitat gezogen, das seitdem mein Nach­denken über die Frage der Positionierung begleitet. Es ist von Ruth Klüger und lautet: »Wo liegen die Grenzen der Feigheit, die man sich zumutet?« Ich würde mir wünschen, dass wir uns da, wo wir unter den gegebenen Bedingungen die Möglichkeit haben, etwas weniger Feigheit zumuten.

Für weitere Infos siehe: igdazdafbasisbildung.noblogs.org

VS 2019-03 PRINT GZD.qxp_PRINT 27.02.19 00:18 Seite 10

Gelesen 410 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 21 März 2019 10:51
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