Berenice Hebenstreit Rainer Hackauf Berenice Hebenstreit Lisa Edi
10 März

BÉRÉNICE HEBENSTREIT: Meine Utopie ist ein Theater an der Schnittstelle zur sozialen Bewegung

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Mit dem Stück »Superheldinnen« nach einem Roman von Barbi Markovic feierte die in Wien lebende Theater Regisseurin BÉRÉNICE HEBENSTREIT im vergangenen Jahr einen ersten großen Erfolg. Aktuell ist ihr Stück »Watschenmann« nach dem gleichnamigen Roman von Karin Peschka im Volx/Margareten zu sehen. Theater­kritikerInnen wurden auf Hebenstreit aufmerksam, da sie auch jenseits der Bühne politisch aktiv ist. RAINER HACKAUF hat sich für die Volksstimme mit Hebenstreit getroffen und nach dem Verhältnis von Politik und Theater gefragt.

Rund um dein aktuelles Stück »Wat­schenmann« sind recht viele Interviews mit dir erschienen. Hat dich die plötz ­liche Nachfrage überrascht?

BÉRÉNICE HEBENSTREIT: Ich glaube, das ist eine Kombination aus unterschied­lichen Umständen. Einerseits ist mein Stück »Superheldinnen« letztes Jahr gut besprochen worden, mit dem »Watschen­mann« gibt es gerade eine Uraufführung in meiner Inszenierung zu sehen. Und dann hat es wohl auch damit zu tun, dass ich mich im letzten Jahr sehr kritisch zu Geschlechterverhältnissen am Theater geäußert habe. So habe ich am linken mosaik-Blog dazu einige kritische Beiträge geschrieben und verweise darauf auch gerne, da mir das Thema wichtig ist. Durch #MeToo ist auch in Bezug auf Theater und seine Strukturen das Thema Macht und Geschlecht sehr aktuell. Dazu werde ich als junge Regisseurin natürlich von Journalistinnen gerne gefragt.

Du machst kein Hehl daraus, dass du jenseits der Bühne auch politisch aktiv bist. Politik und Theater stehen bei dir in welchem Verhältnis?

BÉRÉNICE HEBENSTREIT: Ich bin bei Attac aktiv und schreibe eben auch für kritische Blogs, bin zudem auch in der Vernetzung von Frauen im Theater aktiv. In dieser Rolle als Aktivistin verhalte ich mich natürlich zu gesellschaftlichen Pro­blemen, mitunter auch problematischen Strukturen am Theater selber. Ich habe eine Meinung, die ich diskutieren kann. Als Regisseurin ist die Ebene der Ausei­nandersetzung eine andere. Natürlich interessieren mich auch hier oft gesell­schaftspolitische Themen, aber es geht nicht um möglichst einfach lesbare Bot­schaften. Im Theater kann ich meine Beschäftigung mit der Welt sinnlich erfahrbar machen und zu einem Diskurs anregen. Das sind zwei verschiedene Ebenen, die sich nicht immer direkt ver­gleichen lassen.

Dein aktuelles Stück »Watschenmann« ist dafür ein gutes Beispiel, spielt es doch im Wien der Nachkriegszeit.

BÉRÉNICE HEBENSTREIT: Die politische Dimension ist hier natürlich die Frage,inwieweit der Nationalsozialismus im Nachkriegsösterreich aufgearbeitet wurde. Der dem Stück zugrunde liegende Roman stellt diese Frage über sehr beson­dere Figuren, die in dieser Zeit leben. Figuren, die am Rand der Gesellschaft leben und von dem einsetzenden Auf­schwung der Zeit nicht profitieren. Zen­tral ist die Figur des Watschenmanns, der Menschen provoziert, um sich zusammen schlagen zu lassen, um – in seinen Worten – so den Menschen den Krieg auszutrei­ben. Damit sind auch die inneren Kriege gemeint, die nach 1945 kein Ende gefun­den haben. Aktuell für mich ist auch die beschriebene Gewaltbereitschaft der Gesellschaft. Ich habe das Gefühl, dass diese Gewalt im Zuge der rechten Wende gerade wieder auflebt.

Derzeit ist die Leitung des Volksthea­ters ausgeschrieben. Dort hast du in den letzten Jahren viel gearbeitet. Wo liegt die Zukunft von Häusern wie dem Volkstheater?

BÉRÉNICE HEBENSTREIT: Ich stelle mir die Frage, wie die hierarchischen Struktu­ren großer Theaterhäuser langfristig ver­ändert werden könnten. Wie könnte eine Demokratisierung aussehen? Ich denke, da hinzukommen ist ein schrittweiser Prozess. Anfangen muss das ganze damit, den Mythos infrage zu stellen, dass starke oder auch vermeintlich geniale Einzel ­persönlichkeiten die Geeignetsten sind, ein Haus künstlerisch zu leiten. Struktu­rell würde das sehr viele Änderungen nach sich ziehen in Bezug auf Arbeits ­zeiten, Geschlechtergerechtigkeit oder auch finanzielle Transparenz. Progres ­sives Theater müsste mehr von der Basis gedacht werden und den Anspruch haben, den Theaterbetrieb an sich, also die Pro­duktionsweise, zu ändern.

Auf einer künstlerischen Ebene sollte Theater unabhängig von politischen Kräfte verhältnissen, kritisch über Gesell­schaft sprechen können.

Meine persönliche Utopie ist ein Thea­ter an der Schnittstelle zur sozialen Bewe­gung. Ein Ort, wo demokratische Ent­scheidungsprozesse erprobt werden, sich die Diversität der Gesellschaft wider ­spiegelt und auf künstlerischer Ebene alternative Erzählungen zum vorherr­schenden Kapitalismus spielerisch und sinnlich erfahrbar gemacht werden.

Ist ein demokratisches Theater mög­lich?

BÉRÉNICE HEBENSTREIT: Das ist eine gute Frage, die sich uns ja auch in ande­ren Lebensbereichen stellt. Wenn Struk­turen sehr groß werden, wie demokra­tisch können sie dann noch sein? Inwie­weit müssen Entscheidungspositionen und Verantwortlichkeiten verteilt sein? Die übliche Skepsis, »wenn zu viele Men­schen an einem Prozess beteiligt sind, dann wird es nicht funktionieren, es wird dabei nichts herauskommen«, teile ich nicht. Es stimmt schon, dass wir sehr wenig gewohnt sind, gemeinschaftlich Entscheidungen zu treffen. Es gibt aber natürlich schon Strukturen genau dafür, die es wert wären, etwa auch im Betrieb, ausprobiert zu werden. Warum sollte das im Theaterbetrieb nicht möglich sein? Oft wird Demokratisierung mit der Auflösung von Verantwortlichkeiten verwechselt. Es geht darum, Macht anders zu verteilen und diese Verteilung gestaltbar zu machen. Das heißt nicht, dass es unmög­lich wird, z. B. als Regisseurin künstleri­sche Entscheidungen zu treffen. Ich denke schon, dass ein anderes Theater möglich ist – und auch schon Versuche dahinge­hend unternommen werden.

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