Charaktermasken Volksstimme Redaktion Orig. Foto: Harikrishnan Tulsidas CC BY 2.0 / flickr
22 Juli

Charaktermasken

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Im Folgenden finden Sie einen Leserbetrag als Reaktion auf Karl Reitters Kolumne »Die theoretische Seite« aus der Volksstimme No. 6 Juni 2017 von Peter Moeschl.

Es ist ein großes Verdienst Karl Reitters, Marxsche Grundbegriffe allgemein verständlich zu erklären. Diesmal jedoch zu Lasten der erforderlichen Komplexität. In seiner Interpretation des Marxschen Begriffes »Charaktermaske« (mit welchem Marx die Personifikatonen der ökonomischen Verhältnisse beschreibt) hat Reitter einen, wie er sagt, bescheidenen Interpretationsvorschlag unterbreitet. Er »lautet, dass Marx hier nicht viel mehr aussagt, als dass sich im Kapitalismus die Menschen in der ökonomischen Sphäre als ArbeiterInnen, KapitalistInnen, GroßgrundbesitzerInnen, Aktionäre usw. und eben nicht als Menschen an sich gegenübertreten«.

Abgesehen davon, dass die Menschen in ihrer Eigenschaft »an sich« erklärungsbedürftig sind (es kann sich dabei ja nicht um allegorische Erscheinungen der Menschlichkeit handeln), so scheint mir Reitters Vorschlag allzu bescheiden: Es ist hinreichend erwiesen, dass wir in eine sinnhaft gestaltete, symbolisch (vor)kodierte Welt hineingeboren werden, die uns von Beginn an mit ihren verschiedenen Aufträgen versieht. Das drückt sich schon in der impliziten Sprachlichkeit unsrer gegenständlichen Lebenswelt aus – man denke nur an das symbolische Mandat, das uns mit der Erlernung und Ausübung eines Berufes verliehen wird und ohne das uns die Welt, und im Besonderen die Berufswelt, unverständlich wäre. Aber auch alle anderen Lebensbereiche, unsere familiären Verhältnisse etwa, sind mit ihren eigenen Kodes ausgestattet. Und mit dem Fortschreiten der sozialen Differenzierung kommen mehr und mehr politische Kodierungen ins Spiel – das aber nicht nur in einer für uns bewusst fassbaren Weise. Mit anderen Worten: Es handelt sich hier um verschiedene und miteinander auf komplexe Weise interagierende Kodes. In ihrer Zusammensetzung bilden diese Kodes ein ideelles Amalgam, das direkte und indirekte Werthaltungen vermittelt und uns gerade in seinen unbewussten Wirkungsbereichen ideologisch bestimmt: Ideologie ist nämlich das, was wir denken, wenn wir nicht denken – also das, »was uns denkt«.

Bekanntlich steuert und betreibt nicht der Kapitalist das Kapital, sondern umgekehrt, das Kapital den Kapitalisten.

Womit wir auch schon bei der Frage nach der Unpersönlichkeit von Charaktermasken im Kapitalismus angelangt wären: Bekanntlich steuert und betreibt nicht der Kapitalist das Kapital, sondern umgekehrt, das Kapital den Kapitalisten. Es versieht den Kapitalisten mit seiner ihm eigenen Logik. Daher ist es kaum verwunderlich, dass Marx sogar Unbelebtes, nämlich Dinge, mit dem Ausdruck »Charaktermasken« belegt. Schließlich sind die sinngebenden Kodierungen auch in den Gegenständen selbst, in Gestalt einer gegenständlichen Welt, manifestiert. Man könnte auch von einer ideologischen Anrufung durch die gegenständliche Welt – sprich darüber wie sie funktioniert – sprechen.

Hinsichtlich des, von Reitter gegen Heinrich in Stellung gebrachten, Wertgesetzes ist es klar, dass dieses ebenso wenig wie die Hegelsche »List der Vernunft« intentional angewandt werden kann. Trotzdem verwirklicht es sich nicht einfach in Gestalt eines unerkannten naturgesetzlichen Determinismus. Zu seiner Umsetzung benötigt es den Intellekt von Menschen, es muss durch deren Köpfe – und sei es auch nur in Form einer instrumentellen Vernunft – hindurch. Jedenfalls erfordert die erfolgreiche Durchsetzung der vom Unternehmer verinnerlichten »Sachlogik« ein hohes Maß an invidueller Aufmerksamkeit und Intelligenz – man denke bloß an den berüchtigten kapitalistischen Wettbewerb. Und das, obwohl gerade hier ein tieferes Bewusstsein über die gesellschaftliche Funktion des Kapitals nicht erreicht werden darf, sondern psychisch abgewehrt werden muss.

Das führt zu einem weiteren Punkt, nämlich zu dem Problem der »erzwungenen Wahl« im Rahmen der Übernahme eines symbolischen Mandates. Eine erzwungene Wahl – man denke etwa an das Modell eines Raubüberfalles mit der Entscheidungsfreiheit: Geld oder Leben – liegt dann vor, wenn eine freie Entscheidung zwischen den Optionen dadurch unmöglich gemacht wird, dass die eine Option (Genuss des Lebens) zur Voraussetzung der anderen (Genuss des Geldes) dient – sodass also keine echte, jedenfalls aber keine freie Wahl besteht. Trotzdem beruht auch die erzwungene Wahl auf einer persönlichen Entscheidung (und damit auf einer Subjektivierung), die allerdings gerade den vernunftgeleiteten Menschen keine freie Wahl bietet. Solch eine unfreie Entscheidung wird daher gerne mit einem simplen Determinismus ohne jegliche Wahl gleichgesetzt. Das aber vermag der Problematik – zumindest in ihren psychischen Dimensionen – nicht gerecht zu werden. Paradoxerweise macht nämlich erst die Vernunft (und der von ihr erschlossene Möglichkeitsraum) den Menschen (im Gegensatz zum Tier) erpressbar. – Und mehr noch, es ist wiederum die Vernunft – sprich die kontextuell herrschende Vernunft –, welche dem Menschen eine erzwungene Wahl als seine eigene, autonome und bis zur Selbstverständlichkeit vernünftige, Entscheidung empfinden lässt …

Was ich damit sagen will ist, dass sich im hegemonial gewordenen Kapitalismus nicht nur die Kapitalisten, sondern sämtliche Systemteilnehmer (und das sind wir alle) mit den bereits vollständig den Alltag strukturierenden (und derart als vernünftig ausgewiesenen) Ordnungsmustern, den kapitalkonformen »Sachzwängen«, identifizieren müssen. Allerdings wird uns dies – und das ist der springende Punkt – nicht nur passiv, gleichsam als Befehlsempfänger, abverlangt. Mehr und mehr ist hier ein aktiver Einsatz, eine aktive psychische Leistung aller Betroffenen erfordert: Wir sollen auch wollen! Das bedeutet letztlich, dass sich heute fast jeder in einer persönlich-subjektiven und diese zugleich verleugnenden Weise im Rahmen von Kapitalinteressen engagieren muss. Ein in sich widersprüchlicher Vorgang, den die Strukturale Psychoanalyse mit dem Begriff der »perversen Verleugnung« bezeichnet. Das was Marx mit der Metapher »hinter dem Rücken der Proponenten« anspricht, sind also nicht einfach nur unbewusste Prozesse. Ebenso wenig handelt es sich dabei um (voll)bewusste Vorgänge. Vielmehr steht hier das Bewusstsein im Dienste eines kapitalkonformen, weil kapitalgeformten Unbewussten, dessen psychodynamische Wirkungsweisen es erst näher zu ergründen gilt.

Zusammenfassend möchte ich also behaupten, dass der von Marx angeregte Begriff »Charaktermaske« in seiner Funktion alles andere als einfach ist und auch keinen simplen Determinismus ökonomischer Verhältnisse zum Ausdruck bringt. Er könnte aber analytisch fruchtbringend verwendet werden und es wäre an uns, sein Potential im Rahmen weiterer Forschung zu erschließen.

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