Bitcoins – Spekulation für alle? Karl Reitter Orig. Foto: Aleks van Sputto, CC BY-SA 2.0 / flickr
14 Dezember

Bitcoins – Spekulation für alle?

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Der fiktive Wert der Bitcoins erreicht inzwischen ungeahnte Höhen. Sie werden im Wesentlichen aus zwei Gründen erworben: Sie dienen erstens als anonymes Zahlungsmittel im Internet und zweitens als Spekulationsobjekt. Wer heute Bitcoins erwirbt, hofft vor allem darauf, dass ihr Wert weiter steigt.

Dass diese Blase irgendwann platzen wird, ist klar. Um dieses Thema soll es hier nicht gehen. Sondern um einen Umstand, der kaum jemals erwähnt, ja vielleicht nicht einmal erkannt wird. Spekulationen im Finanzsektor existieren schon seit Marxens Zeiten. Mit den politisch durchgesetzten Deregulierung hat Umfang und Intensität der Finanzspekulationen massiv zugenommen. Aber die Beteiligung an solchen Spekulationen war und ist eine elitäre Sache. Spekulationen mit Aktien, Anleihen, Optionen, Derivaten oder den seit einigen Jahren entwickelten Credit Default Swaps können nur von Fachleuten und den dazu befugten Unternehmungen durchgeführt werden. Insbesondere die sogenannten Hedge-Fonds sind Normalsterblichen verschlossen. Für Laien sind Bestimmungen, Usancen, Sprache und Standardisierungen Bücher mit sieben Siegeln. Obwohl die Mechanismen der Plusmacherei letztlich einfach sind, werden diese von ausufernder Terminologie überwuchert, wie Marx bereits 1853 feststellte:

»Es gibt wahrscheinlich keinen größeren Humbug in der Welt als das sogenannte Finanzwesen. Die einfachsten Operationen, die Budget und Staatsschuld betreffen, werden von den Jüngern dieser ›Geheimwissenschaft‹ mit den abstrusesten Ausdrücken bezeichnet; hinter dieser Terminologie verstecken sich die trivialen Manöver der Schaffung verschiedener Bezeichnungen von Wertpapieren – die Umwechslung alter Papiere gegen neue, die Herabsetzung des Zinses und die Erhöhung des nominellen Kapitals, die Erhöhung des Zinses und die Herabsetzung des Kapitals, die Einführung von Prämien, Bonussen und Prioritätsaktien, die Unterscheidung zwischen amortisierbaren und nicht amortisierbaren Annuitäten, die künstliche Abstufung der Übertragungsmöglichkeiten der verschiedenen Papiere in einer Weise, welche das Publikum mit dieser abscheulichen Börsenscholastik und fürchterlichen Mannigfaltigkeit der Details verwirrt.« (Marx-Engels-Werke Band 9, Seite 54)

Ein undurchdringliches Dickicht an Ausdrücken und der Ausschluss des gemeinen Publikums von den Börsengeschäften legt diese vollständig in die Hand von ExpertInnen, denen der »kleine Mann« weitgehend ausgeliefert ist.

Es geht ausschließlich um den Kurs und dessen Steigen und Fallen – das ist alles. Dank Bitcoin können alle, weltweit und anonym, in die Finanzspekulation einsteigen.

Bei den Bitcoins ist das völlig anders! Auch hier ist Wissen nötig, aber jetzt geht es um die Beherrschung von Software, die es erlaubt Bitcoins zu besitzen und zu handeln. Ein Eldorado für Computer-Nerds wurde geschaffen, die dem Publikum auch gerne den Unterschied von Full-Node-Clients, SPV-Client, Webwallets, In-Browser Wallets und Hardware Wallets erklären. Eine Welt jenseits der Börsen-Welt, jenseits von Broker, Trader und Börsen-Fachleuten hat sich geöffnet. Die Profis der Bitcoin-Welt sind aus völlig anderem Holz geschnitzt, als die Banken- und Börsengurus. Da geht es um die Handhabung von hochspezialisierten Computeranlagen, die in der Lage sind, jene gigantischen Rechenleistungen zu vollbringen, die für die Verwaltung der Bitcoin Transaktionen nötig sind, und die den Betreibern mit gewollter mathematisch sinkender Wahrscheinlichkeit neue Bitcoins bescheren. Ein neuer Typ von Elite ist entstanden. Wir können getrost annehmen, dass die Pioniere der Bitcoin-Technologie inzwischen wohlhabend, wenn nicht reicht geworden sind. Kein Wunder, dass dieses Milieu ihre Crypto-Währung in den höchsten Tönen preist und allerlei Erwartungen und Hoffnungen damit verbindet – bis hin zur Zähmung des Kapitalismus.

Aber letztlich können alle mitmachen, niemand muss die Elite der Bitcoin-Technologie dazu konsultieren. Alle die in der Lage sind, ein Bitcoin-Wallet einzurichten und die entsprechende Kauf- und Verkaufssoftware zu handhaben, sind dabei. Um mit Bitcoins zu spekulieren, ist es nicht notwendig, die dahinter liegende Kryptographie zu verstehen. Die Fähigkeit, die entsprechenden Programme zu handhaben, genügt. Vor allem ist die ökonomisch-finanztechnische Grundlage von kaum zu überbietender Einfachheit. Es geht ausschließlich um den Kurs und dessen Steigen und Fallen – das ist alles. Dank Bitcoin können alle, weltweit und anonym, in die Finanzspekulation einsteigen. Das ist das eigentliche Versprechen der Bitcoins, und offenbar hat es sich im Kursfeuerwerk niedergeschlagen.

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